Studie: Al-Nusra-Front langfristig gefährlicher als IS

26.01.2016

Bundestagsabgeordnete wissen nicht, wer in Syrien unterstützt wird

Einer gemeinsamen Studie des Institute for the Study of War und des American Enterprise Institute nach ist die al-Nusra-Front, die syrische Filiale der Terrororganisation al-Qaida, langfristig eine "sehr viel größere" Gefahr für Europa und die USA als der Islamische Staat (IS). Die Autoren der Studie – zu denen die aus dem Irak- und dem Afghanistankrieg bekannten Militärberater Fred und Kim Kagan gehören - plädieren deshalb dafür, den Fokus nicht nur – wie aktuell der Fall – auf das Kalifat zu richten.

Jede Strategie, die vorsieht, die al-Nusra-Front unbehelligt zu lassen, gefährdet ihrer Ansicht nach den Westen, weil sich die Gruppe von Anschlägen dort keineswegs verabschiedet hat, sondern aus taktischen Gründen auf eine Phase der Ruhe setzt, um sich in Syrien eine Basis aufzubauen. Dass die al-Nusra-Front langfristig solche Anschläge im Westen plant, offenbarte der Nationale Geheimdienstdirektor James Clapper dem US-Senat bereits 2014. Die Fähigkeit, solche Terrorakte durchzuführen, hat die Organisation auch deshalb, weil nur 60 bis 70 Prozent ihrer bis zu 10.000 Kämpfer Syrer sind – der Rest kommt (ähnlich wie beim IS) aus der ganzen Welt.

Trotzdem führte Clapper die al-Nusra-Front in seinem Bericht für den Senat im letzten Jahr nur unter den regionalen, und nicht unter den globalen Bedrohungen auf. Auch das US-Außenministerium bezeichnete die Organisation, die Alawiten und Christen vertreiben will, in seinem Terrorismusbericht 2014 lediglich als Gefahr für syrische Zivilisten und andere Staaten in der Region.

Al-Nusra-Front-Anschlag in Aleppo mit über 40 Toten (3. Oktober 2012). Foto: Zyzzzzzy. Lizenz: CC BY 2.0

Ändern die US-Behörden diese Einschätzung jetzt, dann stehen sie vor dem Problem, dass die al-Nusra-Front potenziell noch schwerer zu bekämpfen ist als der IS. Das liegt unter anderem daran, dass es dieser Terrororganisation finanziell wenig ausmacht, wenn man Ölquellen und Öllaster bombardiert, weil es in den von ihr beherrschten Gebieten kaum Öl gibt. Sie finanziert sich zu einem großen Teil über Spenden von Salafisten aus dem Ausland – bis Juni 2013 sollen allein aus dem Emirat Katar bis zu eine Milliarde Euro an sie geflossen sein.

Hinzu kommt, dass die zu einem großen Teil aus kampferfahrenen Irakkriegsveteranen bestehende Gruppe eng mit anderen dschihadistischen Rebellen vernetzt ist und diese aufgrund ihrer militärischen Überlegenheit häufig faktisch kontrolliert. Charles Lister vom Combatting Terrorism Center (CZC) an der Militärakademie in West Point, der bereits im September warnte, die al-Nusra-Front sei ein "Wolf im Schafspelz", glaubt, dass inzwischen fast alle bewaffneten Rebellengruppen in Syrien mit ihr militärisch zusammenarbeiten.

In der Provinz Idlib geschieht das über die im März 2015 ausgerufene Dachorganisation Dschaisch al-Fatah, der neben der al-Nusra-Front auch die Gruppe Ahrar asch-Scham angehört, die Saudi-Arabien unbedingt bei den geplanten Friedensverhandlungen in der Schweiz mit dabei haben will (vgl. Syrien-Gespräche: Staaten der Unterstützergruppe uneins über Teilnehmer). Die Studie kommt diesbezüglich zu einem ähnlichen Ergebnis wie Thomas Pany gestern in Telepolis: "Lädt man Ahrar asch-Scham [...] zu den Gesprächen, heißt das, so holt man indirekt auch al-Qaida an den Tisch" (vgl. Syrien-Gespräche: Steinmeier plädiert für Teilnahme salafistischer Gruppen). Und al-Qaida wird eher als an einem Frieden ein Interesse daran haben, die Gespräche zu sabotieren und den Krieg in die Länge zu ziehen, weil die Terrororganisation sonst ihr relativ sicheres Rückzugsgebiet gefährden würde, in das sie bereits 2013 große Teile Führungsmannschaft holte – darunter die Saudis Abdulrahman Mohammed al-Jahani und Abdelmohsen Abdullah al-Sharikh, den Algerier Said Arif, den Kuwaiti Mohsen al-Fadhli, den Türken Abu Yusuf al-Turki und den Jemeniten Abu Layth al-Yemeni.

Dass die al-Nusra-Front diese Rolle in Syrien spielt, ist nicht allen Politikern bekannt - was diese jedoch nicht von Entscheidungen abhält. Auch deutsche Bundestagsabgeordnete offenbarten in einer ausgesprochen sehenswerten Befragung des NDR nach der Abstimmung über den Syrieneinsatz eine bemerkenswerte Unkenntnis über die Gemengelage dort.

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