Der Mann als Wille und Vorstellung

30.01.2016

Der Kampf gegen den Sexismus ist auch ein Kampf gegen die Männerfeindlichkeit

Beginnen wir mit einem kleinen Rätsel.

Wer sind die? Sie sind laut, grobschlächtig, plump, dumpf, aggressiv und gewalttätig, ihr Wortschatz armselig, die Muskelkraft alles, was sie definiert, ihr Alltag mündet im Feierabendsuff, ihre Wochenenden in grölender Sportekstase, das Einzige, was sie interessiert, ist animalische Triebbefriedigung, sie sind jedem Kunstgenuss abhold, von jeder Komplexität überfordert.

Und wer sind die? Kultiviert, verfeinert, sensibel und kunstsinnig, rhetorisch versiert, kreativ, mit viel Sinn für das Schöne, die Mode, gutes Essen, Indie-Filme, "aufregende" Künstler. Sie finden alles prinzipiell "spannend", geben sich weltoffen, interessiert, freundlich, besitzen ein hohes Einfühlungsvermögen, leben gerne "bewusst", "achtsam" und "jenseits vom Mainstream".

Gut möglich, dass Sie bei der Beantwortung dieser Fragen in sozialen Schichten denken, in Kategorien wie "bildungsfern" und "akademisch gebildet". Manche mögen sogar dazu tendieren, die Kategorisierung nach Sternzeichen oder nationalen Kriterien vorzunehmen. Aber sehr wahrscheinlich ordnen die meisten von uns diese Beschreibungen auch jeweils einem bestimmten Geschlecht zu - zumindest die negative der beiden ganz eindeutig.

Wenn wir uns barbarische Wesen von primitivster Lebensart vorstellen, so sind diese meistens männlich. Stellen wir uns raffinierte, feinnervige Intellektuelle vor, dann sind diese zwar auch häufig männlich, aber doch auch meistens homosexuell. Und da Homosexualität vielerorts nach wie vor als Schandmal gilt, ist die verfeinerte Lebensart vom Geruch des Dekadenten, Widernatürlichen, jedenfalls Unmännlichen umwittert. Ein echter Kerl züchtet keine Rosen und verbringt seine Zeit nicht mit dem Verfassen empfindsamer Verse. Ein echter Kerl steht knietief im Dreck und kratzt sich am Sack. Und hat auch kein Problem damit, das genauso auszudrücken.

Natürlich ist das hanebüchener Unfug. Die Geschichte der Menschheit ist von Männern geprägt worden, die komplexe musikalische Meisterwerke komponiert, mit winzigen Pinselchen Blumen bestäubt, mit unendlicher Präzision und Hingabe sinnliche Malereien und berührende Tragödien geschaffen haben. Und ja, gewiss, manche dieser Männer waren schwul. Aber längst nicht alle.

Wenn sich im 18. Jahrhundert Männer tränenreiche Briefe schrieben und sich gegenseitig ihrer tiefsten Liebe versicherten, so war das aus damaliger Sicht (zumindest meistens) kein homoerotischer Akt, sondern Ausdruck einer aufrichtigen Freundschaft. An vielen Fürstenhöfen galt es als überaus männlich und ehrenvoll, sentimentale Gedichte zu verfassen, komplizierte Tänze einzustudieren oder ein Instrument zu spielen. Das Grobe, Unbehauene, Primitive überließ man dem Pöbel, den man darob nur umso mehr geringschätzte und verachtete.

Der Unterschied zwischen Mann und Frau definierte sich damals - jedenfalls für die Oberschicht - vor allem durch die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, die Bildungsmöglichkeiten und die Partizipation an politischen und gesellschaftlichen Debatten und nicht zuletzt: durch ihre Rolle in Kriegen. Keineswegs aber war es so, dass man dem kleinen Mozart gesagt hat, Musik sei nur etwas für Schwuchteln, ebenso wenig wie der kleine Rembrandt ermahnt wurde, er solle doch lieber mit seiner Steinschleuder auf Tauben zielen, statt Blümchen zu malen.

