Neues Telepolis-eBook: Tod in Saloniki

12.01.2016

Hans Schmid erforscht einen Film - und entdeckt Verschwörungen in der Zeitgeschichte

Zeitgeschichtliche Ereignisse haben viel mit gutem Wein gemeinsam: Wenn sie ein paar Jahrzehnte gelagert haben, dann lassen sie sich mit viel mehr Genuss konsumieren. Denn dann stehen Informationen zur Verfügung, die die Tagespresse nicht zur Verfügung hat. Dann weiß man durch die Arbeit von Untersuchungsausschüssen, Gerichten und Historikern von Hintergründen und Vereinbarungen, die Akteure der Öffentlichkeit verbergen wollten. Deshalb lesen sich Bücher häufig mit deutlich mehr Gewinn als tagesaktuelle Texte.

Tod in Saloniki, das neue Telepolis-eBook, beschäftigt sich eigentlich gar nicht in erster Linie mit der Zeitgeschichte, sondern mit einem Film: Z von Costa-Gavras. Hans Schmid macht das aber so gründlich, dass er dem Leser dabei die Geschichte Griechenlands so darlegt, dass er die Fernsehnachrichten über das Land und das, was dort passiert, nach dem Lesen mit großer Wahrscheinlichkeit anders sieht als vorher, weil der Film - so Schmid - eine "Einführung in die griechische Nachkriegsgeschichte [ist], ohne die man die Staatskrise unserer Tage nicht verstehen kann."

Wer vorher glaubte, dass Politik in westlichen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg immer auf offener Bühne stattfand, der lernt viel darüber, wie das in der Realität aussieht. Besonders lehrreich ist, wie Verschwörer Strippen ziehen, um unter sozial Benachteiligten nützliche Idioten zu finden, die für sie "Drecksarbeit erledigen" - und wie bedenkenlos sie ihre nützlichen Idioten fallen lassen, um sich selbst zu schützen.

Dass es diese Lernmöglichkeiten gibt, liegt auch daran, dass der Film, den Hans Schmid untersucht, das alles hergibt: Costa-Gavras musste seinen Politthriller 1969 nicht schnell hinaufspulen, wie einen Beitrag für ein Fernsehmagazin, sondern konnte sich genau überlegen, was er mit welchen Bildern vermittelt. Jüngeren (und älteren) Lesern, denen der Hintergrund fehlt, um die Zeichen richtig zu deuten, liefert Hans Schmid die Instrumente dazu.

Die Geschichte, die Z zugrunde liegt, ist wahr: Ein von einer Elitenverschwörung in Auftrag gegebener Mord am griechischen Oppositionspolitiker Grigoris Lambrakis. Das war damals nicht nur ein paar eingeweihten Filmzuschauer klar, sondern der Masse des Publikums, weshalb der große Erfolg von Z dazu beitrug, dass der Ende der 1960er Jahre in einem Umerziehungslager festgehaltene Komponist Mikis Theodorakis, dessen Musik Costa-Gavras einsetzte, 1970 freigelassen wurde. Letztlich hatte Z sogar Anteil am Sturz des Obristenregimes, das sich in Griechenland 1967, vier Jahre nach dem Attentat, an die Macht geputscht hatte.

Die ersten beiden Teile des eBooks sind bereits am 15. November und am 5. Dezember Dezember erschienen (vgl. Drive-by-Killing in Thessaloniki und Schützen wir das christliche Abendland). Wer den dritten Teil sofort lesen will, der sollte sich für 4,99 Euro das eBook kaufen, das es unter anderem im heise shop und bei Amazon gibt. Er trägt damit auch zur Finanzierung von Telepolis bei - und dazu, dass es Artikel weiterhin kostenlos gibt.

Im Sommer erscheint von Hans Schmid beim belleville-Verlag das zweibändige Werk Frankenstein, in dem sich der Autor unter anderem mit der Medizin des 19. Jahrhunderts, dem Körper als Ware, Armut als Verbrechen, Serienmord als Medienereignis, unautorisierten Bearbeitungen als Überlebenshilfe, dem elektrischen Stuhl, Wirtschaftskriegen, der Weltwirtschaftskrise, der Firma Hammer Films, dem Liebesleben von Mary Shelley und James Whale, der von einem Monster verschleppten Jungfrau als Heiligenbild, dem Geschlechtsteil von Elvis Presley und der Gallenblase von Andy Warhol beschäftigt. Das Buch kann bei Amazon bereits jetzt vorbestellt werden.

Cover

Hans Schmid
Tod in Saloniki
Z von Costa-Gavras als Neuerfindung des Politthrillers
Als eBook bei Telepolis erschienen

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