In der Philosophie ist die Postmoderne längst Schnee von gestern

24.01.2016

Kurt Bayertz über Berührungspunkte und Trennendes

Kurt Bayertz (geb. 1948) ist Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. In der Vergangenheit veröffentlichte er unter anderem zu den Themen Bioethik, Verantwortung, Solidarität und Eugenik. Sein Buch "Der aufrechte Gang - Eine Geschichte des anthropologischen Denkens" wurde 2013 mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet. Im Gespräch mit Reinhard Jellen zeigt er sich der Auffassung, dass sich das philosophische Denken nach dem Rückgang von Weltfremdheiten aus der klassische Metaphysik zu anderen neuen Weltfremdheiten verleiten ließ.

Herr Bayertz: Joseph Vogl hat in dieser Gesprächsreihe Philosophie und Wissenschaft als "zwei getrennte Kontinente" bezeichnet. Existiert zwischen Wissenschaft und Philosophie aber nicht doch eine Verbindungslinie - und wenn ja, wie bestimmt sich diese näher?

Kurt Bayertz: Bei dieser Analogie hängt alles davon ab, wie wir sie verstehen. Denken wir an zwei Erdteile wie Europa und Asien, so sind diese insofern "getrennt", als wir kein Problem damit haben, sie voneinander zu unterscheiden: Wenn wir auf die Landkarte sehen, liegt Madrid woanders als Tokio oder Peking. Insofern handelt es sich in der Tat um zwei separate Kontinente.

Wenn wir aber ins Detail gehen und beispielsweise fragen, wo am Ural zentimetergenau Europa endet und Asien beginnt, kommen wir in Schwierigkeiten. Denn es gibt Orte, die zum Teil in Europa und zum anderen in Asien liegen. Und natürlich leben dort Menschen, die ständig über die Grenze gehen.

Hinzu kommt, dass man von Madrid nach Peking mit dem Flugzeug, per Schiff oder sogar mit dem Auto reisen kann, dass es also einen regen Verkehr zwischen den Erdteilen gibt. Auch werden Waren von Europa nach Asien exportiert und umgekehrt importiert. Das heißt, selbst wenn es separate Kontinente sind, findet eine ganze Menge Austausch zwischen beiden statt. Sofern wir die Analogie in diesem Sinne verstehen, habe ich kein Problem mit ihr.

Zwei getrennte Kontinente befinden sich ja immerhin auf dem selben Planeten ...

Kurt Bayertz: Ja. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Grenzen mehr oder weniger willkürlich und nicht in der Natur selbst angelegt sind. Wir sollten diese Grenzen zwar ernst nehmen, andererseits aber auch nicht vergessen, dass ein Stück Asien genausogut zu Europa gehören könnte wie umgekehrt.

Beide thematisieren die objektive Realität, beziehungsweise Weltverhältnisse ...

Kurt Bayertz: Philosophie und Wissenschaft haben in der Tat zum Teil die gleichen Gegenstände: Die Physik und die Chemie beschäftigen sich ebenso wie die Metaphysik mit der Frage, wie die Wirklichkeit aufgebaut und strukturiert ist; aber die Methoden der Wissenschaft sind andere als in der Philosophie. Ganz grob gesprochen konzentrieren sich die Wissenschaften auf Fragen und Probleme, die mit bestimmten Methoden wie zum Beispiel dem Experiment beantwortbar sind.

Etliche dieser Probleme sind im Lauf der Geschichte von der Philosophie in die Wissenschaften übergewandert und werden jetzt vornehmlich (oder gar ausschließlich) dort erforscht. In diesem Sinne gibt es auch ein Konkurrenzverhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft; aber es existiert auch Kooperation und Ergänzung. Denn einerseits denken die Philosophen über die Wissenschaft und ihre Probleme nach, andererseits lassen sich die Wissenschaftler von philosophischen Ergebnissen inspirieren. So wurden einige der Fragen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Philosophen wir Paul H. Grice, John L. Austin oder John Searle aufgeworfen wurden, später in den Sprach- und Kognitionswissenschaften diskutiert.