Die Inkarnationen des Mannes in den Gestalten des sexbesessenen Berserkers, wirren Raufbolds und hygieneresistenen Saufkopfs existierten natürlich ebenso wie heute, aber zu unterstellen, es sei genetisch verhängtes Geschick, dass jeder Mann notwendig und unabwendbar in einer dieser Rollen enden müsse, wäre zurecht als absurd und männerfeindlich zurückgewiesen worden.

Männerfeindliche Tendenzen - der Männer

Freilich, es gab schon immer Tendenzen, Kampfgeist, Aggressivität und Kriegslust als besonders männlich darzustellen und schon von Kind auf in den Knaben zu bestärken. Aber es existierten daneben immer auch Gegenentwürfe. Der introvertierte Künstler, der innovative Tüftler, der sensible Poet und das kreative Genie sind Ausdrücke einer Männlichkeit, die keineswegs hinter dem Bild des muskelbetonten Kraftkerls zurückstehen muss. Und dennoch wird diese Art von Männlichkeit unserer Tage mit Misstrauen beäugt. Was Männervereinigungen und WikiMANNia beklagen, ich teile es ebenfalls: Unsere Zeit hat männerfeindliche Tendenzen. Allerdings nicht unbedingt so, wie WikiMANNia uns weismachen will.

Männerfeindlich ist das Bild des Mannes, der jenseits des Rambo-Klischees nicht lebensfähig ist. Männerfeindlich ist die Behauptung, Männer kämen mit veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nicht zurecht. Männerfeindlich ist die Unterstellung, Frauen könnten nur sicher auf die Straße gehen, wenn andere Männer sie beschützten. Und interessanterweise sind es nicht Frauen, die in erster Linie männerfeindlich sind. Sondern Männer.

Der Feminismus beispielsweise kann per Definition nicht männerfeindlich sein. Er ist eine Herausforderung, eine Zumutung sogar, aber er bekämpft nicht den Mann als solchen. Der Feminismus, der eine Welt der Chancengleichheit und Partnerschaftlichkeit einfordert, unterstellt - und darin liegt seine Perfidie -, dass Männer sehr wohl dazu in der Lage sind, in einer solchen Welt zu leben. Der Feminismus behauptet, dass Männer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Frauen, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.

Der Feminismus traut Männern eine ganze Menge zu. Und er hat recht behalten. Die Fortschritte der Gleichberechtigung, die man trotz aller Unkenrufe feststellen kann, sind Verdienste des Feminismus. Aber es sind auch Verdienste von Männern. Männer, deren Selbstverständnis so weit gefasst ist, dass sie sich auch dann noch als "echte Kerle" begreifen können, wenn sie das Baby wickeln, Männer, die die Größe haben, Frauen als ernstzunehmende Diskussionspartnerinnen anzuerkennen, Männer, die sich über mehr als nur ihren Geschlechtstrieb definieren - sie hat es immer schon gegeben. Sie sind keine Rarität. Sie sind weder verweichlicht noch verweiblicht, und schwul sind sie auch nicht alle. Vor allem aber sind diese Männer eines nicht: das Problem.

Doch genau das klingt im öffentlichen Diskurs immer öfter an: Das Abendland/die heutige Zeit/die Welt gehe nur deshalb vor die Hunde, weil die Männer keine echten Männer mehr seien. Echte Männer hätten unsere Probleme schon längst gelöst. Echte Männer hätten die Lage im Griff. Nur die Schlappheit unseres feminisierten Kastratenzeitalters habe zum desolaten Zustand unserer Gegenwart geführt.

