Empörungskapital

26.01.2016

Von hypnotischer Sozialkritik zum globalen Armutstourismus

Die Reaktionen auf die aktuelle Oxfam-Studie An Economy for the 1% sind genau das, was ich als hypnotische Redundanz bezeichne: In einem sich ewig wiederholenden Ritual werden die ewig gleichen Empörungsvokabeln verteilt, ohne dass damit eine Chance auf konkrete Veränderungen verbunden wären.

Sinn ist die Mangelware des 21. Jahrhunderts und Empörung inzwischen eine neue Kapitalsorte. In einer Gesellschaft, die ständig nach der "Großen Transformation" sowie einem neuen Gesellschaftsvertrag ruft, ist das ein irritierender Widerspruch. Es gibt kaum noch Wissensdefizite. Vielmehr ist die Zeit reif, vom Wissen zum Handeln zu gelangen - wir benötigen weniger Skandalisierungswissen, dafür mehr Transformationswissen.

Bettelndes afghanisches Mädchen. Bild: Evstafiev/CC-BY-SA-3.0

Skandalisierung ist lediglich ein notwendiger. aber noch kein hinreichender Schritt. Die Oxfam-Studie listet akribisch Gründe für die globale Ungleichverteilung von Vermögen auf. Auch im nationalen Maßstab kann Vermögensungleichheit empören. Deutschland ist ein Schlusslicht im OECD-Vergleich. Die Gründe benennt die Studie präzise: Zunahme der Lohnspreizung, hohe Renditen bei Kapitalanlagen, Diskrepanz im Verdienst von Arbeitern und Managern und nicht zuletzt Steuerschlupflöcher und -oasen. Hieraus folgt reflexhafte Empörung in der Presse sowie der appellative Charakter der Studie.

Grundsätzlich ist es richtig und wichtig, auf Ungleichheiten hinzuweisen. Darauf, dass die globale Verteilung von Vermögen eine ganz eigene Form der Obszönität darstellt. Wenn 62 Personen soviel besitzen (1,76 Billionen Dollar) wie die ärmere Hälfte der Menschheit (rund 3,5 Milliarden Menschen), dann ist das ein Skandal. Noch obszöner erscheint diese Vermögenskonzentration, wenn man realisiert, dass in diesem "Wirtschaftssystem für die Superreichen" 2010 noch 388 Reiche das Gegengewicht zum globalen Armutsmedian darstellten. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob sich die zur Skandalisierung genutzte Personalisierung überhaupt eignet, um den Sachverhalt darzustellen. Ist die globale Vermögensverteilung nun 6,25mal "konzentrierter"? Genau das wird von der Studie suggeriert, hierauf beruht ihr Empörungskapital.

Letztlich entkoppeln aber gerade solche Zahlenspiele die Ergebnisse von lebensweltlicher Erfahrbarkeit von Ungleichheit. Mehr noch. Sie entkoppeln auch die Sphäre der Empörung von der Sphäre des Handelns. Denn die vielen in der Oxfam-Studie veröffentlichten Kennzahlen wirken letztlich ähnlich wie Armuts- und Reichtumsberichte. Sie erzeugen erwartbare Reaktionen auf das Skandalöse. Und dabei ist es einerlei, ob es sich um offizielle Armutsberichte nationaler Regierungen oder Schattenberichte von NGOs handelt. Am ende wird Wissen zwischen zwei Paradoxien im Nicht-Handeln erstickt.

Denn erstens konzentrieren sich Armutsberichte fast zwangsläufig nur auf messbare Dimensionen von Armut. Der Fokus auf die Vermögensverteilung in der Oxfam-Studie ist ein Beispiel. Die "datenorientierte Analyse der Einkommens- und Lebenslagen" im Fall des 1. Armuts- und Reichtumsberichts Baden-Württembergs ein weiteres. Die nicht-messbaren Aspekte von Armut bleiben seltsam unsichtbar. Kennzahlen und Konzentrationsmetaphern sind dafür kein geeignetes Medium.

