Ein Blick in die Höhle

07.02.2016

Was uns die Kunst der Steinzeit zeigen kann

Vor etwas über zehn Jahren hatte mich (man in einem Artikel von damals nachlesen kann) die in der Höhle von Chauvet so andersartige - so moderne - Darstellungsweise irritiert. Schließlich gibt es unzählige Höhlen mit Höhlenkunst quer durch ganz Europa - und wenn man so will, ist diese Kunst von einer gewissen Gleichförmigkeit. Rund 20.000 Jahre lang haben die Höhlenmaler immer wieder wunderschöne, aber doch recht eintönige Bilder geschaffen. In Chauvet, dieser "ältesten" Bilderhöhle Europas, sollen sich "die Künstler" (plural) auf einmal darauf verständigt haben, eine ganz neue Form von Kunst, teilweise sogar dreidimensional, zu erfinden? Es schien mir unwahrscheinlich.

Heute stelle ich mir vor, dass die "Inspirationen" oder die "Probezeichnungen" der damaligen Künstler auf Wänden außerhalb der Höhlen - möglicherweise sehr weit entfernt - vielleicht mit Kreide oder Kohle - angebracht wurden. Dort blieben sie eine Zeit lang sichtbar, bis schließlich Wind, Regen, und der Zahn der Zeit sie entfernten.

Im Winter, wenn die Erdneigung das Sonnenlicht geradezu waagrecht über den Horizont strahlen lässt, muss es den Menschen damals oft passiert sein, dass sie vor einer Wand standen und ihren eigenen Schatten praktisch in Lebensgröße und in realistischer Form hinter sich auf den Fels projiziert fanden. Kinder und Erwachsene müssen Schattentheater oder "Schattenboxen" miteinander gespielt haben, und gelegentlich auch die Umrisslinien ihres eigenen Schattens mit Kohle nachgezeichnet haben. Die Sonne geht an diesem Punkt ihrer Reise sehr schnell unter, und wer versuchen möchte, einen solchen Schatten einzufangen, muss sich sehr beeilen.

Heute hat man es leichter als damals, denn man kann in wenigen Sekunden eine ganze Reihe von Fotos machen, die dann zumindest ein dauerhaftes Studium der Schattenrisse erlauben. Ich habe von meinem Wohnzimmerfenster im dritten Stock an genau solch einem Winterabend kurz vor Sonnenuntergang eine Gruppe von städtischen Straßenarbeitern fotografiert, deren Silhouetten klar und deutlich auf einen Zaun am Straßenrand projiziert wurden.

Die Projektion des Schattens als Beginn der Höhlenkunst

Genau an dieser Stelle lokalisiere ich den Ursprung der Höhlenzeichnungen. Wenn die Arbeiter, die ich fotografierte, nicht so versessen darauf gewesen wären, mit ihrer Arbeit fertig zu werden und nach Hause zu gehen, hätten sie sich vielleicht einmal kurz umgeblickt und lachend ihre lebensechten Schattenfiguren betrachtet, und vielleicht sich gegenseitig am Hinterkopf Hasenohren aufgesetzt.

Andererseits gab es sicher in den Gesellschaften der Steinzeit eine enge mentale Verbindung zwischen der Abbildung eines Lebewesens und dem Tod dieses Tieres oder auch Menschen. Möglich also, dass Jugendliche solche Schattenbilder angefertigt haben, und dann Augen und dumme Gesichter und möglicherweise Busen und Genitalien eingezeichnet haben. Aber wenn dann kurze Zeit später irgendein Unfall eintrat, hat man sich sicherlich schuldig gefühlt und solche Spielchen künftig unterlassen.

Wir erleben das ja auch heute noch so. Wenn die Umrisse des Opfers eines Tötungsdeliktes oder Verkehrsunfalls auf der Straße von der Polizei mit Kreide auf dem Pflaster nachgezeichnet werden, empfinden wir später ein Unbehagen beim Betrachten dieser Zeichnung.

Wenn ein Künstler oder eine Gruppe von Künstlern beispielsweise es sich in den Kopf setzt, die eigenen Körperumrisse mit weißer Farbe an jede Ecke eines öffentlichen Platzes zu malen - als "fausses tueries" oder "gefälschte Tötungen" in einem "Art Event" - fühlt sich das Publikum auch heute noch stark verunsichert, und sogar die Künstler selber sind geschockt, wenn später einer der ihren beispielsweise einen Fahrradunfall hat.

