Der Krieg gegen den IS hinterlässt zerstörte Geisterstädte

12.01.2016

Noch ist Ramadi nach wochenlangen Kämpfen nicht ganz eingenommen, für den Wiederaufbau gibt es bislang weder Geld noch Pläne

Noch ist nach wochenlangen Kämpfen Ramadi, die Hauptstadt der hauptsächlich von Sunniten bewohnten Provinz Anbar und gerade einmal etwas mehr als 100 km von Bagdad entfernt, immer nicht vollständig vom IS befreit worden. Der IS hatte die Stadt im Mai 2015 im Handstreich eingenommen und die irakische Armee vertrieben, wobei die Organisation viele Waffen erbeuten konnte. Obgleich es sich nur um ein paar hundert IS-Kämpfer handelt, die Rede ist von 300-700, die zuletzt die Stadt kontrolliert haben sollen, konnten sie sich im Stadtkampf trotz der Luftangriffe und dem mit schweren Waffen ausgerüsteten irakischen Militär weiter in wenigen Stadtteilen verschanzen. Zwar meldet die irakische Armee, dass sie weitere Stadtteile erobert hat, aber die Lage ist unübersichtlich.

Gestern wurde berichtet, dass die Armee über 600 Stadtbewohner, die der IS in östlichen Stadtteilen als Geiseln gehalten hatte, befreien konnte. Am Montag soll auch die Sicherheitsbehörde von Anbar in Ramadi erobert worden sein.

Zerstörungen in Ramadi. Bild: IraqiSuryani

Am 8. Januar meldete das Pentagon erneut mehrere Luftschläge auf Ziele in Ramadi - und wie gewohnt Erfolge. So sollen an diesem Tag "bei Ramadi" zwei taktische IS-Einheiten und 16 Kampfstellungen zerstört worden sein, dazu 13 schwere Maschinengewehre, eine IS-Barriere, ein IS-Bombenfeld, ein mit Bomben bestücktes Haus, 11 Orte, an denen Autobomben hergestellt werden, 3 IS-Aufmarschbereich, 2 Scharfschützenstellungen und zwei Tunnel-Eingänge. Überdies soll dem IS Zugang zum Gebiet, das nicht näher benannt wurde, versperrt worden sein. Auch am 10. Januar wurden nach dem Pentagon wieder die meisten Angriffe auf Ziele in oder um Ramadi geflogen und ähnlich viele Ziele zerstört sowie drei IS-Kämpfer verletzt.

Allein an der Vielzahl der angeblich zerstörten Stellungen in oder um Ramadi erkennt man, dass die Siegesmeldungen, die es Ende Dezember gab (Irak: Rückeroberung von Ramadi), verfrüht waren, wie sich auch bald herausstellte (Ramadi: Voreilige Erfolgsmeldung?). Das US-Militär sprach davon, vom IS bereits 30 Prozent der Territoriums zurückerobert zu haben, das dieser im Irak und in Syrien kontrollierte, die wichtigsten Erfolge wurden in Syrien vornehmlich durch die Kurden und im Irak ebenfalls durch die Kurden und durch schiitische Milizen erreicht, unterstützt von den Luftangriffen. Überschwänglich besuchte der irakische Regierungschef Haider al-Abadi das teilweise zurückeroberte Ramadi und verkündete, dass es 2016 das Ende des IS mit sich bringen wird. Das dürfte verfrüht sein, zumal mit dem Gewicht der kurdischen und schiitischen Milizen neue Konflikte schon angelegt sind.

Situation in Ramadi nach Operation Inherent Resolve (OIR) am 6. Januar. Bild: DoD

Zwar wurde der IS aus großen Teilen der Stadt zurückgedrängt, aber Kämpfer können sich immer noch in einigen Stadtteilen halten. Wie sich schon bei der Einnahme von Kirkuk, von Kobane oder von Sindschar gezeigt hatte, ist der Preis für die Eroberung, dass die vom IS zeitweise kontrollierten Städte dann weitgehend zerstört sind. Das ist eine Folge der Taktik des sowieso endzeitlich gestimmten IS, die Zugänge und Gebäude sprengen, aber vor allem in Gebäuden und im öffentlichen Raum zahllose, teils raffinierte Sprengbomben und -felder anlegen, aber auch der massiven Angriffe durch die Flugzeuge der Anti-IS-Koalition und der irakischen Luftwaffe.

Die IS-Kämpfer wiederum verbarrikadieren sich in Gebäuden, halten Menschen als Geiseln und bauen unübersichtliche Tunnelnetzwerke unter der Stadt, während Wege in der Stadt möglichst verhüllt werden, um Überwachungsdrohnen möglichst wenig zu zeigen. Normalerweise geben sie auch in aussichtlosen Lagen nicht auf, sondern kämpfen bis zum Tod und führen noch Selbstmordanschläge durch. In der Stadt gibt es kein Wasser und keinen Strom mehr, von den 400.000 Einwohnern haben die meisten Ramadi verlassen, die Brücken über die Flüsse wurden zerstört, viele Straßen sind unpassierbar, es gibt auch noch wegen der zahlreichen Sprengfallen No-Go-Zonen.

