Das BKA über den in arabischen Ländern bekannten Antanztrick "taharrush gamea"

11.01.2016

Für den Bundesjustizminister Maas waren die gewalttätigen Ausschreitungen in der Silvesternacht organisiert

Angeblich wurde auf Sozialen Netzwerken vor Silvester von "nordafrikanischen Gruppen", wer immer das sein mag, dazu aufgerufen, auch aus Holland, Frankreich oder Belgien, nach Köln zu kommen. Das berichtet Bild am Sonntag mit Verweis auf Polizeiangaben. Offiziell gibt es freilich noch keine Hinweise, dass sich unter den Verdächtigen auch von weiter her eingereiste Nordafrikaner befunden haben. Sie wären wohl auch kaum mehr nachträglich zu identifizieren, wenn sie nicht festgenommen wurden.

Für Bundesjustizminister Maas (SPD) scheint sich die Vermutung zu verdichten, dass die Ausschreitungen des Mobs organisiert waren: "Niemand kann mir erzählen, dass das nicht abgestimmt war", sagte er der Bild am Sonntag. "Wenn sich eine solche Horde trifft, um Straftaten zu begehen, scheint das in irgendeiner Form geplant worden zu sein." Einen Zusammenhang mit den Vorfällen in anderen Städten möchte er auch nicht ausschließen.

Maas fordert eine "sehr sorgfältige Prüfung" möglicher Verbindungen. Allerdings müsste man sich auch fragen, was mit derart abgesprochenen Ausschreitungen mit einer Art Flashmob bezweckt werden sollte. Wollten die möglichen Drahtzieher nur die Silvesternacht für massenhafte Diebstähle ausnutzen, wobei der Angriff auf Frauen und die sexuellen Übergriffe den Raub erleichtern sollten oder auf die (alkoholische?) Enthemmung der Täter zurückzuführen wäre? Oder sollte ein Aufruhr durch unübersehbare Massengewalt verursacht werden, wie er auch eingetreten ist, um was zu bezwecken? Den Hass auf Flüchtlinge allgemein zu lenken? Die Spaltung der Gesellschaft zu vertiefen? Statt Bombenterror also Gewalt- und Sexterror? Gibt es womöglich eine Verbindung zu der Terrorwarnung in München, die sich als Falschmeldung herausstellte und bei der auch schon überlegt wurde, ob sie möglicherweise vom IS stammt, um die Reaktion der Polizei zu testen oder Angst auszulösen? Oder waren es doch nur junge Männer aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, so die Polizei, die sich zufällig vor dem Hauptbahnhof einfanden, um dann aus der Masse heraus und durch Alkohol enthemmt ihre Attacken begangen?

Wie die Welt am Sonntag berichtet, ist dem BKA die kollektiv begangene sexuelle Belästigung von Frauen aus arabischen Ländern bekannt. Dort sei es schon lange ein Problem während großer Versammlungen. Am bekanntesten wurden die teils wohl auch organisierte Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen gegen demonstrierende Frauen auf dem Tahrir-Platz während des Arabischen Frühlings.

Von Gruppen ausgeführte sexuelle Gewalt entstand in Ägypten auch als politische Repression

In Ägypten ist das Phänomen dieser gemeinschaftlich gegen Frauen gerichteter sexueller Gewalt seit mit der 2000er Jahre bekannt, wie Leslie Piquemal in "Perceptions and management of gender roles and dynamics inside OpAntiSH Intervention Teams in Cairo", wo sich seit 2012 Gruppen gebildet haben, die bedrängten Frauen helfen. Es sei allerdings zunächst nur gelegentlich während Massenveranstaltungen (Protesten, Fußballspielen, Konzerten etc.) aufgetreten. Unter den zumeist männlichen Tätern seien auch Polizisten und Soldaten gewesen sowie "baltageyya", Kriminelle, die mit der Polizei zusammenarbeiten. Auf dem Tahrir-Platz wurden Frauen von Mob betatscht, ausgezogen oder mit den Händen, manchmal auch mit Gegenständen, vergewaltigt.

Gemeldet wurden die Vorfälle höchst selten, weil die Frauen Angst hatten, von ihren Familien abgelehnt zu werden. Zudem seien Häufigkeit und Schwere auch durch den Begriff taharrush (Belästigung) verschleiert worden, mit dem eben auch sexuelle Angriffe und Vergewaltigungen bezeichnet werden. Die Behörden hätten das Phänomen lange Zeit verschwiegen, auch die Medien würden kaum darüber berichten. Gerne wird dann den Frauen geraten, Massenversammlungen zu vermeiden. Sicherheitskräfte haben sich, wenn sie nicht selbst Täter waren, gegenüber den Opfern nicht als hilfsbereit gezeigt.

All das habe die "Eskalation von einer endemischen sexuellen Belästigung zu einem Parxysmus der Massengewalt an bestimmten Orten" gefördert. Deutlich wird, dass diese sexuelle Gewalt weniger durch die islamische Kultur, sondern politisch zunächst vom westlich gestützten Mubarak-Regime geprägt wurde, um die demokratische Opposition einzuschüchtern und die Gewalt den Muslimbrüdern zuzuschieben. Auch unter al-Sisi wird sexuelle Gewalt gegen Frauen weitergeführt, oft geht sie von Polizisten aus, auch wenn der Druck über veröffentlichte Videoaufnahmen größer geworden ist, dagegen einzuschreiten.

Man wolle dagegen neue Maßnahmen planen, um das hier bislang unbekannte Phänomen besser bekämpfen zu können. Dafür, so das BKA gegenüber der Zeitung, wolle man "kurzfristig die Fakten zu gleich gelagerten Vorfällen aus allen Bundesländern zusammentragen, um ein genaues Bild der Lage zu ermöglichen". Man nehme "die Ereignisse der Silvesternacht wie auch die damit verbundene Verunsicherung in der Bevölkerung sehr ernst".

Der Antanztrick von mehreren Angreifern auf ein Opfer ist auch hier bekannt. Aber er soll sich bislang vorwiegend gegen Männer gerichtet haben, um Taschen- und Trickdiebstähle zu verüben, bei denen Bargeld, Smartphones und andere Wertgegenstände gestohlen würden. Die bekannten Täter, so das BKA, seien meist "junge nordafrikanische Männer".

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (213 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Die Form folgt den Finanzen

Der Hochhausbau verstärkt die Defizite, die er beseitigen soll

Cover

Die Tiefe des Raumes

Ökonomie und Wissenschaft des Fussballspiels

Kritik der vernetzten Vernunft Die Neurogesellschaft Das gekaufte Web
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.
  • TELEPOLIS
  • >
  • Politik
  • >
  • Das BKA über den in arabischen Ländern bekannten Antanztrick "taharrush gamea"