Der Schattenriss, der in der Goethezeit so beliebt war, entstand in einer Gesellschaft, in der der Tod - besonders auch der Tod der Kinder - eine ständige Realität darstellte. Von Goethes fünf Kindern starben vier, bevor sie das Erwachsenenalter erreichten. Man legte also Wert darauf, wenigstens eine quasi-fotografische Abbildung in einem Bilderrahmen an der Wand zu haben, genau wie man heute oft Familienfotos in großer Zahl in einem bestimmten Winkel des Wohnzimmers aufstellt. Aber die Nachzeichnung des gesamten Körperumrisses an einer Häuserwand oder auf dem Fußboden erweckt nach wie vor ein Unbehagen.

Die Höhlen der Steinzeit waren keine menschliche Erfindung - sie waren zunächst einmal einfach da - die Natur hatte sie angefertigt und bot sie nun den Menschen feil. Es muss einen Unterschied gegeben haben zwischen den Höhlen, die sich zur Bewohnung eigneten - Schutz vor den Unbillen des Wetters oder der Jahreszeit, Schutz vor wilden Tieren, sicheres Zusammenleben der Menschen einer Gruppe. Und andererseits, die unzugänglichen Höhlen, in deren tiefsten und abgeschiedensten Winkeln die Höhlenbilder angebracht werden konnten.

Ich denke, in diesen Höhlen betraten die Steinzeitmenschen so etwas wie das Totenreich. Die Höhlen eigneten sich nicht zum Bewohnen, aber sie mussten sich dafür eignen, dass an ihren Wänden Bilder hinterlassen werden konnten und lange Zeit Bestand haben würden. Wenn die Höhlen also Totenkammern darstellten, weshalb dann die Scheu vor Menschendarstellungen? Ich denke, die Menschen jener Zeit wählten für ihren jeweiligen Clan ein Totemtier, ähnlich wie in Europa Adelsfamilien bis in die unmittelbare Gegenwart Wappentiere benutzten - Löwe, Adler, Hirsch, Bär - um sich eine eigene Identität zuzuschreiben und sich von anderen Clans zu unterscheiden.

Wenn an der Wand einer Höhle also ein großes Rinderbild erschien, war es klar, dass ein Mitglied dieser Gruppe gestorben war. Die mit Farbe hingesprühten Hände oder Punkte signalisierten dann womöglich die Individuen oder die Anzahl der Trauergäste, die zu dieser Zeremonie erschienen waren. Die Höhlen müssen im Laufe der Jahrhunderte kollektiv von vielen Gruppen benutzt worden sein, ähnlich wie man auf Begräbnisplätzen auch nach einiger Zeit ein Gedrängel feststellen kann, so dass der Platz für neue Bilder eng wurde. Oder gewisse Höhlen wurden über lange Zeiträume hinweg immer vom selben Clan in der Region benutzt. Die verschiedenen Tierbilder zeigen dann wohl nur, welche Clans miteinander verschwägert waren.

Zur Technik. Ganz offensichtlich war es schwierig, in vollkommener Dunkelheit ein großes oder auch nur ein mittelprächtiges Gemälde anzufertigen. Ich denke, der für diese Aufgabe bereitstehende Künstler - und sicher auch: die Künstlerin - war bereits vollkommen ausgerüstet, bevor er oder sie die Höhle betrat. Ausgerüstet mit Farbstoffen, mit Pinseln, mit Wasser, mit Fett, und kleinen Öllampen und ähnlichem mehr.

Vor allem, könnte ich mir vorstellen, hatte der Maler ein Stativ, ein Dreibeinstativ, auf dem er beispielsweise eine geschnitzte Holzscheibe in Form eines Stieres oder Löwens befestigte. Dahinter, auf einem weiteren Stativ, befand sich die Schale mit dem Öl und dem Docht, die nun in einer völlig zugfreien Stelle ein vollkommen stilles und nicht flackerndes Licht ausstrahlte. Man projizierte also den Umriss des Tieres auf eine geeignete Wand, oder selbst auf eine nicht komplett geeignete Wand. Sehr unwahrscheinlich, dass bei dieser Arbeit mehr als eine Person zugegen war, weil das Geatme mehrerer Leute das Licht entweder hätte flackern lassen, oder weil dank Sauerstoffmangel es ohnehin bald ausgegangen wäre.

Das, auf alle Fälle, scheint der Grund gewesen zu sein, warum alle diese Künstler ihre Tiere im Profil gezeichnet haben - anders konnten sie es nicht - und warum sie alle immer den gleichen hohen Grad an Kunstfertigkeit besaßen. Es war eine Kunst, die mehr oder weniger jeder erlernen konnte. Danach mag es den offiziellen Teil des Begräbnisses gegeben haben, Gesänge der Lebenden, Aufbahrung der Gebeine, usw. - alles Dinge, die im Laufe der Zeit verschwanden. Wilde Tiere verschleppten die Knochen, die Lebenden verliefen sich in Zeit und Raum.

Die Bilder blieben.

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