Gibt es nach ihrer Einschätzung eine Möglichkeiten der Philosophie, die Ergebnisse der Einzelwissenschaften in ein dynamisches Gesamtkonzept zu integrieren? Wäre das im Zuge der Weiterentwicklung der Einzelwissenschaften (denen ich jetzt unterstelle, dass sie mit fortschreitender fachlicher Spezialisierung mitunter Eigenlogiken entwickeln, die näher an ökonomische als an humanistische Interessen gebunden sind) nicht sogar dringend geboten?

Kurt Bayertz: Das ist schwierig. Auf der einen Seite glaube ich nicht, dass die Philosophie heute noch einmal die Gesamtheit der wissenschaftlichen Erkenntnis zusammenfassen und zu einem einheitlichen Weltbild vereinigen kann. Ich glaube nicht an eine Übertheorie, die all unser Wissen zusammenfassen kann. Das schließt aber nicht aus, dass es bereichspezifische Synthesen aus verschieden Teilen der Wissenschaft und der Philosophie geben kann.

So kann ich mir zum Beispiel anthropologische Theorien vorstellen, die die Einsichten der empirischen Humanwissenschaften verarbeiten und zusammenfassen. Dabei muss (wie Sie selbst sagen) natürlich berücksichtigt werden, dass die Wissenschaften (aber auch die Philosophie) dynamische, sich entwickelnde Systeme sind. Das bedeutet, dass solche Partial-Synthesen immer nur für eine gewisse Zeit ihren Wert und ihre Überzeugungskraft behalten werden. Das definitive Welt- oder Menschenbild wird es nicht mehr geben.

Cover

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Telepolis-eBook von Reinhard Jellen: Wissen ohne Relevanz - Philosophen über Leben und Technik

Kann Philosophie helfen, die Wissenschaften mit ihren Eigen-Logiken unter dem Interesse der ökonomischen Verwertbarkeit an eine humanistische Zwecksetzung zurückzuführen?

Kurt Bayertz: Ich glaube, dass das in der Tat zumindest partiell möglich ist; und ich glaube auch, dass die Philosophen darin eine wichtige Aufgabe haben. Wir sollten uns in diesem Zusammenhang allerdings vor vorschnellen Verallgemeinerungen hüten: Nur ein Bruchteil der Naturwissenschaften sind ökonomisch verwertbar. Wenn ein Biologe die Dialekte bestimmter Singvögel untersucht, ist das für die Wirtschaft genauso uninteressant wie wenn ein Papyrologe irgendwelche Schriftrollen entziffert.

Die Vorstellung, dass die Geisteswissenschaften - also die Reflexionswissenschaften - jenseits aller praktischen Nutzbarkeit sind, während die Naturwissenschaften in ihrer Gesamtheit technische Wissenschaften sind, die ökonomischen Imperativen folgen, stimmt einfach nicht. Große Teile der Naturwissenschaften sind wirtschaftlich genauso nutzlos wie Teile der Geisteswissenschaften sehr wohl praktisch verwertbar sind. Wir sollten uns von allzu stark vereinfachenden Gegenüberstellungen lösen und ein differenziertes Bild der Wissenschaft zeichnen.

Spätestens mit dem Siegeszug der analytischen Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Philosophie verwissenschaftlicht und spezialisiert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Kurt Bayertz: Es ist sicherlich richtig, das sich große Teile der Philosophie den Wissenschaften in zweierlei Hinsicht angenähert haben: Sie haben die Wissenschaften - etwa in der Wissenschaftstheorie, aber auch in der Ethik - zum Gegenstand ihrer Betrachtung gemacht; zugleich haben sie auch versucht, deren Methoden zu imitieren. Die erste dieser beiden Tendenzen ist unproblematisch, die zweite zwiespältig. Sie hat zwar dazu geführt, dass bestimmte Weltfremdheiten der Philosophie, welche die klassische Metaphysik bisweilen hatte, zurückgegangen sind; sie hat das philosophische Denken zugleich aber zu anderen Weltfremdheiten verleitet.

