Sachbücher des Monats: Februar 2016

06.02.2016

Die Top Ten unter den Sachbüchern nebst einer persönlichen Empfehlung

Jeden Monat neu präsentiert von der Süddeutschen Zeitung, dem Norddeutschen Rundfunk, Buchjournal, Börsenblatt und Telepolis. (Die Jury )

Matthias Bauer
Michelangelo Antonioni
Bild - Projektion - Wirklichkeit

Michelangelo Antonioni galt nach seinem internationalen Durchbruch mit "L’avventura" (1960), spätestens aber nach "Blow-Up" (1966), als einer der wichtigsten Vertreter des Europäischen Autorenkinos. Allerdings gehen die meisten Interpreten auf seine frühen Schwarzweißfilme und die nach "Professione: reporter" (1975) entstandenen Werke nur beiläufig oder gar nicht ein. In dieser umfassenden Darstellung werden erstmals alle Regiearbeiten eingehend besprochen, was sowohl zu einer Erweiterung der üblichen Deutungsmuster als auch zu einer stärkeren Berücksichtigung der Texte und Diskurse wie Künste und Medien führt, die den Kontext der einzelnen Werke und Werkphasen bilden. Antonioni hat sich und sein Kino mehrmals neu erfunden: in Abgrenzung zum italienischen Neorealismus, im Dialog mit Malerei und Literatur, in der Auseinandersetzung mit der Post- und Pop-Moderne wie in der Begegnung mit kultureller Alterität. Als offene Kunstwerke können seine Filme als fortlaufende Infragestellung politischer und intellektueller Gewissheiten, vor allem aber als Anregungen zur beständigen Umgestaltung des Wechselspiels von Bild und Wirklichkeit verstanden werden.
edition text & kritik, 768 Seiten, € 59,00

Manfred Clauss
Ein neuer Gott für die alte Welt
Die Geschichte des frühen Christentums

Als vor Jerusalem ein Wanderprediger am Kreuz starb, ahnte niemand, dass damit ein neues Zeitalter anbrach. Vier Jahrhunderte später wurde das christliche Bekenntnis zur römischen Staatsreligion. Manfred Clauss erzählt die Geschichte dieses frühen Christentums - von den versprengten Urgemeinden bis ins 6. Jahrhundert - und entwirft ein archaisch-schillerndes Panorama: Da wird aus heidnischen Sonnwendfeiern das Weihnachtsfest, Märtyrer sehnen sich nach dem Tod, ein neues, prägendes Lebensideal der Askese bildet sich heraus. Streiter für ihre Kirche wie Paulus und Augustinus propagieren ihre Lehre, schreiben gegen falsche Propheten an - und Gruppierungen wie Arianer und Doketisten bekämpfen sich bis aufs Blut. Denn es war nicht nur die Liebesbotschaft des Evangeliums, die den Erfolg brachte: Das Christentum, wie wir es heute kennen, ist nicht zuletzt das Ergebnis von Eifer, Gewalt und politischem Kalkül.
Rowohlt Berlin Verlag, 544 Seiten, € 34,95

Thankmar von Münchhausen
72 Tage
Die Pariser Kommune 1871 - die erste "Diktatur des Proletariats"

Der bewaffnete und schließlich blutig niedergeschlagene Aufstand, der unter der Bezeichnung "Pariser Kommune" in die Geschichte eingegangen ist, dauerte vom 18. März bis zum 28. Mai 1871. Es war der Versuch eines revolutionären Rats, die Stadt gegen den Willen der Zentralregierung nach seinen Vorstellungen zu verwalten. Thankmar von Münchhausen erzählt die Vorgeschichte und die Ereignisse dieser 72 Tage, die als erste Diktatur des Proletariats gelten, anhand zahlreicher Dokumente und Prozessberichte, Briefe und Tagebücher, Sitzungsprotokolle und Zeitungsartikel und lässt so das Paris dieser Zeit an der Schwelle zur Moderne lebendig werden.
Deutsche Verlags-Anstalt, 528 Seiten, € 24,99

Shlomo Avineri
Herzl
Theodoer Herzl und die Gründung des jüdischen Staates

Das moderne Israel verdankt sich als Idee und realisiertes Projekt wesentlich einem Mann und seinem Werk: Theodor Herzl. Der Journalist und Romancier, Visionär und Politiker verknüpfte literarische Inspiration mit politischer Organisation, den utopischen Entwurf mit der realen Vorbereitung eines eigenen jüdischen Staates. In seiner Biographie über Herzl, trägt Shlomo Avineri Dokumente aus Herzls Tagebüchern, seinen Artikeln und Briefen wie seinem Roman Altneuland zusammen und widerlegt die gängige Ansicht, die Dreyfusaffäre sei der Wendepunkt für Herzls Idee eines eigenen jüdischen Staates gewesen. Ausschlaggebend waren vielmehr die politischen Erschütterungen in der österreichisch-ungarischen Monarchie mit ihren erstarkenden Nationalismen und ihren zunächst untergründigen, dann immer mehr aufbrechenden Auseinandersetzungen. Das alte Europa am Ende des 19. Jahrhunderts hat den Staat Israel, der ein halbes Jahrhundert später entstand, vorgezeichnet.
Aus dem Englischen von Eva-Maria Thimme.
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 361 Seiten, € 24,95

