Angebliche Vergewaltigung in Berlin: Hört auf zu übertreiben!

27.01.2016

Auch in Moldau beschäftigt der Fall des russlanddeutschen Mädchens Lisa die Menschen

Seit Tagen telefoniere ich mal wieder mit meiner Tante. Nach dem gewöhnlichen "Wie geht’s" kommt die Frage: "Warum schweigt Deutschland bezüglich der Vergewaltigung des 13-jährigen Mädchens?" Ich antworte, dass darüber doch gerade alle berichten (Die 13-jährige Lisa, Flüchtlinge und der Propagandakrieg).

Die vergangenen zwei Wochen erzählte das russische Fernsehen unaufhörlich davon. Nach einer großen Resonanz im Netz nun auch das deutsche. Meine Tante sagt, sie glaube der Berliner Polizei nicht, da sie etwas "vertuschen" wolle. Nach Köln bleibe nur eins - den russischen Medien vertrauen zu müssen.

Meine Tante lebt in Moldau und war noch nie in Deutschland, dafür hat sie aber eine klare Meinung. In der EU herrsche momentan Sodom und Gomorrha. Als Beispiel nennt sie die Schwulenparade und eine "unabwendbare Islamisierung des europäischen Raums durch Flüchtlinge". Jegliche Gegenargumente meinerseits werden als billige westliche Propaganda betitelt. "Warum bleiben die Syrer nicht in ihrem Land? Wollen sie nicht für die Heimat kämpfen und eigene Häuser verteidigen? Klar, fliehen in ein wohlhabendes Land ist immer einfacher als den eigenen Arsch dem Artilleriebeschuss zu stellen."

So wie meine Tante denken sehr viele Menschen - nicht nur in Moldau, sondern auch in Russland und anderen postsowjetischen Ländern. Einfacher gesagt: überall dort, wo Dmitrij Kiselew seine Horrorgeschichten durch die Röhre verbreitet. So ist auch die Allgemeinstimmung vieler Medien, die die Silvesternacht in Köln und die angebliche Vergewaltigung in Berlin ausnutzen, den Flüchtlingen gegenüber sehr negativ.

Was mich bei dieser ganzen Hysterie empört, ist der Eifer, mit dem Sendungen wie "Nowosti" (Perwij Kanal) und Westi (Rossija) den Fall aufgreifen. Die weinende Tante des 13-jährigen Mädchens wird in Berlin interviewt, mit dramatischer Musik im Hintergrund. Nach ihrer Geschichte von einer Vergewaltigung, die 30 Stunden gedauert haben soll, kommen merkwürdige Zusammenschnitte. Die Musik wird lauter und bedrohlicher. Man sieht, wie ein Mann, der eindeutig unter Drogeneinfluss steht, von der Polizei befragt wird. Danach küsst ein Mann arabischen Aussehens eine Ankleidepuppe und fasst dieser an die Brüste. Fazit der Moderatoren: Das will Europa erreichen und dies wäre die unvermeidbare Zukunft.

Ähnlich gebaut war die Geschichte vor anderthalb Jahren in der Ukraine. Damals haben die gleichen Sender berichtet, ukrainische Faschisten sollten einen kleinen Jungen in Slawjansk gekreuzt haben. Später gaben sie dennoch zu, die Reportage basierte ausschließlich auf der Erzählung einer aus der Stadt geflohenen Frau. Zu dem Zeitpunkt war ich selber in der Ukraine und meine Tante hatte Angst, die "ukrainischen Faschisten" werden mich, wenn nicht kreuzigen, dann mindestens vergewaltigen. Ich habe ihr empfohlen, ihre Lieblingssender auszuschalten und mich bei Sorgen um mein Leben sofort anzurufen. Vergleichbare Meinungen wie ihre äußerten viele meiner Bekannten, die nicht mal hören wollten, was ich monatelang in der Ukraine erlebt habe. Die Berichte von Dmitrij Kiselew waren glaubwürdiger.

Die Geschichte rund um die vermutliche Vergewaltigung des 13-jährigen Mädchens ist mehr als nur skurril. Das Mädchen namens Lisa war tatsächlich verschwunden und galt als vermisst. Als Lisa wieder auftauchte, wurde sie laut Aussagen ihrer Tante stundenlang in Abwesenheit ihres Anwaltes von der Berliner Polizei befragt. Was jedoch nicht klar ist: Konnten keine gerichtsverwertbaren Beweise, sprich eine medizinische Untersuchung, nach der Straftat durchgeführt werden? Warum kursierte erst die Information, es seien drei (später zwei) Männer arabischen Aussehens gewesen?

Nun sagt der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, der Sexualkontakt war einvernehmlich und die Verdächtigen seien keine Flüchtlinge gewesen. Eine Entführung oder Vergewaltigung wird weiterhin dementiert. Vielleicht wird mit der Zeit aufgeklärt, das Mädchen habe aus Angst eine Vergewaltigungsgeschichte erfunden, um ihr frühes Sexualleben verheimlichen zu wollen. Doch der Geschlechtsverkehr zwischen einem erwachsenen Mann und einem 13- Jährigen Mädchen bleibt eine Straftat. Was passiert, wenn bewiesen wird, dass es doch eine Vergewaltigung war?

Ob die Polizei schon jetzt mehr weiß, ist schwer zu sagen. Spekulationen lässt man lieber sein. Was mich bei der ganzen Sache stört, ist, wie dieser Fall in der Presse täglich aufgebauscht wird. Nicht nur in der russischen, mittlerweile auch in der deutschen.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden 2013 in Deutschland 46.793 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gemeldet. Davon 7.408 Fälle von Vergewaltigung oder schwerer sexueller Nötigung. Bei den Angaben geht es um die Zahl der Anzeigen, ergangene Verurteilungen gab es 1.129. In Russland gab es m selben Jahr hingegen 4.800 Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung oder Vergewaltigung. Doch die Experten der "Nationalen Kommission für Frauenrechte" sagen, die offizielle Statistik sei klein geredet und die reale Zahl der Vergewaltigungen in Russland liege zwischen 30.000 und 50.000 im Jahr. Wäre es nicht sinnvoller, im Kontext des "Lisa-Falls" mehr Aufmerksamkeit auf die tägliche Gewalt in Deutschland und Russland zu lenken, anstatt die gleiche Geschichte weiter anzuspitzen?

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