Abgründig hündisch

06.02.2016

Wie jede gute Geschichte über Hunde muss auch diese mit dem Wolf beginnen - Tom Appleton glaubt, dass die Vorfahren der heutigen Haustiere auch als Nahrungsspeicher und Müllbeseitiger domestiziert wurden

Lupus, der Wolf. Genetisch fast identisch mit dem Hund, und doch völlig anders.

Eigentlich ist es ein bisschen arg blöd, aber als Illustration zur Einstimmung brauchte ich hier ein Bild-Zitat, und dazu bietet sich der Titel dieser australischen Medizinerzeitschrift als durchaus tauglich an. Die Grafik-Firma, die das Heft produziert, sollte eine Story über die Auto-Immun-Erkrankung "Lupus" illustrieren. Also wanderte man in den Zoo, vermutlich in Sydney, fotografierte den nächstbesten amerikanischen Wolf, und mit etwas Photoshopping stand das Tier auch schon im Phantasie-Schnee und blickte — leicht dusselig — in die Welt hinaus.

Doch für meine Zwecke reicht es. So sieht er eben aus — der Wolf, von dem der heutige Hund, in all seiner Vielgestaltigkeit, abstammt.

Darüber hinaus kann uns dieses Bild nun aber auch beim Google-Test helfen. Man gibt die Wörter "North", "American", "Indian", "Dog" ein, und es erscheinen genügend Beispiele für einen Hund — mit den gleichen, aufgestellten, dreieckigen Ohren und dem senkrecht nach unten zeigenden Schwanz, wie dieser Wolf — und mit zudem einer leicht gelblichen Färbung des dicken Pelzes.

Das Interessante an diesem gelben Hund ist nun, dass er genau so aussieht wie der einheimische Hund der Maori in Neuseeland, der unter dem Namen "Kuri" bis 1830 überlebte.

"Kuri", das sollte man noch hinzufügen, ist ein schwedisches Wort - für "Hund". Das schottische Wort "cur" für "Hund" — ausgesprochen "kör" — stammt von den Norwegern, die dort einst als Wikinger eingefallen waren. Insofern mag der englische Entdecker Neuseelands, Captain James Cook, im Jahr 1769 gemeint haben, es sei wohl ganz natürlich, dass ein Hund eben "Kuri" hieße.

Andererseits gibt es in der Maori-Sprache noch ein zweites Wort für das gleiche Tier, "Pero". Das spanische Wort für "Hund" schreibt sich "Perro", mit Doppel-R. Ist ansonsten aber identisch.

Das hat in der offiziellen Geschichtsschreibung Neuseelands noch nie eine Augenbraue zur Fragezeichenform hochschnellen lassen - vielleicht, weil man die Rechtmäßigkeit des Anspruchs der britischen Krone auf diese Kolonie nicht in Zweifel ziehen wollte.

Und auch heute noch tun sich die Neuseeländer ein bisschen schwer damit, die Geschichte des Kuri zu untersuchen. So stellte die Internetseite stuff.co.nz beispielsweise in einer Story zum Thema "Warum starb der Kuri aus?" fest, der Maori-Hund sei "aus ungeklärten Gründen […] irgendwann im 19. Jahrhundert" ausgestorben. Die Frage, warum das passiert sei, werde nun von zwei Genetikerinnen anhand von Haaren aus Museumspelzen untersucht.

Dabei kann man aus historischen Quellen erfahren, dass der letzte Kuri oder die letzten seiner Art um 1830 zu einer rituellen Mahlzeit verarbeitet wurden.

Obwohl das flauschige Fell dieses Hundes gern als prestigeträchtige Kleidung der Maori-Häuptlinge diente, haben sich — wenn überhaupt — nur wenige ausgestopfte Ganzkörperpräparate erhalten. Im Wellingtoner Te Papa Museum befindet sich ein lächerliches Objekt, das so wirkt, als hätte man ein Tierfell mit etlichen Sofakissen vollgestopft, und dann den Schwanz in Marsupilami-Form hintendran durch die Luft schweben lassen wollen.

Die oben verlinkte stuff-Seite zeigt ein weiteres Tierpräparat, das dem Kuri ähnlich sieht, aber keineswegs echt zu sein braucht. Dafür, dass es an die 200 Jahre alt ist, oder sein müsste, befindet es sich in einem geradezu "unglaublichen" Zustand. Ohne eine genetische Probe hätte ich für dieses Versteigerungsobjekt keinen Pfifferling geboten.

Merkwürdig aber, dass man die Tatsache, dass der Kuri einst so gschmackig auf dem Speisezettel figurierte, heute so gschamig unter den Teppich kehren will. Als Jäger oder Jagdgehilfe diente dieser Hund nicht, denn es gab nichts zu jagen in Neuseeland. Jedenfalls nicht in der Tierwelt.

Er diente in erster Linie als Haustier und Spielgefährte, und, (in kastrierter Form, um ihn leichter aufzupäppeln), als Objekt der Maori Cuisine.

Auch Captain Cook wurde bereits bei seiner ersten Umrundung des Landes zu einem Kuri-Feinschmecker, was übrigens, wiederum historisch belegt, dazu führte, dass sein Temperament zusehends knurriger und bissiger wurde.

Zuletzt, Ironie der Geschichte, wurde Cook auf Hawaii ermordet und sein Körper gewissermaßen für ein rituelles Festessen schlachtermäßig zerteilt. Bis zum nächsten Tag war es den hawaiianischen Häuptlingen dann aber doch zum Bewusstsein gekommen, dass sie hier wohl einen Fehler begangen hatten, und sie ersannen die Mär, dass zwei hungrige Kinder in der Nacht Cooks Herz — im Glauben, es handele sich um ein Hundeherz — roh verspeist hätten. Dem verbliebenen Leichnam bereiteten sie dann auf alle Fälle noch ein ehrenhaftes Begräbnis.

Als "Moral aus der G’schicht" könnte man anmerken: Iss nie ein Tier, das ebenso gut dich fressen könnte.

Die relevante Einsicht hier ist aber die, dass der Hund auf der Speisekarte sowohl in Neuseeland wie in Hawaii zu finden war.

Die Gepflogenheiten aus der Küche der Maori und dito der Hawaiianer kommen aus Ostasien. Ebenso wie die Maori und die Hawaiianer. Bei den Maori wurde der genetische Anhaltspunkt erst vor 20 Jahren geliefert: sie stammen wahrscheinlich aus Taiwan, haben unterwegs aber auch noch melanesisches Genmaterial zwischengetankt.

Sogar in prähistorischer Zeit — als asiatische Wanderer nach Nordamerika zogen und von dort den eisigen Temperaturen schleunigst in Richtung Süden entwichen kam ebenfalls der Hund mit und blieb auch dort auf dem Speisenplan.

Um das noch einmal zu fixieren. In Ostasien etabliert sich der Hund als Speisetier, er wird als solches bis nach Südamerika exportiert — dorthin bereits als echtes, domestiziertes Haustier vor knapp 15.000 Jahren! — und kommt endlich auch vor etwa 750 Jahren als Speisetier nach Neuseeland.

Der Hund, als fertiger Hausgenosse, reist seit Jahrtausenden mit dem Menschen um die halbe Welt, und endet auf dem Bratspieß oder im Erdofen seines "besten Freundes". Er dient ihm als "Kühlschrank" oder "Frischhaltepackung auf Beinen".

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