Türkei: 85 Prozent der syrischen Flüchtlinge wollen derzeit nicht zurück

30.01.2016

Allein im Januar sind mindesten 218 Flüchtlinge ertrunken, die Zahl derjenigen, die nach Griechenland übersetzen, steigt jetzt schon wieder auf 2000 täglich an

Wieder sind heute mindestens 39 Menschen vor der türkischen Küste auf dem Weg zur griechischen Insel Lesbos ertrunken. Darunter auch 5 Kinder. Die türkische Küstenwache rettete 62 Flüchtlinge und nahm einen Türken fest, der verdächtig wird, als Schleuser fungiert zu haben. Unter den Flüchtlingen sind neben Syrern auch Menschen aus Afghanistan und Myanmar gewesen. Erst am Mittwoch waren vor Kos und Samos mindestens 33 Menschen ertrunken, darunter 15 Kinder.

Nach der Internationalen Flüchtlingsorganisation (IOM) sind im Januar bislang 52.000 Menschen über das Mittelmeer nach Griechenland gekommen, etwa 2000 pro Tag. 218 sind ertrunken. Allein diese Zahl zeigt, dass schon vor einer wirklichen Schließung der Grenze die Zahl der Toten steigt. Letztes Jahre erreichten mehr als 850.000 Flüchtlinge über die Ägäis Griechenland und sind vermutlich 805 Menschen ertrunken.

In Griechenland kamen diese Woche (21.-27. Januar) 16.106 Flüchtlinge an, 27 Prozent mehr als die Woche zuvor. Seit Januar 2015 trafen in Griechenland 910.663 Flüchtlinge ein. Auch in Mazedonien stieg mit 12.457 neu eingetroffenen Flüchtlinge deren Zahl an, während die Zahl weiter nördlich entlang der Balkanroute in Serbien, Kroatien und Ungarn zurückgegangen ist. Aus den Zahlen lässt sich sehen, dass die Zahl der Flüchtlinge, die über die Balkanroute nach Österreich und Deutschland kommen werden, wieder ansteigen wird. Wenn das Wetter wieder besser wird und der Frühling kommt, wird auch die Zahl der Flüchtlinge noch einmal ansteigen.

"Die Lösung ist Integration"

Die türkische Familien- und Sozialministerin Sema Ramazanoğlu berichtet, dass 85 Prozent der fast 3 Millionen syrischen Flüchtlinge, die sich derzeit in der Türkei aufhalten, unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht in ihr Heimatland zurückkehren wollen. Das dürfte auch mit Blick auf Europa und das 3 Milliarden Euro schwere Abkommen über die Flüchtlinge gesagt worden sein. Erstmals nämlich nahm, so berichtet die Zeitung Hürriyet, ein türkischer Regierungsangehöriger das Wort "Integration" in den Mund: "Die Lösung ist Integration", sagte die Ministerin angesichts der Tatsache, dass die Flüchtlinge erst einmal bleiben - oder versuchen werden, nach Europa zu gelangen, was gleichzeitig der warnende Wink Richtung EU gewesen sein dürfte.

Man habe bislang die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, Kleidung und Unterkünften geholfen, aber das sei nur eine temporäre Unterstützung. Für eine wirkliche Lösung, also für die Integration, müssten die Flüchtlinge die Sprache lernen, eine Arbeitserlaubnis erhalten und einen Job finden. In mehreren Städten würden Familienzentren eingerichtet, in denen Frauen Sprachkurse angeboten werden.

Das Flüchtlingsthema scheint nun hohe Priorität zu genießen (und könnte auch dazu dienen, den Krieg gegen die PKK, den die türkische Regierung in den Kurdengebieten mit großer Gewalt führt, für die europäischen Partner im Hintergrund zu halten, was bislang gelungen ist). Die türkische Regierung hat, wie sie selbst sagt, eine Politik der offenen Grenzen gegenüber syrischen Flüchtlingen praktiziert und diese aufgenommen. Allerdings gelten sie nur als Gäste und wurden nicht als Flüchtlinge anerkannt, denen Schutz gewährt werden muss. Letztes Jahr seien 150.000 syrische Kinder in der Türkei geboren worden: "Das sind türkische Babys", sagte sie. Biometrisch registriert wurden nach dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Yalçın Akdoğan mehr als 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Er sprach allerdings nur von 70.000 in der Türkei geborenen syrischen Kinder.

Ramazanoğlu erklärte, in ihrem Ministerium sei nun eine neue Abteilung zum "Migrationsmanagement" eingerichtet worden. Ziel ist es offenbar, nun alle Flüchtlinge zu registrieren. Bislang wurden nur diejenigen registriert, die in den Lagern leben. Das sind mit 260.000, wie Akdoğan berichtete, nur ein Zehntel aller registrierten Flüchtlinge aus Syrien.

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