Hitler und die Dialekte

24.01.2016

Die Nationalsozialisten folgten bezüglich der deutschen Mundarten keiner "reinen Lehre". Der Diktator hielt jedoch von einer Pflege sogenannter "Stammeseigentümlichkeiten" nicht viel

Am 30.6.1937 wurde dem "Führer" ein mit Hilfe modernster Technologie erstelltes "Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers" übergeben, welches zunächst 300 Tonträger in einem eigens gefertigten Möbel umfasste.

In der Presse fand die Übergabe dieses reichsweit angelegten Großprojektes ein reichhaltiges Echo. 1938 kam es zu nennenswerten Ergänzungen der Sammlung durch Tonaufnahmen im annektierten Österreich und besetzten Gebieten der Tschechoslowakei. Der Reichsbund der Deutschen Beamten gedachte als Auftraggeber, auch diesmal Hitler eine Freude zu bereiten und plante offenbar noch 1940 eine weitere Fortsetzung der Aufnahmearbeiten in den besetzten Gebieten Polens.

Nach 1945 waren gerade auch die beteiligten Wissenschaftler daran interessiert, das monumentale "Lautdenkmal" dem Vergessen anheimzugeben. Die "dialektalen Sprachproben", die interessantes Forschungsmaterial enthielten, bestanden inhaltlich nämlich zum Großteil aus politischen Bekenntnissen zum "Dritten Reich". Es kursierte später auch das völlig unbelegte Gerücht, Hitler sei von den auf Schallplatte gepressten Tonzeugnissen nicht sehr erbaut gewesen.

Amtliches NS-Programm zur "Ausmerzung der Mundarten"?

Die Frage, wie sich "die" Nationalsozialisten zu den Dialekten bzw. Mundarten stellten, ist in der Forschung mitnichten geklärt. 1

Man kann in diesem Zusammenhang Zeugnisse für extrem gegensätzliche Positionen heranziehen. In einem 1994 erschienenen Forschungsband2 wurde von Philologen vorgetragen, Ziel des Nationalsozialismus sei gewesen "die Uniformierung der Sprache, der Kleidung, der Köpfe, nicht aber die Pflege vielgestaltiger Kultur".

Im Jahr darauf erhob der Historiker Volker Dahm mit einem Beitrag zur "Frage der kulturpolitischen Gleichschaltung im Dritten Reich" 3 Einspruch gegen die These, die Nationalsozialisten hätten sich regionale Bewegungen und regionale Kulturpolitik in einer ersten Phase nur vorübergehend dienstbar gemacht, dann jedoch ein kultur- und sprachzentralistisches Programm verfolgt.

Tatsächlich gibt es serienweise Belege etwa für plattdeutsche Aktivitäten bis in die Kriegsjahre hinein. Repressionen im Zusammenhang mit Dialektdichtung oder Mundartpflege sind hingegen nicht dokumentiert (die erste Germanistik-Professorin Deutschlands, Agathe Lasch, wurde ermordet, weil sie Jüdin war, nicht etwa wegen ihrer herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der niederdeutschen Philologie). Überzeugend hat Dahm aufgezeigt, dass die nahezu obligate Absage an jeglichen "Partikularismus" bei namhaften Nationalsozialisten sehr wohl mit einem profilierten Regionalismus einhergehen konnte. Von Landschaft zu Landschaft hat der Forschende überdies mit ganz unterschiedlichen Verhältnissen zu rechnen.

Es ist nämlich unmöglich, das Konstrukt eines zentralistischen Führerstaates, in dem ausnahmslos alle Bereiche von oben bis in den kleinsten Raum hinein totalitär gelenkt und kontrolliert werden, eins zu eins mit der Wirklichkeit der Jahre 1933 bis 1945 zusammenzureimen.

Es gab trotz des totalitären Wahns eben nicht die totale Uniformität bzw. Gleichschaltung aller Instanzen (Staat, Partei), gesellschaftlichen Gruppen und Akteure. Auch der kulturpolitische Zentralismus im totalen NS-Staat hatte seine Grenzen, und die waren keineswegs immer nur praktischer Natur.

Gegen "modernes Kulturgestotter" und "völkische Rückwärtse"

Hinsichtlich der ideologischen Hintergründe könnte man theoretisch eine - wo auch immer auffindbare - "reine Lehre des Nationalsozialismus" unterscheiden von den Vorstellungen der "Völkischen" und ihrer näheren Verwandten im zivilisationskritischen Spektrum: Die "wirklichen Nazis" sehen alles durch die "Rasse" definiert; sie sind fortschrittgläubig und zentralistisch; sie lieben Technik, Massenaufläufe und Massenkultur etc.. Die "Völkischen" hingegen propagieren "Blut und Boden", verherrlichen ihre "Stammesregion", lieben das Bauerntum, verabscheuen jegliche "Vermassung", fürchten die "entseelende Technik", hängen den alten und uralten Zeiten nach usf..

