Silvesternacht: Immer mehr Strafanzeigen - nicht nur in Köln

10.01.2016

Geht es um eine neue, mit den Flüchtlingen einhergehende Dimension der (sexuellen) Gewalt oder um mehr Aufmerksamkeit, die von Köln ausgelöst wurde?

Besorgte Medien, besorgte Politiker und besorgte Bürger sind aufgeschreckt. Überall tauchen plötzlich Sexattacken während der Silvesterfeiern in Europa auf. Es ist wie ein Virus, das sich ausbreitet und offenbar immer mehr Opfer dazu bringt, eine Anzeige zu machen. Politiker, die auf der wachsenden ausländerfeindlichen Stimmung surfen, heizen die Stimmung weiter an. Medien wie der britische Telegraph machen auf Katastrophenstimmung: "Europe in crisis over sex attacks by migrants".

Dabei könnte es, angestoßen durch die Ausschreitungen vor allem in Köln und Hamburg, vor allem darum gehen, dass nun viele Frauen, die belästigt wurden, und viele Opfer von Diebstählen und Gewalt sich überhaupt bei der Polizei melden, so dass neben einigen Häufungen von womöglich auch organisierter oder verabredeter Gewalt die für solche Tage gewöhnliche Kriminalität zum Vorschein kommt. Dabei wird auch gewahr, was gerne übersehen wird, wie häufig immer noch Frauen in Deutschland oder in Europa sexuell belästigt werden. Das freilich ist derzeit kein Thema, denn im Vordergrund stehen die Übeltäter aus den Reihen der Flüchtlinge und Asylbewerber, die nun nicht den Bombenterror, sondern den Sex- und Gewaltterror über die europäischen Länder bringen, die sich vor dieser Islamisierung schützen müssen - durch Mauern, Überwachung, Kasernierung, massenhafte Abschiebung - und möglicherweise auch Gewalt, wie sie von den Rechten gegen die "Invasoren" schon lange gutgeheißen und teilweise auch praktiziert wird.

Der Ministerpräsident der Slowakei, Robert Fico, meint denn auch, dass "die Idee des multikulturellen Europa gescheitert" sei, und verlangt einen Sondergipfel der EU, um die Vorfälle nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz, in Schweden, Österreich und Finnland zu diskutieren, die nach dem Bekanntwerden der Ausschreitungen von Köln ebenfalls bekannt wurden. Aus dem Büro von EU-Ratschef EU-Gipfelchef Donald Tusk heißt es freilich noch abwehrend, es sei bislang kein offizieller Antrag eingegangen. Derzeit geht es Politikern vor allem darum, möglichst schnell Flagge zu zeigen. Zu sehen ist ein Rudelverhalten, in dem die Öffentlichkeit in Sozialen Netzwerken, in den Kommentaren und auf der Straße, Politiker und Medien sich gegenseitig hochschaukeln. Es gibt nur noch ein Thema, das die Öffentlichkeit umtreibt.

Inzwischen wurden in Köln mehr als 370 Anzeigen aufgenommen, am Freitag waren es erst 170. Als Grund wird angegeben, dass die an anderen Polizeistellen aufgegebenen Anzeigen von Frauen, die zu Silvester nach Köln gefahren waren, nun erst bei der Kölner Polizei ankommen und verarbeitet werden. Die Ermittlergruppe wurde auf 100 aufgestockt, man durchaus erwarten, dass noch mehr Anzeigen eingehen. Allerdings sinkt offenbar der Anteil der Anzeigen, bei denen es auch um sexuelle Belästigung oder Gewalt geht. In 40 Prozent der Fälle würden noch Sexualstraftaten angezeigt, am Freitag lag der Anteil noch bei 70 Prozent.

Verdächtig werden weiterhin vorwiegend junge Männer "aus nordafrikanischen Ländern", berichtet die Polizei. "Größtenteils handelt es sich um Asylsuchende und Personen, die sich illegal in Deutschland aufhalten." Offenbar können die Verdächtigen, auch wenn sie beispielsweise mit entwendeten Handys aufgespürt wurden, nur schwer mit konkreten Straftaten in der Silvesternacht verbunden werden.

