"Esoterisches Wasser wird zum Lifestyleprodukt"

07.02.2016

Helge Bergmann über den esoterischen Wassermarkt

Obwohl der Sinn von Versuchen, im eigenen Haushalt die Qualität des heimischen Leitungswassers zu verbessern, wissenschaftlich umstritten ist, verzeichnet die Esoterik-Branche auch in diesem Bereich Rekordumsätze. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit dem Diplom-Chemiker Helge Bergmann, Autor des Buches Trübes Wasser.

Herr Bergmann, Sie haben in Ihrem Buch rechts- und linksdrehende Wasser, Edelsteinwasser, magnetisiertes Wasser etcetera untersucht. Wie verhält sich die Realität mit der unterstellten Wirkung?

Helge Bergmann: Ein typisches Merkmal für esoterisches Wasser sind die vielen zweifelhaften Informationen. Sie werden aufgestellt, um Herstellung, Eigenschaften und Wirkung der Wässer zu beschreiben. Diese Informationen können alles enthalten: Richtige und falsche Behauptungen, Wissenschaft und Scheinwissenschaft, Irreführung, Täuschung bis hin zur Werbelüge. Der Übergang ist oft fließend und nicht erkennbar.

Viel schmucker als jeder Wasserfilter: Die Wasserweihe von Boris Michailowitsch Kustodijew (1921).

Was ist für diese Art Wasser charakteristisch?

Helge Bergmann: Es werden zu diesen Behauptungen praktisch keine stichhaltigen Nachweise geliefert. Die Herstellung ist unklar oder nach den Naturgesetzen gar nicht möglich, die Wirkung nicht durch Untersuchungen belegt. Der größte Teil der Werbung enthält gesundheitsbezogene Versprechen. Egal, ob belebtes, energetisiertes, informiertes oder ähnliches Wasser: Es soll getrunken werden, um angeblich die Gesundheit zu fördern. Realität ist: Keine dieser angeblich heilsamen Wirkungen wurde jemals von den Anbietern stichhaltig nachgewiesen.

Hat Wasser überhaupt eine heilbringende Wirkung?

Helge Bergmann: Wasser ist nach der Luft unser zweitwichtigstes Lebenselement. Deshalb begrüße ich auch die Bestrebung der UNO, den Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser als Menschenrecht global zu etablieren. Wasser hat als "Lebensmittel Nr. 1" in vielfacher Form gesundheitliche Bedeutung und damit auch heilbringende Wirkung. Fehlt es, können zahlreiche Erkrankungen bis hin zum Verdursten die Folge sein. Esoterisches Wasser, dem Dutzende von heilbringenden Wirkungen zugeschrieben werden, hat dagegen keinerlei nachgewiesene Wirkung über die des normalen Wassers hinaus.

"Keine systematischen Erkrankungen durch öffentliches Trinkwasser bekannt"

Wie ist es denn um die Qualität unseres Leitungswassers bestellt?

Helge Bergmann: Bei unserem Trinkwasser erfolgen die Gewinnung, Aufbereitung und Verteilung nach strengen nationalen und internationalen Vorschriften. Die wichtigste Anforderung dabei ist, dass keine Schädigung der menschlichen Gesundheit erfolgt. Dies wird dadurch erreicht, dass, je nach Bedarf, verschiedene Verfahren zur Aufbereitung des Rohwassers eingesetzt werden.

Die Entwicklungen in Wissenschaft, Technik und Recht haben dazu geführt, dass in den letzten Jahrzehnten keine systematischen Erkrankungen mehr durch unser öffentliches Trinkwasser bekannt wurden. Ich beziehe mich bei dieser Einschätzung auf mehrere Informationsquellen, insbesondere auf die wissenschaftlichen Arbeitsgremien und (in Deutschland) auf das Umweltbundesamt. Andere Einschätzungen sind mir zwar bekannt, doch sind dies immer nur Meinungen Einzelner. Ihnen fehlt der Nachweis, dass eine Erkrankung tatsächlich durch Trinkwasser verursacht wurde. Es darf nicht verschwiegen werden, dass auch gegenwärtig noch vereinzelt lokale Probleme mit der Trinkwasserqualität auftreten können, zum Beispiel durch Blei oder Legionellen. Nach gegenwärtiger Kenntnis verursachen sie aber nur noch in seltenen Fällen Krankheiten. Auf die immer wieder gestellte Frage "Trinken Sie denn ihr Leitungswasser?" antworte ich mit einem klaren "Ja".

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