Wie Christen zur meist verfolgten Glaubensgruppe gemacht wurden

15.01.2016

Was der Weltverfolgungsindex von Open Doors wirklich aussagt

Einmal im Jahr erscheint der "Weltverfolgungsindex" der evangelikalen Organisation "Open Doors". Dann titeln Zeitungen von "100 Millionen verfolgten Christen" und Politiker zeigen sich entsetzt über das Schicksal der "am stärksten verfolgten Glaubensgruppe". Mit der Realität hat das alles nichts zu tun.

Als die Terroristen in die Stadt eindrangen, malten sie als erstes ein "n" an die Türen der Häuser. "n" wie "Nasrani". So werden Christen im Koran bezeichnet und so markierten die Kämpfer des selbsternannten Islamischen Staates jedes Haus, in dem sie einen der wenigen assyrischen Christen vermuteten, die die Stadt noch nicht verlassen hatten.

Im August letzten Jahres übernahm der IS die Kontrolle über die Stadt Qaraqush und vertrieb die letzten der einst Zehntausenden von christlichen Bewohnern. Der Fall ist nur einer von unzähligen, in denen Christen im vergangenen Jahr verfolgt wurden. Ihrem Schicksal mehr Öffentlichkeit zu geben, ist das Ziel der christlichen Hilfsorganisationen Open Doors. 100 Millionen Christen würden zurzeit verfolgt werden, meldete diese am Mittwoch bei der Vorstellung ihres jährlichen Weltverfolgungsindex. Die Zahl ermordeter Christen habe sich 2015 von 4344 auf 7100 deutlich erhöht, die Angriffe auf Kirchen sogar verdoppelt. Ihr Negativ-Ranking von 50 Staaten zeigt: Besonders schlimm ist die Lage in islamischen und afrikanischen Staaten, aber auch in Nordkorea.

Der Glockenturm der Vierzig-Märtyrer-Kathedrale in Aleppo, Syrien. Bild: Preacher lad/CC-BY-SA-3.0

"Christen sind die am meisten verfolgte Glaubensgruppe der Welt". So berichteten daraufhin viele große Medien und schlugen Politiker Alarm. Das Problem daran: Der Satz stimmt nicht. Denn so weit verbreitet der Bericht von Open Doors auch ist, so fragwürdig sind die Methoden der Organisation.

Was Christenverfolgung ist, entscheidet sich in Kelkheim

Die Organisation, die es geschafft hat, Christen das Label der meist verfolgten Glaubensgruppe zu verleihen, hat seinen deutschen Sitz im hessischen 30.000 Einwohner-Städtchen Kelkheim. 60 Mitarbeiter kümmern sich von dort aus um die verfolgten Christen dieser Welt. Oder jene, die evangelikale Organisation dafür hält. Denn ab wann ein Christ verfolgt oder diskriminiert ist, entscheidet Open Doors auf sehr eigenwillige Weise.

Wer wissen will, wie der Weltverfolgungsindex von Open Doors seit 1993 entsteht, erlebt als erstes eine Überraschung. Anders als bei wissenschaftlichen Studien üblich, ist dem Bericht kein Kapitel darüber vorangestellt, mit welchen Methoden man das Maß an Verfolgung und Diskriminierung von über zwei Milliarden Menschen herausfinden und vergleichbar machen will.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch verweisen an dieser Stelle oft auf eigene Untersuchungen vor Ort, repräsentative Umfragen und Interviews, die Auswertung von Medienberichten, Statistiken lokaler Behörden, Erhebungen durch Vereinten Nationen und NGOs.

Die weltweit bekannteste Studie zur Christenverfolgung verzichtet auf all das. Auf der Website erfährt man, dass im Zentrum des Weltverfolgungsindex lediglich ein Fragebogen aus 96 Fragen steht. Dieser wird nicht an potenziell verfolgte Christen weltweit oder an lokale NGOs versandt, stattdessen füllen ihn "Analysten, Forscher und Fachleute von Open Doors" aus - also die eigenen Mitarbeiter. Zwar würden die Ergebnisse von "externen Experten" geprüft, schreibt Open Doors auf seiner Website, doch scheinen auch diese weder wirklich "extern" noch "Experten" zu sein. Zuständig für die Überprüfung: "Das Internationale Institut für Religionsfreiheit". Der Verein mit Sitz in Bonn stammt aus demselben evangelikalen Umfeld wie Open Doors selbst.

Zu engagiert, um glaubwürdig zu sein

Auch bei der Definition von Verfolgung und Diskriminierung geht Open Doors eigene Wege. Während sich andere Organisationen an völkerrechtlich bindenden Festlegungen - in diesem Fall zur Religionsfreiheit - orientieren, legt Open Doors für sein Ranking eine recht weit gefasste Definition zugrunde.

