US-Verteidigungsminister: Amerikanische Bodentruppen agieren in Syrien

14.01.2016

Pentagon-Chef Ash Carter verrät, wie die USA und Verbündete den Kampf gegen den "Krebs IS" im Irak und in Syrien gewinnen sollen

Dicke Pfeile auf der Strategiekarte zeigen auf Mosul und Raqqa, erklärte US-Verteidigungsminister Ash Carter gestern Soldaten der 101st Airborne Division, genannt die "schreienden Adler". Der "Islamische Staat" sei ein Tumor mit eben diesen zwei Zentren. Ziel sei es dem IS eine bleibende Niederlage zuzufügen - "we must, we can, and we will deliver".

Das Momentum dafür sei gut, so Carter in seiner Rede. Sie war an eine Einheit gerichtet, die zu Anfang des US-Einmarsches im Irak, im Jahr 2003, Mosul eingenommen hatte.

An die Stelle der damaligen Siegesgewissheit der "screaming eagles" dürfte eine andere Einschätzung getreten sein, mit einigem Frust im Marschgepäck. So war der Zug zum Optimismus Vorgabe der Rede. Überdies war dem Kommunikationsstab im Pentagon klar, dass die Botschaft in den großen Medien wiedergegeben würde, also ging es auch darum, neue Siegesgewissheit in der größeren Öffentlichkeit zu verbreiten.

Die IS-Führung soll sich bedroht fühlen

Der Weg zum Erfolg, so Carter, sieht so aus: Den Anfang des Kampfes gegen die IS-Raumforderungen bilden die beiden Zentren des "Muttertumors", Raqqa in Syrien und Mosul im Irak. Die Kontrolle des IS werde zum Kollabieren gebracht und danach würden Eliminierungsoperationen bei den verstreuten "Metastasen", den vom IS kontrollierten Gebieten im Irak und Syrien durchgeführt.

Da sich die Metastasen letztlich schon weltweit verbreiten hätten, gelte das auch für den Kampf gegen den IS. Carter deutete in diesem Zusammenhang an, dass gezielte Tötungen mit Drohnen sich nun mehr auf IS-Führer konzentrieren würden, als erfolgreiches Beispiel dafür erwähnt er die Tötung des libyschen IS-Führers Abu Nabil im November vergangenen Jahres.

Grafik: Pentagon

Die IS-Führung soll sich bedroht fühlen und das Signal empfangen, dass das US-Militär selbstbewusst an die Offensive in Rakka und Mosul herangeht. Das dürfte der Hintergedanke zum Publikmachen des militärischen Vorgehens sein. Carter machte in seiner Rede bekannt, dass Peshmergakräfte Mosul vom Norden angreifen werden und die irakische Armee, unterstützt von US-Spezialtruppen, im Süden.

Manche wunderte diese strategische Offenheit, zum Beispiel im Institute for the Study of War. Dort heißt es, man erkenne keinen Vorteil darin, dem IS bekannt zu geben, was man vorhabe. "You don’t tell someone you’re gonna hit him, you just hit him."

Bodentrupppen in Syrien

Was sich durch Carters Rede zieht, ist das optimistische Motiv der Darstellung einer aussichtsreichen Operation, die sich von früheren Operationen im Irak unterscheidet, um hier Abstand zu gewinnen. Da allerdings das Ziel "Iraq first" aufgegeben wird, weil Syriens Rakka strategisch gleichbedeutend mit Mosul dargestellt wird, muss Carter die Erweiterung der Militäroperationen auf Syrien gut"verkaufen" - angesichts einer amerikanischen Öffentlichkeit, die kein Interesse mehr daran hat, dass sich die USA militärisch in ein neues Schlamassel begeben.

Andererseits verlangt die Öffentlichkeit angesichts der vielen Anschläge, die in schon in den "Breaking News" fast automatisch jedes Mal dem IS zugeschrieben werden, ein Konzept, das Sicherheit für das homeland verspricht.

Die Präsidentschaftsbewerber aus den Reihen der Republikaner haben dafür die Lösung "Bombenteppiche", die allerdings nur für den Wahlkampf taugt. Carter stellt demgegenüber ein Konzept vor, das den Einsatz von US-Soldaten möglichst im Hintergrund hält und sehr darauf achtet, dass vom Engagement der Partner die Rede ist - man kann das ernst nehmen, die nächste Bitte um mehr Unterstützung von deutscher Seite wird kommen.

Im Zusammenhang mit dem US-Militäreinsatz gibt der Verteidigungsminister zum ersten Mal zu, dass amerikanische Spezialtruppen bereits auf syrischem Boden agieren. Dass dies nicht im Einklang mit dem Völkerrecht steht, ist ihm überhaupt keinen Gedanken und keine Bemerkung wert. Er bemüht sich lediglich, den Einsatz der Spezialtruppen als gegen den IS gewendet - "Jagd auf IS-Führer" - und als im Hintergrund agierend, "beratend, ermöglichend", darzustellen.

Für die Öffentlichkeit ist ihm die Botschaft wichtig, dass es weder im Irak noch in Syrien ohne einen solchen US-Einsatz gehe, wenn man denn den Tumor erfolgreich bekämpfen wolle, dass die US-Militärführung die Hauptsache den lokalen Kräften überlasse. Alles andere würde dem IS die Möglichkeit geben, von einer US-Besatzung zu sprechen und dies auszuschlachten, so der Pentagon-Chef.

Irak: Spannungen mit sunnitischen Partnern

Bekanntlich klafft der Unterschied zwischen offiziellen Darstellungen und der Wirklichkeit gerade im Krieg weit auseinander. Es ist wahrscheinlich, dass Carter die Aktivitäten der Bodentruppen untertreibt. Seinen Angaben nach sollen sie die US-Luftangriffe in Syrien mit Zielangaben versorgen, die Syrian Democratic Forces (YPD-Milizen und Verbündete) unterstützen, sowie entscheiden IS-Figuren zur Strecke bringen.

Doch tatsächlich dürfte die Rede den immer wieder auftauchenden Spekulationen darüber, dass die USA noch größere Bodentruppen nach Syrien schicken, erstmal Grenzen setzen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass dies unter Amtszeit Obamas noch passieren wird. (Interessant im Zusammenhang mit den Syrian Democratic Forces ist zudem, dass sie nach Angaben des russischen Verteidigungsministers derzeit auch von der russischen Luftwaffe unterstützt werden.)

Im Irak liegt die Sache etwas anders. Hier sind mehr US-Truppen am Boden im Einsatz - offiziell als Berater oder enabler - , auf Bitten der Regierung in Bagdad. Das Ziel hatte sich schon bei der Rückeroberung von Ramadi gezeigt: Es geht darum, den Einfluss iranischer Milizen so niedrig wie möglich zu halten - auf jeden Fall in der Außendarstellung: Den militärischen Erfolg will man sich ganz auf die eigenen Fahnen schreiben, nicht zuletzt, um Spannungen mit den sunnitischen Partnern in der "Anti-IS-Koalition" nicht weiter zu strapazieren.

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