Eine solche Dichotomie ist verführerisch einfach. Aber sie hat nur wenig zu tun mit dem geistig-kulturellen Gefüge im NS-Staat, in dem sehr unterschiedliche Strömungen zusammenkamen. Der "Führer" brachte es etwa auf dem Reichsparteitag 1934 fertig, "das ganze Kunst- und Kulturgestotter" der Moderne und die Konjunktur der völkischen "Rückwärtse" im gleichen Atemzug zu verdammen.

Da konnte sich jeder das Passende aussuchen. Der parteiamtliche NSDAP-Ideologe Alfred Rosenberg förderte innerhalb seiner Einflussbereiche die "völkisch-provinzielle Dichtung", und es wurde sogar eigens eine "Niederdeutsche Kultstätte Stedingsehre" eingerichtet. Auch die westfälischen Nazis hielten sehr viel von Mundartförderung. An der Universität Münster übte sich der Philologe Karl Schulte Kemminghausen, ein habilitierter Scharlatan übelster Sorte, in nationalsozialistischer Apologie des Niederdeutschen. 4

Er betrachtete, seine Kenntnis von jüdischen Mundartdichtern unterschlagend, vorzugsweise Juden als Mundartfeinde und beteiligte sich als SA-Oberscharführer aktiv an den Pogromen vom 9./10. November 1938 gegen die Juden in Münster. Angesichts der unzähligen "niederdeutschen" Kollaborateure und Täter im deutschen Faschismus wirken manche Versuche, nach 1945 die "niederdeutsche Bewegung" im Rückblick irgendwie auf eine Opferseite zu schlagen, wie ein Verdrängungsprojekt.

Auslassungen über Sprache in "Mein Kampf"

Wie nun stand der "Führer" selbst zu Fragen der Sprachpolitik und der sprachlichen Vielfalt? Eine ganze Reihe von Passagen, die in unserem Zusammenhang von Interesse sind, enthält schon Hitlers krude und menschenverachtende Publikation "Mein Kampf". Das möchte ich nachfolgend mit ausführlichen Textzitaten aufzeigen. 5 Mit großem Nachdruck wird an einen "Sprachenkampf des alten Österreich" erinnert:

Von dem ewigen unerbittlichen Kampfe um die deutsche Sprache, um deutsche Schule und deutsches Wesen hatten nur ganz wenige Deutsche aus dem Reiche eine Ahnung.

Bei einem Besuch im österreichischen Parlament ist der junge Hitler nicht nur entsetzt über den "geistige[n] Gehalt des Vorgebrachten", "denn einige der Herren sprachen nicht deutsch, sondern in ihren slawischen Muttersprachen oder besser Dialekten". Hitlers eigene Erstsprache lag fern vom Wiener Sprachklang:

Mir erschien die Riesenstadt als die Verkörperung der Blutschande. - Mein Deutsch der Jugendzeit war der Dialekt, den auch Niederbayern spricht; ich vermochte ihn weder zu vergessen, noch den Wiener Jargon zu lernen. Je länger ich in dieser Stadt weilte, um so mehr stieg mein Haß gegen das fremde Völkergemisch, das diese alte deutsche Kulturstätte zu zerfressen begann.

Wie anders dagegen das Gefühl von Vertrautheit jenseits der Grenze:

Im Frühjahr 1912 kam ich endgültig nach München. [...] Eine deutsche Stadt!! Welch ein Unterschied gegen Wien! Mir wurde schlecht, wenn ich an dieses Rassenbabylon auch nur zurückdachte. Dazu der mir viel näher liegende Dialekt, der mich besonders im Umgang mit Niederbayern an meine einstige Jugendzeit erinnern konnte. Es gab wohl tausend und mehr Dinge, die mir innerlich lieb und teuer waren oder wurden.

Dem Autor sagt die Alltagsprache der Niederbayern offenkundig zu. (Das Wort "niederdeutsch" taucht in Hitlers Schrift hingegen nur ein einziges Mal auf und zwar in Zusammenhang mit einer geographischen Bezeichnung.)

"Rasse", Judenhass, Kultur und Sprache

Hitlers rassistische Weltanschauung bestimmte seine aberwitzigen Ausführungen über das, was er für "Kultur" hält. Es bilden seiner Ideologie zufolge die sogenannten Arier jene "Rasse, die Träger der menschlichen Kulturentwicklung war und ist". Hitlers Dogmen hierzu lauten:

Die Rassenfrage gibt nicht nur den Schlüssel zur Weltgeschichte, sondern auch zur menschlichen Kultur überhaupt.

Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdteil unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. Sein Aussterben oder Untergehen wird auf diesen Erdball wieder die dunklen Schleier einer kulturlosen Zeit senken.

Das Klima scheint Hitler übrigens als einen wichtigen Faktor zu bewerten: Die Germanen der vorchristlichen Zeit seien keineswegs "kulturlose Barbaren" gewesen, aber es "zwang sie die Herbheit ihrer nordischen Heimat unter Verhältnisse, die eine Entwicklung ihrer schöpferischen Kräfte behinderten".

Der Sprache kommt in Hitlers früher Rassenlehre nur eine vergleichsweise untergeordnete Stellung zu:

Es ist aber ein kaum faßlicher Denkfehler, zu glauben, daß, sagen wir, aus einem Neger oder einem Chinesen ein Germane wird, weil er Deutsch lernt und bereit ist, künftighin die deutsche Sprache zu sprechen [...]. Da das Volkstum, besser die Rasse, eben nicht in der Sprache liegt, sondern im Blute, würde man von einer Germanisation erst dann sprechen dürfen, wenn es gelänge, durch einen solchen Prozeß das Blut der Unterlegenen umzuwandeln. Das aber ist unmöglich. [...] Besonders die kulturellen Kräfte würden bei einer Paarung mit einer minderen Rasse verschwinden, wenn auch das entstandene Mischprodukt tausendmal die Sprache der früher höheren Rasse spräche.

Dass in "Mein Kampf" die Sprache als Kulturphänomen nicht in enger Beziehung zur sogenannten "Rasse" steht, scheint insbesondere mit dem glühenden Judenhass des Autors zusammenzuhängen:

Die Rasse aber liegt nicht in der Sprache, sondern ausschließlich im Blute, etwas, das niemand besser weiß als der Jude, der gerade auf die Erhaltung seiner Sprache nur sehr wenig Wert legt, hingegen allen Wert auf die Reinhaltung seines Blutes. Ein Mensch kann ohne weiteres die Sprache ändern, d.h. er kann sich einer anderen bedienen; allein er wird dann in seiner neuen Sprache die alten Gedanken ausdrücken; sein inneres Wesen wird nicht verändert. Dies zeigt am allerbesten der Jude, der in tausend Sprachen reden kann und dennoch immer der eine Jude bleibt.

Wer deutsch redet, gehört für Hitler noch lange nicht zum "deutschen Volkstum", und das soll wiederum an erster Stelle für "die Juden" gelten:

Auf dieser ersten und größten Lüge, das Judentum sei nicht eine Rasse, sondern eine Religion, bauen sich dann in zwangsläufiger Folge immer weitere Lügen auf. Zu ihnen gehört auch die Lüge hinsichtlich der Sprache des Juden. Sie ist ihm nicht das Mittel, seine Gedanken auszudrücken, sondern das Mittel, sie zu verbergen. Indem er französisch redet, denkt er jüdisch, und während er deutsche Verse drechselt, lebt er nur das Wesen seines Volkstums aus. - Solange der Jude nicht der Herr der anderen Völker geworden ist, muß er wohl oder übel deren Sprachen sprechen, sobald diese jedoch seine Knechte wären, hätten sie alle eine Universalsprache (z.B. Esperanto!) zu lernen, so daß auch durch dieses Mittel das Judentum sie leichter beherrschen könnte!

Hier begegnet uns folgende Konstruktion des Autors: Die Juden hingen gar nicht an ihrer eigenen Sprache, passten sich vielmehr überall mit einer ihnen eigentümlichen Vielsprachigkeit an und würden am Ende den ganzen Globus mit Hilfe einer einzigen Weltbeherrschungssprache knechten. In übernationaler Perspektive verheißen demzufolge Sprachzentralismus oder auch nur eine Weltsprache als "Lingua franca" nichts Gutes.

Hitlers konfuse Auslassungen über Sprache sind durchaus nicht deckungsgleich mit den Annahmen jener Niederdeutsch-Ideologen, die sogar die Lautverschiebungen irgendwie auf besonders "arische Gene" zurückführen. Absurde "Sprachtheorien" der Völkischen haben jedoch Eingang gefunden in seinen hasserfüllten Text. Behauptet wird ja z.B., es könne "der Jude" keine deutsche Dichtung hervorbringen, sondern nur "deutsche Verse drechseln". (Wollte man nach 1933 einen allseits bekannten Text Heinrich Heines vortragen, musste man ihn kurzerhand als "Volksgut" deklarieren.)

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