Und zweitens kann die Berichterstattung schnell zum Handlungsersatz mutieren. Offizielle Armutsberichte gleichen einer Pflichtübung, die politisches Handeln eher verhindert als befördert. Sie sind ein Verschiebebahnhof für ein Problem, dass als zu komplex gilt, um es nachhaltig zu lösen. Schattenberichte lösen hypnotisch redundante Sozialkritik aus, die schnell die bekannten Schubladen (Banker, Banken, Betroffenenheit) öffnet und die Empörung darin versenkt. Immer darauf bedacht, dies nicht nach Sozialneid aussehen zu lassen, um den eigenen Standpunkt für die Geste moralischer Orthopädie nicht vorsätzlich zu diskreditieren.

Wir werfen Spekulanten Gier vor und ekeln uns noch nicht einmal vor dem eigenen Geiz

Irgendwie ist das inzwischen alles unbefriedigend. Die empörte Sozialkritik avancierte zu einem positiven Tabu. Wer angesichts solcher Zahlen nicht demonstrativ empört tut, muss sich ein kaltes Herz nachsagen lassen. Mit jeder Aktualisierung wird aber die simulierte Empörung inflationärer und damit weniger wirkungsvoll. Sie wirkt dann wie eine Beruhigungsvokabel, weil die vermeintlich Schuldigen bereits ausgemacht sind.

Aber sind sie das? Zu unserer eigenen Rolle in diesem Spiel fällt kein einziges Wort. Gerade wir Konsumenten haben aber großen Anteil an der ungleichheitsproduzierenden Wirkung des globalen Armutshandels. Wir werfen Spekulanten Gier vor und ekeln uns noch nicht einmal vor dem eigenen Geiz. Aber genau der macht die globale Ausbeutung innerhalb etablierter Wirtschaftskreisläufe erst möglich.

Der Vorschlag von Oxfam, das Steuersystem zu reformieren ist lobenswert, wenn auch nicht gerade überraschend. Trotzdem zeigt sich auch an diesem Vorschlag, wie schnell die Logik der dynamischen Stabilisierung durch Wachstum unhinterfragt reproduziert wird. "Soziale Ungleichzeit bremst das Wirtschaftswachstum", schreibt Oxfam. Und das, obwohl inzwischen bekannt ist, dass wir längst an den Grenzen des Wachstums angelangt sind. In einer Post-Ökonomie, die nicht allein wachstumsgetrieben ist, werden von uns allen neue Lebensstil- und Konsummuster abverlangt.

Wir sind Teil des Spiels, nicht bloß dessen Beobachter. Sozialkritik müsste also vielmehr mit Konsumkritik gekoppelt werden. Es ist richtig, dass Unternehmen, die im Inland keine Steuern zahlen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht werden. Aber diese Argumentation ist zu holzschnittartig. Auch wir haben große Schwierigkeiten damit, unserer individuellen gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen.

Nichts ist mir lieber als Systemkritik, Kritik an den Verhältnissen. Aber ohne Verhaltenskritik bleibt diese einseitig. Letztlich wird immer wieder die entlastende Suggestion reproduziert, Gesellschaft würde sich durch ritualisierte Empörung und hypnotisch redundante Sozialkritik von alleine wandeln. Der eigene Anteil an dieser Transformation wird dabei unter den Teppich gekehrt. Auch nur daran zu denken, strengt an. Trotz Aufklärung wird damit Vertuschung betrieben. So ändert sich nie etwas.