Stadtteile Jam'iyah und Sharikah nach der Eroberung der irakischen Armee. Bild Haidar Sumeri

Nach Capt. Chance McCraw von Operation Inherent Resolve hatten IS-Kämpfer versucht, den irakischen Sicherheitskräfte den Zugang in die Stadt zu blockieren, um sie dann von der Seite mit Autobomben anzugreifen. Da man keine Teams zur Bombenentschärfung vorschicken konnte, weil diese aus dem Hinterhalt beschossen worden wären, hätten die Iraker Bulldozer und andere schwere Maschinen verwendet, um Wälle an den Flanken zum Schutz aufzuschütten. Mit MICLICs (Mine Clearing Line Charge) wurden Zug um Zug Wege durch die mit Bomben aufgebauten Sperranlagen gesprengt, um so vorzurücken.

Stadtkämpfe waren in der Geschichte oft desaströs, die Sieger hinterließen oft nur Ruinen, mit Beginn des Luftkriegs wurden ganze Städte großflächig zerstört. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der Abwurf der Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima, wodurch demonstriert wurde, dass sich mit einer Bombe eine ganze Stadt mitsamt des Lebens in ihr vernichten lässt. Zwar begann nach dem Vietnamkrieg auch unter dem Druck der Medienöffentlichkeit der Versuch, die Massenvernichtungsmittel möglichst durch Präzisionswaffen zu ersetzen, um eine "saubere", auch "chirurgisch" genannte Kriegsführung zu realisieren. Das Pentagon rühmt sich, in Syrien und im Irak den bislang "präzisesten" Krieg zu führen, während den Russen vorgeworfen wird, oft nicht steuerbare Bomben und Raketen einzusetzen, die Kollateralschäden bewirken.

Doch auch wenn die einzelnen Angriffe meist "präzise" sein sollten, sind die von den Terroristen befreiten Städte ein Ruinenfeld, was an die Schlacht in Falludscha Ende 2004 erinnert, wo auf dem Höhepunkt der Gewalt das US-Militär den irakischen al-Qaida-Zweig, aus dem der IS entstanden ist, nur um den Preis der weitgehenden Zerstörung aus der Stadt vertreiben konnte. Auch hier waren vermutlich nur noch ein paar hundert Kämpfer in der Stadt zurückgeblieben, die meisten hatten sich schon vor dem Einschluss von Falludscha durch eine Mauer abgesetzt.

Zerstörungen in Ramadi. Bild: IraqiSuryani

Seiner Zeit konnte man die Stadt abschließen und die Menschen vor dem Angriff auffordern, die Stadt zu verlassen, das ist im Fall von Ramadi aber ein wenig anders verlaufen, weil der IS die Streitkräfte auch an den Rändern der Stadt weiter mit Selbstmordanschlägen und Autobomben angegriffen hat, er über schwere Waffen verfügt und auch das Hinterland teilweise noch kontrolliert. Dazu kommt, dass die sunnitische Bevölkerung der schiitischen dominierten Regierung nach Jahren der Repression ablehnend gegenüber steht, während die schiitischen Milizen mit ihrem Vorgehen dafür sorgen, dass manche lieber beim IS Zuflucht nehmen, als unter die Gewalt dieser Kräfte zu kommen, die es an Grausamkeit durchaus auch mit dem IS aufnehmen können.

Wenn allerdings schon kleinere Städte wie Kirkuk, Ramadi, Kobane oder Sindschar nach der Befreiung weitgehend zerstört zurückbleiben, wird dies in den Hochburgen des IS, in Raqqa und Mosul, in denen mehr Menschen leben, nicht anders sein. Auch in den vom IS kontrollierten Gebieten gibt es durch den IS, aber auch durch die Kämpfe und Bombardierungen neben dem Einbruch der Wirtschaft große Schäden an der Infrastruktur. Nach Schätzungen könnte in den Provinzen Anbar (Ramadi) und Diyala (Tikrit) 80 Prozent der Infrastruktur beschädigt oder zerstört sein - also Straßen und Brücken, Stromversorgung, Trink- und Abwassersysteme, aber auch die medizinische Versorgung und die Schulen. Der Wiederaufbau von Ramadi wird von Sabah Karhout, dem Vorsitzenden des Provinzrats von Anbar, auf 12 Milliarden US-Dollar geschätzt. Jetzt sei Ramadi eine "Geisterstadt".

Wenn nicht massiv Hilfe kommt, um die Städte wiederaufzubauen, was bislang nicht geschieht, kann man mit dem Antiterrorkrieg zwar den IS vertreiben, aber man schafft Regionen und Städte, die wirtschaftlich am Boden sind, die "wild" bleiben, aus denen die Menschen fliehen bzw. in die nur wenige zurückkehren werden und die zu Brutstätten der nächsten kriminellen und/oder bewaffneten Organisationen werden ("Pockets of Darkness"). Dazu kommt, dass es neben dem IS weitere sunnitische Extremistengruppen gibt, deren Pendant sich bei den schiitischen Milizen findet, die das Vakuum füllen könnten, und dass die Möglichkeit dann noch akuter wird, dass die jetzt schon nur pro forma bestehenden Staatsgebilde in Syrien und im Irak zerfallen. Das würde, wie sich jetzt schon in der Türkei zeigt, den Konflikt auf andere Länder erweitern.

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