Aufgrund ihres hohen Präzisionsanspruches thematisiert die analytische Philosophie in bestimmten Bereichen immer spezifischere und detailliertere Fragen, an denen weltweit nur eine handvoll Leute interessiert sind, ähnlich wie es in den Naturwissenschaften seit Langem der Fall ist. Zumindest nach meinem Verständnis von Philosophie ist es aber unverzichtbar, dass es in ihr, wenn schon nicht um das Ganze der Welt, so doch um größere Zusammenhänge gehen sollte. Diese größeren Zusammenhänge haben zumindest Teile der analytischen Philosophie aus dem Auge verloren; insofern droht der Gewinn aus der Verwissenschaftlichung der Philosophie gelegentlich wieder verlustig zu gehen.

Sehen Sie bei den postmodernen Philosophien (die ja - zumindest, wenn man in die Feuilletons blickt - hegemonial geworden sind) produktive Entwicklungsstränge hin zur Wissenschaft?

Kurt Bayertz: In den Literatur- und Kulturwissenschaften besitzt die Postmoderne viel größeren Einfluss als in der Philosophie. Das erklärt auch ihre starke Präsenz in den Feuilletons. In der Philosophie war die Postmoderne nie allzu beliebt und ist heute längst Schnee von gestern. Ich erinnere mich noch, als vor etlichen Jahren Jacques Derrida die Ehrendoktorwürde in Oxford verliehen bekommen sollte; die Initiative dazu hatten Literaturwissenschaftler unternommen, während die Philosophen vehement dagegen protestiert haben.

Jede Wissenschaft hat einen eigenen Blickwinkel auf die Gegenstände und ihre Forschungsergebnisse haben es an sich, dass sie mit der Zeit überholt werden, sich also nur als eine Etappe auf dem wissenschaftlichen Erkenntnisweg erweisen. Man kann also sagen, ihre Ergebnisse sind jeweils wahr, weil sie etwas Richtiges aufweisen und gleichzeitig inadäquat, weil dieses Richtige nur einen Teil eines größeren Zusammenhangs erklärt. Existieren hier Strukturähnlichkeiten zum Bereich der Ideologie? Ist es generell möglich, dass wissenschaftliche Aussagen gleichzeitig wissenschaftlich und ideologisch sind?

Kurt Bayertz: Ich möchte ihre Feststellung, dass die Forschungsergebnisse mit der Zeit überholt werden, etwas korrigieren. Dies trifft zwar natürlich auf viele zu, aber es gibt auch Ergebnisse der Naturwissenschaft, die keiner Korrektur bedürfen und insofern konstant bleiben. Niemand würde etwa heutzutage bestreiten, dass es Gravitation gibt.

Das wissen wir seit 300 Jahren und es ist ein Faktum, an dem sich auch in Zukunft nichts ändern wird. Was sich ändert, ist, dass wir durch neuere Theorien vom Phänomen Gravitation ein tieferes Verständnis gewinnen. Auf der Ebene der Erklärungen gibt es Veränderungen: Es ist aber nicht so, dass alle wissenschaftlichen Einsichten hinfällig werden und wir alle 50 Jahre unser Weltbild komplett ändern müssen.

Was das Ideologische betrifft: Ob etwas Wissenschaft oder Ideologie ist, hängt weniger von den Inhalten der entsprechenden Sätze oder Aussagen ab, als von ihrem Gebrauch. Derselbe Satz kann einmal Wissenschaft und ein anderes Mal Ideologie sein, je nachdem wie man ihn verwendet. Charakteristisch für die Wissenschaft ist, dass sie ihre Aussagen als kritisierbar und prinzipiell widerlegbar auffasst; dass man mit seinen Einsichten, salopp ausgedrückt, einen pragmatischen Umgang pflegt und sie nicht zur Weltanschauung stilisiert.