"Sex-Mobs in ganz Europa"

Die Bild-Zeitung schiebt immer kräftig mit und heizt mit der Überschrift "Sex-Mobs in ganz Europa" die Stimmung auf, als würde nun ganz Europa plötzlich und erstmalig von sexbessesenen Gewalttätern heimgesucht, die mit der Flüchtlingswelle aus den muslimischen Ländern eingewandert sind. Ganz Europa besteht aus dabei aus Österreich, Schweden und Finnland. Der Focus brachte einen Titel mit einer nackten Frau, auf deren Körper die schwarzen Spuren von Händen zu sehen sind, die sie angelangt haben sollen. Plumper kann man Rassismus bzw. das Schüren von Rassismus kaum machen.

In Schweden haben 14 Frauen aus Kalmar eine Anzeige wegen sexueller Belästigung in der Silvesternacht gestellt. Die schwedische Polizei weist Vergleiche mit der Situation in Köln zurück. Festgenommen wurden ein 15- und ein 20-Jähriger, die mehrere Frauen belästigt haben sollen. Über ihre Identität ist nichts weiter bekannt.

In Helsinki hatte die Polizei in der Silvesternacht eine Gruppe von fast tausend Asylbewerbern, die sich am Bahnhof versammelt hatten, ausgemacht. Nachdem einige Berichte über sexuelle Belästigungen eingegangen sind, löste die Polizei die Ansammlung auf und nahm einige fest. Möglicherweise wurden so Ausschreitungen wie in Köln verhindert, aber das ist Spekulation. Die Diskussion nimmt allerdings nicht die Schärfe wie in Deutschland an.

In Österreich wurden sexuelle Belästigungen in Salzburg berichtet. Die klingen allerdings auch ziemlich nach Alltag, wodurch sie nicht beschönigt werden sollen. Ermittelt wurden drei Verdächtige, zwei junge Afghanen und ein Syrer. Wahrscheinlich sind die Anzeigen auch eine Folge von Köln. So heißt es in einem Polizeibericht von gestern:

Am Abend des 9. Jänner 2016 wurde eine 26-jährige Salzburgerin einvernommen, nachdem sie Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattete. Sie gab der vernehmenden Beamtin gegenüber an, mit Freunden bei der Silvesterparty am Residenzplatz gewesen zu sein. Am 1. Jänner 2016, gegen 1.00 Uhr, tanzten etwa fünf südländisch aussehende Männer neben ihnen und näherten sich. Dabei wurde sie von einem der unbekannten Männer mit der Hand einmal am Gesäß und einmal an der Brust berührt. Eine ebenfalls einvernommene 26-jährige Freundin der Frau gab an, dass sich ihnen schon kurz nach Mitternacht ein unbekannter Mann näherte und dabei kurz mit seinem entblößten Penis spielte. Dieser Mann wird als eher dunkelhäutig mit ausländischer Herkunft beschrieben. Expertinnen und Experten eines eigenen Ermittlungsbereichs im Landeskriminalamt führen weitere Ermittlungen durch.

Ein paar Anzeigen sind auch in Zürich eingegangen. Auch von denen würde man nichts im Ausland wissen, wenn der Fokus nicht gerade darauf liegen würde.

Man muss allerdings der Bild-Zeitung, so sehr sie auch Emotionen schürt, zugestehen, dass sie auch andere Informationen wie diese veröffentlicht: "Laut Statistik des Bundeskriminalamts ist die Zahl der polizeilich erfassten Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen mit etwa 8000 pro Jahr seit 15 Jahren etwa gleich hoch. Die Täter sind vor allem Verwandte und Bekannte. Drei von zehn Tatverdächtigen bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung sind laut BKA nicht deutsch. Unter ihnen stellen türkische Staatsangehörige mit 24,9 Prozent die größte Gruppe. 11,4 Prozent der ausländischen Tatverdächtigen sind Asylbewerber."

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