Belutschistan: Konflikt abseits der Medien

26.01.2016

Seit Jahrzehnten ist die pakistanische Provinz Belutschistan ein Unruheherd

De facto existiert der sogenannte Belutschistan-Konflikt seit der Entstehung des pakistanischen Staates. Damals wurden die kolonialen Grenzen, die einst mit Gewalt und Willkür gezogen wurden und ganze Völker voneinander getrennt haben, gefestigt.

Eine besondere Rolle spielt hierbei die sogenannte Durand-Linie, benannt nach Mortimer Durand, einem britischen Diplomaten. 1893 zogen die Briten diese unheilbringende Grenze, um ihr Kolonialgebiet vom Herrschaftsgebiet des damaligen afghanischen Emirs, Abdur Rahman Khan, abzutrennen. Da der Emir mit Hilfe der Briten an die Macht kam - er stürzte seinen Vetter in Kabul - unterzeichnete er im Gegenzug bereitwillig den Grenzvertrag. Die Folgen dieser Unterzeichnung sind bis heute zu spüren.

Karte von 2009. Bild: University of Texas at Austin/gemeinfrei

Das weiterhin bestehende Grenzproblem umfasst nicht nur die Gebiete der Paschtunen, sondern auch der Belutschen. Obwohl der Vertrag von Durand lediglich eine 100-jährige Gültigkeit besitzt und demnach im Jahr 1993 abgelaufen ist, will die pakistanische Regierung nichts davon wissen. Ihre Begründung: Zum damaligen Zeitpunkt gab es noch gar kein Pakistan. Demnach ist auch der Vertrag ungültig. Umso strenger werden jedoch die damals festgelegten Grenzen gesichert.

Tausende Menschen sind spurlos verschwunden

In den letzten Jahrzehnten kam es in Belutschistan zu mehreren großen Aufständen, die allesamt von der Regierung in Islamabad brutal zerschlagen wurden. Obwohl die Region reich an Bodenschätzen ist, gehört die Bevölkerung zu den ärmsten Pakistans. Eine stabile Infrastruktur ist kaum vorhanden, genauso wenig wie Stromzufuhr und sauberes Trinkwasser. Achtundachtzig Prozent der Belutschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Während die Bodenschätze ausgebeutet werden, wird anderweitig kaum investiert. Lediglich der Sicherheitssektor boomt.

In den letzten Jahren schossen in der Region Militärgarnisonen regelrecht aus dem Boden, genauso wie zahlreiche Polizeistationen, die sich allein im Jahr 2009 in der Provinz um zweiundsechzig Prozent erhöht hatten. Abgesehen davon agieren paramilitärische Gruppierungen, die im Interesse Islamabads handeln und Jagd auf belutschische Aktivisten und Politiker machen. Berichten zufolge gelten ganze 21.000 Menschen als vermisst.

Und immer wieder tauchen die Leichen einiger Verschwundener auf, meist übersät mit grausamen Folterspuren. Obwohl Islamabad den Mord an Sabeen Mehmud verurteilt und eine Untersuchung angekündigt hat, gehen Beobachter davon aus, dass auch ihre Ermordung auf das Konto von Gruppierungen geht, die der Regierung oder dem pakistanischen Geheimdienst - kurz gesagt, dem sogenannten Establishment - nahestehen.

Durch dieses Klima der Angst sowie durch die permanente Unterdrückung öffnete sich ein Vakuum für militante Gruppierungen. Mittlerweile greifen immer mehr junge Belutschen zu den Waffen. Friedliche und demokratische Mittel betrachten sie als gescheitert. In den letzten Jahren machten separatistische Gruppen wie die "Balochistan Liberation Army" (BLA) oder die "Baloch Liberation Front" (BLF) mit Bombenattentaten und brutalen Anschlagsserien auf sich aufmerksam. Getötet wurden dabei auch zahlreiche Zivilisten. Auch in den letzten Tagen und Wochen kam es vermehrt zu Anschlägen.

Im Gegensatz zu anderen militanten Gruppierungen in Pakistan, etwa den pakistanischen Taliban (TTP), sind die BLF, die BLA und andere Belutschen-Gruppen nicht religiös, sondern nationalistisch und säkular, teils auch marxistisch, eingestellt. Möglicherweise ist das einer der Gründe dafür, warum sie in den westlichen Medien keine Schlagzeilen machen.

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