Individuelle Terrorabwehr

12.01.2016

Ein kurzer Versuch zum Boom zur Selbstverteidigung nach den Anschlägen in Paris und den Kölner Ausschreitungen

Nach den Anschlägen in Paris rüstet der Deutsche auf, meint der Focus. Mit legalen Mitteln wolle er sich schützen und dies in solch einem Ausmaß, dass Pfeffersprayhersteller momentan ein Umsatzwachstum von bis zu 600 Prozent verzeichnen können.

Inwieweit diese Produkte nun wirklich als eine direkte Reaktion auf Morde durch Sprengstoff und Sturmgewehre gelten können, wird an selbiger Stelle eigentlich schon verneint. "Grund für die große Nachfrage sei die Angst. Gegenüber dem Hersteller hätten Händler in Gesprächen oft das Wort Flüchtlingskrise erwähnt", heißt es dort nämlich weiter. Praktischerweise hält die Onlinepräsenz nun aber gleich noch Lehrvideos parat, welche solch prägnante Titel tragen, wie "Diese drei Reflexe sollten Sie kennen, um nie wieder verprügelt zu werden".

Übung mit Jiu Jitsu-Griff zum Schutz vor Überfällen 1931. Bild: Deutsches Bundesarchiv Bild 102-11990. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Schon im August letzten Jahres konnte ein schwerbewaffneter Attentäter durch das beherzte Eingreifen dreier US-Amerikaner, davon zwei Militärs, überwältigt werden. "Bei uns", wird nun bezüglich des Massakers im Bataclan ein Anti-Terror-Spezialist aus Israel vom Handelsblatt zitiert, "wären die Attentäter aus dem Publikum heraus nach 60 Sekunden neutralisiert worden." Wie, das sagt er nicht, obwohl jener Teil, in dem er auf die Rolle der Polizei zu sprechen kommt, symptomatischerweise höchstens paraphrasiert wird. Womit ja auch die Frage nach der Wirksamkeit bzw. Verhältnismäßigkeit solcher Wappnungen mit Pfefferspray gegenüber militärischen Waffen aufgeworfen wäre. Donald Trump konkretisierte damals, dass es hilfreich gewesen wäre, wenn im Publikum im Bataclan Waffen vorhanden gewesen wären.

Da sich aber die hiesigen Autochthonen in der Tendenz mit dem Verbot oder zumindest den Beschränkungen des Besitzes von Feuerwaffen einigermaßen arrangiert haben, tendieren sie eher zum bloßen Körpereinsatz. Auch aus Köln ist nun zu hören, dass dort Frauen die Selbstverteidigungskurse stürmen würden. Der Anteil der weiblichen Teilnehmer sei im Schnitt von zehn auf 50% gestiegen.

Die vom schlechten Gewissen erzeugten guten Vorsätze für das neue Jahr, welche bekannterweise meist irgendeine zukünftige sportliche Betätigung beinhalten, haben im Zuge der Geschehnisse in der Silvesternacht eine zusätzliche Verstärkung durch allgemeine Angst erfahren, die fast schon an Panik grenzt.

Warum Selbstverteidigung weder Kampfsport noch Kampfkunst ist

Kampfkunst war historisch schlichtweg Kriegskunst (Ars Martialis) und sollte die Einzelnen auf die allgegenwärtigen bewaffneten und unbewaffneten Auseinandersetzungen vorbereiten. Als militärischer Drill stand sie unter dem stetigen Anspruch, Gewaltanwendung und Töten zu perfektionieren.

Im Zuge grundlegend gewandelter Waffen- und Kriegstechniken entwickelten sich diese archaischen Formen des Nahkampfes spätestens in der Moderne zu eher spirituellen und esoterischen Angelegenheiten, die sich durch ein stark ritualisiertes Schwanken zwischen Meditation und Konzentration auszeichnen und dabei fast schon ästhetische, tanzähnliche Figuren hervorbrachten, aber eigentlich sehr ineffizient für den phantasierten Krieg auf der Straße sind, selbst wenn zahlreiche Produkte der Kulturindustrie Gegenteiliges suggerieren. Im Endeffekt handelt es sich vielmehr um körpertherapeutische Selbstfindung als um tatsächlich funktionelle Selbstverteidigung.

Kampfsport hingegen hat zwar dieselben Wurzeln, entwickelte sich jedoch zu modernen, stark reglementierten Formen der vergangenen Gladiatorenkämpfe oder Ritterturniere. Das Schlechte am Sport sind immer die mehr schlecht als recht sublimierten Aggressionstriebe, im Kampfsport erscheinen sie in einer ungewöhnlichen Offenheit. Der wortwörtliche Wettkampf, der im Idealfall nicht mehr mit dem Tode eines Kontrahenten endet, jedoch meist schwerwiegende Verletzungen und Ohnmächtigprügeln durchaus gestattet oder sogar honoriert, dient nach wie vor der Unterhaltung des grölenden Publikums. Weder Regelwerk und Fairness noch der stark beworbene Fitnessaspekt können diese grundlegend barbarische Lust am Blut ideologisch ernsthaft übertünchen.

Fachleute der jeweiligen Richtungen mögen solcher Unterscheidung zwar mit zahlreichen Konkretisierungen widersprechen, jedoch sind hier vielmehr die Gemeinsamkeiten von Bedeutung. Beide Gattungen zeichnen sich durch einen hohen Grad an Disziplin und Vervollkommnung aus, denen eine nur indirekte Zweckgebundenheit eigen ist. Wirkliche Zweckfreiheit für sie zu behaupten, ginge natürlich zu weit, jedoch haben sie ihren Zweck zumindest außerhalb ihrer unmittelbaren Anwendung im Alltag: "Wenn etwas im Kampfsport als Verstoß gewertet wird, ist es wahrscheinlich hervorragend für die Selbstverteidigung geeignet." (John Wiseman, Militärnahkampfausbilder) Gerade ihre harmlose Ineffizienz im Straßenkampf ist das - im Verhältnis betrachtet - fast schon Sympathische an ihnen. Selbstverteidigung hingegen ist weder Freizeit- oder Leistungssport noch esoterische Selbstästhetik und verlangt somit nach einer grundlegend anderen Legitimation.

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