Für die Ideologie ist hingegen charakteristisch, dass sie ihre Sätze erstens als Dogma benutzt und zweitens wertende Schlussfolgerungen aus ihnen zieht. Die Ideologie sucht die Grenze zwischen faktischen und normativen Aussagen zu verwischen. Diese Charakteristika von Wissenschaft und Ideologie hängen, wie gesagt, nicht am Inhalt der Sätze, sondern am Umgang mit ihnen. Derselbe Satz kann wissenschaftlich und kann ideologisch gebraucht werden.

Ist denn Ihrer Ansicht nach eine adäquate Verknüpfung zwischen faktischen und normativen Aussagen überhaupt möglich?

Kurt Bayertz: Eine Einsicht, hinter die man nicht zurückfallen sollte, ist, dass aus einer faktischen Aussage keine normative folgt. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist, dass es sehr schwierig ist, wenn wir komplexere Aussagesysteme haben, klar zwischen den normativen und faktischen Aspekten dieses Systems zu unterscheiden. Die Vorstellung, man könnte dies auf der Ebene des einzelnen Satzes feststellen und von da aus auf den gesamten Aussagenzusammenhang extrapolieren, halte ich für naiv.

Das heißt, wenn wir komplexere Aussagensysteme betrachten, dann kann man in einem nachträglichen Analyseverfahren versuchen, die normativen und faktischen Anteile zu separieren. Ob man aber damit jemals zu einem definitiven Ergebnis in dem Sinne kommen kann, dass die jeweiligen Anteile so klar voneinander unterschieden sind wie die Böcke von den Schafen: Das wage ich zu bezweifeln.

Welche Möglichkeiten besitzt die Philosophie, den Ideologie-Charakter von Wissenschaften (wie etwa der Wirtschaftswissenschaften) aufzuschlüsseln? Wie muss sich Philosophie, die sich selber in ein enges, spezialisiertes Fach verwandelt hat, entwickeln, um die Partial-Sicht der Wissenschaften kritisieren, sie aus ihrer Subordination unter die Verwertungs-Imperative der Wirtschaft lösen und sie auf den Weg menschlicher Zwecksetzung zurückführen zu können?

Kurt Bayertz: Das ist eine schwierige Frage. Zunächst möchte ich unterstreichen, dass ich es als eine wichtige (wenn auch nicht die einzige) Aufgabe der Philosophie betrachte, diesen Ideologie-Charakter, den Wissenschaften haben können (aber nicht haben müssen) zu kritisieren. Tatsächlich verfügt die Philosophie über ein Instrumentarium der Ideologiekritik und der Analyse von Argumenten, das in den empirischen Wissenschaften nicht existiert.

Damit möchte ich nicht sagen, dass Wissenschaften notwendigerweise unkritisch sind, oder dass es innerhalb der empirischen Wissenschaften keine Selbstkritik gibt. Die von Ihnen erwähnten Wirtschaftswissenschaften bieten dafür Beispiele. Nach meinem Eindruck zeichnet sich hier insofern eine gewisse Selbstkritik ab, als die klassische Vorstellung vom homo oeconomicus zunehmend in Frage gestellt oder zumindest relativiert wird.

Dabei kann die Philosophie helfen und versucht es auch. Zu den Kompetenzen, welche die Philosophie dafür mitbringt, gehören zum einen analytische und rekonstruktive; zum anderen das klare Bewusstsein für die vorher angesprochene Differenz zwischen normativen und faktischen Aussagen. Diese Kompetenzen sind nach meinem Eindruck in den Wissenschaften nicht gleichermaßen stark ausgeprägt.

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