Armutstourismus: Erleben ist nicht Erfahren

Erkennbar ist diese Haltung an zynischen Angeboten, die sich als Sensibilisierungsmaßnahme tarnen. Innerhalb der sich ausweitenden Armutsökonomie wird mit dem Elend der anderen erfolgreich Profit gemacht. Ein aktuelles Beispiel ist das "innovative" Wiener Start-up-Unternehmen Shades Tours Vienna, das "deutschsprachige Gruppentouren mit Bildungscharakter" durch die Welt der Armut und Obdachlosigkeit organisiert. Die TeilnehmerInnen der Touren werden zu den Notschlafstellen "Gruft" und "VinziPort" geführt. Und natürlich darf die "Wiener Tafel" nicht fehlen, denn dort beherrscht man das Aufpolieren des eigenen Images meisterhaft. Ziel dieser Touren ist es, Stigmen und Vorurteile abzubauen. Armutstourismus gilt den Veranstaltern als "Beschäftigungsinstrument für betroffene Personen" sowie als "innovative Methode" zur Eindämmung von Armut. Aus der Aufklärung soll über die Selbstreflektion und Solidarität eine Re-Integration erwachsen.

Aufklärung ist gut. Aber auch diese Form der Aufklärung ist letztlich Vertuschung, weil der eigene Anteil an der Existenz von Armut mitten unter uns einfach wegthematisiert wird. Eine simulierte Kontingenzerfahrung mag mit ein wenig Nervenkitzel und kalkuliertem Ekel verbunden sein. Aber Erleben und Erfahren von Armut driften auseinander. Die Orte, an denen Arme leben und Almosen erhalten, können vielleicht erfahren werden. Beobachtungen an diesen Orten sind teilbar. Aber Armut zu erleben – die subjektive Bewältigung eines Lebens am gesellschaftlichen Rand ohne Exit-Garantie – ist etwas grundlegend Anderes.

Mich würde es nicht wundern, wenn die Idee des Armutstourismus' bald auch im globalen Maßstab erprobt würde. Bislang gibt es wenig Beispiele für nachhaltige Armutsbekämpfung, was auch dazu führt, dass die Akzeptanz für weichgespülte Lösungen wächst und wächst. Jedenfalls gibt es noch viel Platz für "soziale" Unternehmen, die vorgaukeln, die Welt würde allein dadurch besser werden, wenn wir nur "sensibler" auf Probleme reagierten. Anstatt zu realisieren, dass wir alle in den globalen Armutshandel verstrickt sind, lassen wir uns mit sanftem und pädagogisch wertvollem Armutstourismus trösten.

Die Gemeinsamkeit, die offizielle Armutsberichte, skandalisierende Schattenberichte (wie die Oxfam-Studie) und die Idee des Armutstourismus' verbindet, ist die Empörungssimulation ohne Chance auf echte Verhaltensänderung. Hypnotisch redundante Sozialkritik und ritualisierte Feindbilder verhindern, darüber nachzudenken, was wir selbst tun können.

Dorothee Sölle, die große Mystikerin und Theologin unterscheidet in ihrem Hauptwerk Mystik und Widerstand zwei Formen der Weltauslegung. Die "Hermeneutik des Verdachts" und die "Hermeneutik des Hungers". Erstere versucht in einer eingespielten Form, Ideologien und Herrschaftsverhältnisse zu demaskieren. Letztere zielt auf weltverändere Tätigkeiten ab, an der alle – nicht bloß die angeklagten Herrschenden – Anteil haben. Eine "Hermeneutik des Hungers" ist eingreifend und nicht bloß anklagend.

Der Bericht von Oxfam ist wichtig, weil es in dieser Welt immer wieder detaillierte Wirklichkeitsbeschreibungen als Anklage geben muss. Aber Anklage allein ist nicht genug. Wir brauchen eine eingreifende und weltverändernde "Hermeneutik des Hungers" statt einer bloß anklagenden "Hermeneutik des Verdachts". Mich erinnert die Flut an Studien, Berichten und Kennzahlen an einen Ausspruch von Elias Canetti aus dem Buch Die Blendung: "Man nimmt ein Wort her, koppelt es an ein Rätsel, und das Rätsel ist gelöst." So leicht, sollten wir uns nicht vorgaukeln lassen, dass wir keine eigene Verantwortung haben.

Stefan Selke ist Autor des Buches "Schamland. Die Armut mitten unter uns" (ECON) und z.Zt. Forschungsprofessor für "Transformative und Öffentliche Wissenschaft" an der Hochschule Furtwangen.

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