Märchen sollen bis in die Bronzezeit zurückreichen

27.01.2016

Ethnologenteam postuliert indoeuropäische Ursprünge

Als Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert "Kinder- und Hausmärchen" sammelten, da glaubten sie, dass diese uralt seien und auf den "großen Volksstamm, den man den indogermanischen zu nennen pflegt" zurückgehen könnten - so Wilhelm Grimm 1853, der die Übereinstimmungen solcher Erzählungen bei verschiedenen Völkern nicht als "bloß scheinbare Verwandtschaft" betrachtete.

Später zeigen Literaturwisschenschaftler, dass viele der von den Grimms gesammelten Märchen ihren Ursprung in der Literatur des 17. Jahrhunderts haben könnten. Jetzt, im 21. Jahrhundert schwingt das Pendel wieder zurück: Die an der Durham University und der Universidade Nova de Lisboa tätigen Ethnologen Jamshid Tehrani und Sara Graca da Silva haben in der Wissenschaftszeitschrift Royal Society Open Science einem Aufsatz mit dem Titel "Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folktales" veröffentlicht, in dem sie vorrechnen, dass einige bekannte Märchen mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in der Bronzezeit erzählt wurden.

Um diese Wahrscheinlichkeiten zu berechnen haben die beiden Ethnologen auf den Aarne-Uther-Thompson Index (ATU) zurückgegriffen, in dem seit 1910 Geschichten aus verschiedenen Kulturen nach Typen klassifiziert werden. Das Märchen "Rumpelstilzchen" wird darin zum Beispiel dem Prototypen "Der Name des übernatürlichen Helfers" zugeordnet.

In ihrer vergleichenden phylogenetischen Analyse berücksichtigten Tehrani und da Silva unter anderem die geographische Verteilung und stellten dabei fest, dass es zwischen benachbarten, aber sprachlich nicht verwandten Völkern nur geringe Überschneidungen im Erzählschatz gibt. Bei den Geschichten, die sich bei einem sprachlich nicht verwandten Nachbarvolk nicht finden, nehmen die beiden Forscher an, dass sie nicht horizontal diffundierten, sondern vertikal von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Mit den Stammbäumen, die sie dafür erstellten, fanden sie zu 100 von insgesamt 275 untersuchten Märchen-Prototypen auffällige Gemeinsamkeiten zur Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen (wie die indogermanischen Sprachen heute genannt werden). Für die Hälfte davon davon liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie in einer Stammsprache, auf die alle indoeuropäischen Sprachen zurückgehen, erzählt wurden, bei über 50 Prozent, bei 31 bei über 70.

Zwar weiß man bis heute nicht sicher, ob es so ein Ur-Indoeuropäisch wirklich gab - im letzten Jahr stützte aber eine genetische Untersuchung die These, dass Europa vor 4.500 Jahren von halbnomadischen Pferdezüchtern aus der südrussischen Steppe überrollt wurde, die dabei den oder die Vorfahren der Sprachen verbreiteten, die man dort heute spricht. Die Zeit, in der die Steppenbewohner ihre DNA hinterließen, fällt in etwa mit der zusammen, die Linguisten für die Ausbreitung der indoeuropäischen Sprachen nach der Kurgan-Hypothese ansetzten, die nach Grabhügeln benannt wurde. Sie geht unter anderem anhand von Untersuchungen der Wörter für Rad, Achse oder Zaumzeug davon aus, dass sich die indoeuropäischen Sprachen über Halbnomaden aus der Steppe verbreiteten (vgl. Indoeuropäer kamen aus der Steppe).

Ausbreitung des Indoeuropäischen nach der Kurgan-Hypothese. Karte: Dbachmann. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Die Kunst der Metallverarbeitung, die sich bereits vorher ausbreitete, spielt in einem Märchen-Prototypen eine zentrale Rolle, der den Berechnungen der beiden Ethnologen nach mit über 5.000 Jahren einer der ältesten ist: Die Geschichte eines Schmids, der einen Handel mit einem übernatürlichen Wesen schließt, dieses aber hinters Licht führt, um seinen Teil des Vertrages nicht erfüllen zu müssen. Bei den Gebrüdern Grimm heißt der Prototyp Der Schmied und der Teufel, Bruder Lustig oder Der Spielhansl.

Ebenfalls über 5.000 Jahre alt sein soll der Prototyp "Der Schatz des Riesen", zu dem unter anderem das Märchen Hans und die Bohnenranke gehört. Bis in eine italisch-keltisch-germanische Protosprache hinein reicht der Prototyp "Die Tierbraut", der in der Sammlung der Grimm-Brüder unter dem Titel Der arme Müllerbursch und das Kätzchen enthalten ist.

Die neuen Erkenntnisse konnten auch die Debatte befeuern, ob es eine bis in die Bronzezeit reichende Kontinuität nicht nur bei Erzählungen, sondern auch bei Symbolen gibt - zum Beispiel bei den kegelförmigen bronzezeitlichen Goldblechhüten, die mit Sonne-, Mond- und Sternsymbolen geschmückt sind und an die Zaubererhüte in populären Darstellungen erinnern. Der Archäologe Harald Meller hält solch eine Symbolkontinuität allerdings für unwahrscheinlich (vgl. Gentests, Symbolkontinuität und Astronomie).

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