Wer solche Töne spuckt, gibt sich vordergründig frauenfeindlich und gefällt sich in seiner Rolle als Vertreter der "wahren Maskulinität". In Wahrheit jedoch wird hier eine abscheuliche Männerfeindlichkeit manifest, die Männer auf eine bestimmte Rolle reduzieren will. Interessanterweise sind es aber dieselben "männlichen Männer", die den Feminismus in sich entdecken, wenn andere Männer genau diese Art von beschränkter Männlichkeit an den Tag legen, für die sie immer eintreten.

Aber natürlich wissen sie dann auch gleich, wer Schuld an der Misere ist: die mangelnde Männlichkeit in der Politik. Zwischendurch haben manche nämlich herausgefunden, dass die deutsche Bundeskanzlerin eine Frau und ihre Politik also - weiblich ist. Bis vor kurzem wurde Angela Merkel freilich eher mit Adolf Hitler verglichen, der den meisten dann doch wieder männlich genug ist, um nach wie vor oder neuerdings wieder als politischer Idealtypus zu gelten.

Dabei genügt ein Blick ins Geschichtsbuch: Nicht nur Hitler war ein Mann. Sondern auch Gandhi. Freilich ist das verwirrend: Was soll das heißen, Kampfgeist und Friedfertigkeit sind keine Gegensätze? Kultiviertheit und Durchsetzungsvermögen schließen einander nicht aus? Teamfähigkeit, Freundlichkeit und Kompromissbereitschaft können tatsächlich zum Erfolg führen? Verkehrte Welt! Verkehrte Welt?

Beim soeben zu Ende gegangenen Besuch des iranischen Präsidenten Rouhani in den kapitolinischen Museen in Rom wurden unbekleidete Statuen mit weißen Boxen verhüllt. Man respektiere Rouhanis religiöse Gefühle, hieß es. Man darf sich wundern. Gewiss, Rouhani kommt aus einem Land, in dem wallendes Frauenhaar und entblößte Ellenbogen als obszön und mithin als potentieller Vergewaltigungsgrund gelten. Hatte man in Italien etwa die Sorge, ein Mann, der mit dem Glauben aufgewachsen ist, eine nackte Schulter sei nicht nur ein Vorwand, sondern richtiggehend eine Verpflichtung zur sexuellen Belästigung, werde sich auch beim Anblick eines Marmorarsches nicht mehr zurückhalten können?

Dieses letzte Beispiel zeigt: Es geht gar nicht um die Frauen und ihren Schutz. Aber Männer wie Frauen werden Opfer eines Männerbildes, das dem "starken Geschlecht" primitive Bestialität und Instinktgetriebenheit unterstellt, die durch nichts anderes diszipliniert werden können als die komplette Verhüllung von Frauen und die strikte Trennung der Geschlechter. Wir sollten längst ein paar Schritte weiter sein. Wenn jetzt aber in Reaktion auf verdrehte Männlichkeitsvorstellungen nach mehr Männlichkeit geschrien wird, geht es in die falsche Richtung. Ein pervertiertes Männerbild mit einem pervertierten Männerbild zu bekämpfen, hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Wir sollten uns vielmehr noch dezidierter von der allgegenwärtigen Männerfeindlichkeit befreien. Der weiche Mann, der elegante, sensible, zuvorkommende Mann, der verspielte Mann, der kreative, brillante, intellektuelle Mann, der sentimentale Mann, der schüchterne, zurückhaltende, leise Mann, der Blumenfreund, der Rehstreichler, der Warmduscher, der Frauenversteher, der Liedermacher, der Ausdruckstänzer, der Legospieler, der Mann, der bei Liebesfilmen feuchte Augen bekommt, der Mann, der an Winterabenden heiße Schokolade trinkt, der Mann, der seinen Kindern Gutenachtgeschichten vorliest - er ist kein Stück weniger Mann als der Mann, der sich strikt an die Rollenbeschreibung hält und Samstag für Samstag angesoffen ins Stadion strömt.

Es ist enttäuschend, 2016 immer noch daran erinnern zu müssen, aber ich tue es mit umso größeren Nachdruck: Ein echter Kerl kann alles sein. Außer ein Sexist.

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