Weltwirtschaft auf Rezessionskurs?

25.01.2016

Der wichtigste Frühindikator Baltic-Dry ist auf seinem niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen, er prognostizierte die schwere Krise 2008

Die Aussichten für die Weltwirtschaft trüben sich zusehends ein. Da sind die Probleme in China, die dafür sorgen, dass die Überproduktion die Ölpreise deutlich nach unten drückt (Ölpreis purzelt mit beendeten Iran-Sanktionen). Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) hatte schon gewarnt, dass das weltweite Wachstum "enttäuschend" ausfallen werde. Trotz der konjunkturfördernden niedrigen Ölpreise hatte der IWF seine Prognose für 2016 und 2017 noch kurz vor dem Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos erneut nach unten angepasst. Entscheidender ist aber, dass der Baltic-Dry-Index (BDI) auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen ist. Er ist der beste Frühindikator der globalen Konjunktur und demnach sieht es für sie finster aus.

Den meisten Menschen sagt der Baltic-Dry-Index wohl nichts. Doch für die Entwicklung der Weltkonjunktur wird der BDI als der wichtigste Frühindikator angesehen. Erfasst werden in dem Index die täglich real bezahlten Frachtpreise auf 26 Hauptschifffahrtsrouten für vier Schiffsklassen (Capesize, Panamax, Supramax und Handysize) im sogenannten Trockenschüttgutverkehr. Die bedeutendsten Güter sind Kohle, Eisenerz, Zement, Kupfer, Kies, Dünger, Kunststoffgranulat und Getreide.

Baltic-Dry Absturzkurve. Quelle: Bloomberg

Manche fragen sich vielleicht, was sich aus Frachtraten für Schiffe für die Weltkonjunktur ableiten lässt. Diese Frage lässt sich einfach beantworten, denn die im Baltic Dry erfassten Güter stehen alle am Anfang der industriellen Produktionsprozesse. Und dazu muss beachtet werden, dass über 90% des Welthandels, fast 95% des gesamten Außenhandels der EU und sogar fast 70% des deutschen Im- und Exports über den Seeweg abgewickelt wird. Der BDI erfasst Massengutfrachter und bildet mehr als die Hälfte des gesamten Schiffsmarkts ab.

Und so tauchten diese Tage erste Warnmeldungen über das Absacken des BDI auf, die merkwürdigerweise in Deutschland kaum Beachtung fanden. Schon im vergangenen November fiel der Index unter die Marke von 500, weshalb einige schon von einem "zusammenbrechenden Welthandel" sprachen, weil das der niedrigste Stand seit der Einführung 1985 war. Er fiel also noch unter die Tiefststände, die in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 registriert wurden. In der vergangenen Woche sackte er sogar unter die Marke von 400 ab und geht immer tiefer in die Knie.

Die Absturzkurve seit einem Monat ist beachtlich. Seit dem 6. Januar, bis dahin hielt er sich im Bereich von 500, stürzt er regelrecht ab. Der Absturz geht einher mit dem Absturz an den Börsen in China, der inzwischen seine Spuren weltweit an den Finanzplätzen hinterlassen hat. Am vergangenen Freitag schloss der BDI sogar auf ein neues Allzeit-Tief von nur noch 354. Nicht wenige Beobachter sehen nun die Crash-Gefahr wie 2008 deutlich wachsen. Einige sehen im BDI einen "Kanarienvogel in einer Kohlemine" für die Weltwirtschaft. Im Januar 2008 wurde schon durch abstürzende Frachtraten die kommende Krise vorweggenommen.

Einer derer, der die große Krise ebenfalls vorhergesagt hatte, war Nouriel Roubini. Der Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University, der wegen seiner Untergangsprognosen auch "Dr. Doom" genannt wird, hatte einst frühzeitig das Platzen der US Immobilienblase und damit den Beginn der Finanzkrise vorhergesagt. Danach prognostizierte er auch, dass in diesem Rahmen Banken zu ihrer Rettung verstaatlicht würden, was damals völlig unvorstellbar erschien.

