Massenmord in Deir ez-Zor

18.01.2016

IS exekutiert zwischen 135 und 300 Menschen

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) soll in al-Bagilya, einem Vorort der von ihr belagerten Wüstenstadt Deir ez-Zor, am Wochenende 55 Zivilisten und 80 Soldaten enthauptet oder erschossen und weitere 400 Menschen verschleppt haben. Das berichtet die in London ansässige oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die jedoch nur eine Ein-Mann-Agentur ist. Die meisten westlichen Medien übernahmen diesen Bericht gestern.

Die syrische Nachrichtenagentur SANA schreibt heute Morgen unter Berufung auf die Syrische Armee, diese habe die al-Ruwad-Siedlung, den höchsten Punkt al-Bagilyas, zurückerobert und kontrolliere damit die Ortschaft wieder weitgehend. Derzeit durchsuchten die Streitkräfte die Häuser nach Sprengfallen. Außerdem habe man das zeitweise von Terroristen infiltrierten Deir-ez-Zorer Viertel al-Rashediyeh gesäubert und IS-Stellungen in den Dörfern al-Hissan, al-Gneineh und in der Umgebung von Ayash zerstört.

Die Zahl der von den Terroristen getöteten al-Bagilyaner wird von SANA nicht mit 55 oder 135, sondern mit etwa 300 angegeben – unter ihnen sollen viele Frauen, Kinder und Alte gewesen sein. Der syrische Ministerpräsident Wael al-Halqi sieht die "rechtliche und moralische Verantwortung für dieses barbarische und feige Massaker" bei "allen Staaten, die Terrorismus unterstützen und Takfiristen finanzieren und bewaffnen". Gemeint sein dürften damit vor allem die arabischen Ölmonarchien und die Türkei.

Das russische Portal Sputniknews, das ebenfalls von einem Verlust und einer anschließenden Rückeroberung des Vororts spricht, gibt die Zahl der Hinrichtungen durch den IS in al-Bagilya mit rund 280 an. Anstatt von Verschleppten ist hier von Bewohnern die Rede, die sich in Nachbardörfer flüchteten. Was wirklich dort passiert ist, lässt sich insofern nicht nachprüfen, als die meisten Journalisten nicht so todesmutig sind wie Jürgen Todenhöfer, der im Kalifat seinen Kopf riskierte. Die Meldungen zeigen aber, dass die Terrorgruppe nicht nur auf Angriffe auf Mosul und ar-Raqqa wartet, sondern immer noch in der Lage ist, Offensiven durchzuführen.

Ob an der Rückeroberung von al-Bagilya russische Flugzeuge beteiligt waren, wie die Beobachtungsstelle behauptet, ist ebenfalls unklar. In russischen Medien ist davon nicht die Rede. Möglicherweise beobachteten die Beobachter hier auch russische Transportflugzeuge, die dort letzte Woche 22 Tonnen Hilfsgüter abwarfen, weil durch die Belagerung Deir ez-Zors durch den IS nur noch sehr beschränkt Lebensmittel und andere Güter in die Ölprovinzhauptstadt gelangen, in der vor dem Krieg etwa 250.000 Menschen lebten.

(Halbwegs) aktueller Frontverlauf um Deir ez-Zor? Grau: Islamischer Staat (IS). Apricot: Syrische Regierung. Gelbgrün: Kurden. Karte: Haghal Jagul. Lizenz: CC0 1.0.

In der Nähe der vom IS kontrollierten Stadt al-Bab, die in der Provinz Aleppo liegt, griffen Dschihadisten am Wochenende erfolglos eine Stellung der Armee an und verloren dabei mindestens 16 Kämpfer. Die Soldaten sollen inzwischen nur mehr etwa 10 Kilometer von der Stadt entfernt sein. Dort und an mindestens sechs weiteren Fronten in der Provinz versucht die syrische Armee derzeit mit russischer Luftunterstützung, Dschihadisten von Nachschubwegen abzuschneiden.

Auf diesen Nachschubwegen gelangen nicht nur Waffen und Lebensmittel, sondern auch ausländische Salafisten in die Kampfgebiete. Dem britischen Außenminister Philip Hammond sagte dem Telegraph bei einem Besuch in Ankara, durch die engere Zusammenarbeit mit der Türkei seien mittlerweile etwa 600 britische Staatsbürger davon abgehalten worden, für den IS oder die al-Nusra-Front und ihre Verbündeten zu kämpfen. Insgesamt sollen seit 2012 etwa 1.400 britische Salafisten versucht haben, illegal nach Syrien zu gelangen, was 60 Prozent davon gelang. Darüber, was mit denen passierte, die erwischt wurden, wollte Hammond aus Sicherheitsgründen keine Auskunft geben.

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