Als verfolgt gelten Christen zum Beispiel auch dann, wenn deren "Kinder aufgrund ihres Glaubens oder des Glaubens ihrer Eltern keine oder nur eine schlechte Schulbildung bekommen." Vom katholischen Online-Magazin kath.net in einem Interview darauf angesprochen, dass Verfolgung etwas anderes sei als schlechte Bildungschancen, antwortete Open Doors-Chef Markus Rode einmal: "Es steht uns nicht zu, Christen per Definition vorzuschreiben, ob sie erst dann als verfolgt gelten, wenn sie gefoltert oder ins Gefängnis geworfen werden, oder bereits wenn ihre Kinder von Ausbildungs- und Berufschancen bewusst ausgeschlossen werden. Verfolgung hat viele Facetten, die auch von den Christen vor Ort subjektiv, und somit unterschiedlich stark erlebt werden." Das klingt verständlich für jemanden, der Angst um verfolgte Glaubensgenossen hat. Als Grundlage für eine glaubwürdige Studie einer Menschenrechtsorganisation taugt das nicht.

Menschenrechtsorganisation oder Missionsgesellschaft

Vielleicht will Open Doors das aber auch gar nicht sein. Kritiker werfen dem Verein vor, eher an christlicher Missionierung als an Menschenrechtsarbeit interessiert zu sein. Und nicht nur eigene Veröffentlichungen wie "Reisetagebuch Libanon. Muslime finden zu Jesus" deuten darauf hin.

Während die Arbeit von bekannten christlichen Hilfsorganisationen wie der Caritas oder Brot für die Welt sich auch an Menschen anderer Religionen und Konfessionen richtet, widmet Open Doors sein Engagement explizit nur Christen. Anders als die meisten großen gemeinnützigen Vereine in Deutschland, trägt Open Doors deshalb auch nicht das "Deutsche Spendensiegel", das vom unabhängigen Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen verliehen wird.

Kritik an der Arbeit von Open Doors kommt vor allem aus Reihen, die eigentlich dasselbe Anliegen teilen: "Ich habe große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind", sagte der Nürnberger Theologe und Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats Heiner Bielefeld im Jahr 2012 und kritisierte die Tendenz der Organisation, vorzugsweise den Islam für die Diskriminierung von Christen verantwortlich zu machen und "Religionen gegeneinander auszuspielen."

Selbst der Kirche geht Open Doors zu weit

Auch in den beiden großen Kirchen in Deutschland zweifelt man an der Aussagekraft des Weltverfolgungsindex. "Ich glaube nicht, dass es sehr aussagekräftig ist, ob es nun eher 50 oder 70 oder 100 Millionen verfolgte Christen gibt", sagte der evangelische Auslandsbischof Martin Schindehütte 2013 bei der Vorstellung eines eigenen Berichts zur Christenverfolgung.

Anders als Open Doors legte der gemeinsame Bericht der Deutschen Bischofskonferenz und Evangelischen Kirche in Deutschland die Definition und Untersuchung der Christenverfolgung in die Hände eines anerkannten und unabhängigen wissenschaftlichen Forschungsinstituts. Auch ihr Bericht belegt zahllose Fälle von Christenverfolgung auf der Welt. Von Superlativen und absoluten Zahlen ist hier aber keine Rede. Stattdessen stellt der Bericht fest, dass "Fallkonstellationen, in denen ausschließlich oder vor allem Christen bedrängt oder verfolgt werden, eher die Ausnahme bilden". Und: "Restriktionen bei der Ausübung des Glaubens sind in der Regel in ein Umfeld eingebettet, das allgemein von Einschränkung und Bevormundung geprägt ist. Dabei wird auch die Freiheit anderer Religionen missachtet..."

Der "Ökumenischer Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit" endet mit einem unverhohlenen Seitenhieb auf Open Doors:

Besondere Glaubwürdigkeit gewinnt ein solches Engagement dadurch, dass der Einsatz für die Religionsfreiheit bedrohter Glaubensgenossen nicht isoliert geschieht, sondern Teil eines umfassenden kirchlichen Engagements für alle Menschenrechte und deren Durchsetzung ist. Es ist im besten Interesse der christlichen Kirchen, die Religions- und Weltanschauungsfreiheit als Gemeingut zu verstehen, als Freiheitsrecht aller, dessen Verwirklichung ohne Ab- und Ausgrenzung auskommt.

Christen die am wenigsten verfolgte Glaubensgruppe?

Vor allem die Art der Abgrenzung ist es, der Open Doors Anspruch, Christen das Label der am meisten verfolgten Glaubensgruppe verleihen zu können, ad absurdum führt. Open Doors untersucht gar nicht erst die Situation anderer Religionsgruppen, kann den Grad der Verfolgung also auch schlecht vergleichen. Stattdessen nimmt Open Doors schlicht die absolute Zahl von 100 Millionen Verfolgten als Gradmesser. Einen Wert, den beispielsweise die in relativer Hinsicht sehr viel stärker verfolgten Bahai gar nicht erst erreichen können.

Wie absurd ein solches Ranking ohnehin ist, zeigt sich, welchen Umkehrschluss die Rechnung von Open Doors zulässt. Mit rund 1,9 Milliarden Anhängern, die nach den Zahlen von Open Doors nicht verfolgt werden, könnte man Christen genauso gut zur am wenigsten verfolgten Glaubensgruppe erklären. Eine Methode, die weder dem Schicksal der assyrischen Bewohner von Qaraqush noch den vielen anderen religiös verfolgten Menschen auf der Welt gerecht wird.

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