Verwerfungen wie 2008 will Roubini nun aber nicht sehen. Es scheint, er will seinen Spitznamen loswerden. "I don't expect it's 2008 again." In einem Interview will er, anders als andere Beobachter, keine neue globale Rezession oder Finanzkrise heraufziehen sehen: "I don't expect a global recession or financial crisis." Die derzeitigen Turbulenzen rührten aus verschiedenen Faktoren, vor allem aus der Sorge, dass China eben nicht die erhoffte weiche Landung hinbekommt, sondern es mit zusammenbrechenden Börsen und einer zusammenbrechenden Währung ziemlich rumpeln könnte. "The current turmoil is driven by a bunch of factors, primarily concern that China might have a hard landing and collapse of its stock market and currency."

Bild: Oliver Ohm/CC-BY-SA-2.0

Wie steht es um China?

Viele blicken derzeit immer besorgter in Richtung China. Zwar haben die Statistiker dort nun behauptet, das Wachstum sei mit 6,9% fast genauso hoch ausgefallen, wie die Regierung mit 7% vorgegeben hatte, doch nur wenige nehmen ihnen das ab. Dieser sehr optimistischen Einschätzung einer wenig transparenten Behörde, die "harmonisierte" Zahlen herausgibt, stehen Daten entgegen, die ebenfalls offiziell in China bekanntgegeben werden. So fallen die Ausfuhren beim Exportweltmeister seit vielen Monaten zum Teil stark und die Importe befinden sich praktisch sogar längst im freien Fall.

Der BDI ging ab Anfang Januar so richtig in den Keller, als klar wurde, dass die Industrieproduktion gegen alle Erwartungen weiter gesunken ist. Viele gingen an chinesischen Börsen zum Ausverkauf über, weil klar wurde, dass die Planer in Peking die Krise nicht in den Griff bekommen. Sie können ihre Notmaßnahmen nicht auslaufen lassen, verlängern sie und starten immer neue Notmaßnahmen (China-Krise nicht zu bändigen). Auch das ist etwas, was wir aus der letzten großen Finanz- und Wirtschaftskrise gut kennen.

Die Schätzungen einiger Experten, wonach das Wachstum in China sogar nur 4% betrugen habe und in Richtung null tendiere, erteilte Roubini eine Absage. Die, die derlei behaupteten, würden nicht wahrnehmen, dass der Dienstleistungssektor viel schneller wachse als das im verarbeitenden Gewerbe. Er rechnet mit einem Wachstum von 6% in diesem Jahr, dass in Richtung 5% abfallen soll.

Allerdings nehmen auch diverse Experten in China ihrer Statistikbehörde diese Wachstumszahlen nicht mehr ab. Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärte ein chinesischer Professor von der Universität für Finanzwirtschaft in Peking, dass er 2015 nicht einmal von einem Wachstum von etwa 5% ausgeht. In einem ähnlichen Bereich siedelt mit 4,5% auch Ambrose Evans-Pritchard das Wachstum an. Der Ökonom liefert regelmäßig eigene Schätzungen zur Wirtschaftsaktivität in China, die auch die Frachtraten einbeziehen. Der chinesische Experte erklärte, dass die chinesischen Statistiker die "Vorgaben der Regierung einhalten müssen". Es seien "politische Wachstumszahlen". Die veröffentlichten Zahlen stimmten nicht mit denen überein, die Entscheidungsträgern vorlägen. Auch in vielen Firmen werde oft mit zweierlei Datensätzen gearbeitet.

Die schwächelnde Konjunktur in China macht sich längst überall deutlich bemerkbar. Das Land war bisher der Wachstumstreiber. Die Länder, die wie Australien davon profitiert haben, spüren die ausbleibende Nachfrage schon deutlich. War das Reich der Mitte, als Werkbank der Welt, noch im Jahr 2012 zu etwa 85% am weltweiten Wachstum beteiligt, sind es derzeit vermutlich nur noch etwa 20%.

Seite 1 von 2
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Amok: Der ausschlaggebende Auslöser Antidepressiva?

Torsten Engelbrecht 12.09.2015

Der Psychiater David Healy zum "Medikamentenaspekt" des Amokflugs 4U95254 und bei Amokläufern

weiterlesen

"Independence Day: Wiederkehr": Zum Kern vorgedrungen

Warum man jeden neuen Emmerich-Film gesehen haben sollte

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.