Gérard Noiriel
Die Tyrannei des Nationalen
Geschichte des Asylrechts in Europa

Je instabiler die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in weiten Teilen der Welt werden, desto bedrohlichere Ausmaße nimmt der Strom von Asylsuchenden an. Noiriel zeichnet die 200-jährige Geschichte des modernen säkularen Asylrechts nach, in der nationales Interesse und individuelle Rechte zunehmend in Konflikt miteinander geraten. Seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wird die Aufnahme der Verfolgten mehr und mehr dem "nationalen Interesse" untergeordnet. Die Genfer Konvention von 1951 gerät zunehmend in Gefahr. Wie lange wird sich das individuelle Recht auf Asyl noch halten?
Aus dem Französischen von Jutta Lossos und Rolf Johannes. Mit einem Vorwort von Walter Koisser.
zu Klampen Verlag, 314 Seiten, € 19,80

Larry Siedentop
Die Erfindung des Individuums
Der Liberalismus und die westliche Welt

Mehr denn je geraten unsere bisher für selbstverständlich gehaltenen westlichen Werte unter Druck. Der sich rasant ausbreitende islamische Fundamentalismus, aber auch das autoritäre China treten als machtvolle Antipoden zum westlichen Liberalismus, zur Idee der Freiheit und des Rechts des Individuums auf die Bühne der Weltgeschichte. Vor diesem Hintergrund nimmt Larry Siedentop die Geschichte der Entstehung unseres westlichen Wertesystems neu in den Blick. In einem nahezu zwei Jahrtausende überspannenden Bogen erzählt er von den entscheidenden philosophischen Wendepunkten. Ein geschichtlich-philosophischer Entwurf, der zeigt, was den Westen ausmacht - und einmal mehr zu Bewusstsein bringt, dass nur, wenn wir uns selbst verstehen, ein fruchtbares Gespräch mit anderen Kulturen möglich ist.
Aus dem Englischen von Hainer Kober.
Verlag Klett-Cotta, 495 Seiten, € 29,95

Leslie Jamison
Die Empathie-Tests
Über Einfühlung und das Leiden anderer

Ist Empathie eine innere Qualität oder etwas, was man sagt und tut, eine Praxis? Hilft sie anderen oder steht sie uns nur gut zu Gesicht? Leslie Jamison schreibt über das Verhältnis von Ärzten und Patienten, über Elendstourismus, über weiblichen Schmerz, und sie stellt dabei die Frage nach den Möglichkeiten und den Grenzen der Einfühlung. Ihre Texte kombinieren Reportage, Kulturkritik und persönliches Erzählen. Und während sie Antworten nur provisorisch akzeptiert, als Anlass für immer neue Fragen, führt sie buchstäblich ihren eigenen Körper ins Feld.
Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann.
Hanser Berlin, 336 Seiten, € 21,90

Anja Reschke (Hg.)
Und das ist erst der Anfang
Deutschland und die Flüchtlinge

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Ein kleiner Prozentsatz davon macht sich auf den gefährlichen Weg nach Europa. Sie kommen aus Syrien, Eritrea, dem Irak, vom Balkan. Sie kommen aus verwüsteten Ländern, aus armen Ländern, und viele werden bleiben. Wohin sollten sie zurück? Experten und Expertinnen informieren in diesem Buch über Fluchtursachen, die Wege der Flüchtlinge, die Situation in Deutschland und diskutieren die dringlichsten Fragen: Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge? Wie verändern sie dieses Land? Wie muss Europa auf die Herausforderung reagieren? Der Band gibt Orientierung und Hintergrundwissen zu einer Entwicklung, die wie keine andere die Politik und das Leben im 21. Jahrhundert prägen wird.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 336 Seiten, € 12,99

Slavoj Žižek
Ärger im Paradies
Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus

Der Kommunismus ist tot. Der Kapitalismus ist das neue Paradies. Doch warum gibt es dann so viel Ärger dort? In seinem neuen Buch analysiert Slavoj Žižek den Zustand der Welt nach dem angeblichen Ende der Geschichte und zeigt, dass das wahre Abenteuer immer noch der Kampf um Emanzipation ist - aus kommunistischer Perspektive, natürlich. Mit Batman, Marx und Lacan, mit Gangnam Style, Lubitsch und Prokofjew zeigt Žižek, dass unsere Helden Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden sein sollten - und dass die Idee des Kommunismus noch lange nicht ausgedient hat.
Aus dem Englischen von Karen Genschow.
S. Fischer Verlag, 368 Seiten, € 24,99

Erika Tophoven
Godot hinter Gittern
Eine Hochstablergeschichte

Karl Franz Lembke war ein Mann mit vielen Gesichtern. Für die einen, die ihn kennenlernten, war er der Dr. Allwissend, erfahren in Politik, Medizin, Pferdezucht und was immer gerade gefragt war, für andere, zu anderen Zeiten, ein mitleiderregender Zuchthäusler, doch stets ein Mann mit außergewöhnlichen Qualitäten. KFL wusste seine Talente geschickt zu nutzen - in Deutschland ebenso wie in Frankreich. Als junger, mehrmals straffällig gewordener Mann verlässt er sein Heimatland, gelangt im Zuge der Emigrantenströme nach Paris, wo er sich mit Charme und Verführungskunst in höhere Regierungskreise einschmeichelt, Generäle und Verwaltungsbeamte düpiert, bei Ausbruch des Krieges nach Südfrankreich flüchtet und mit allerhand Hochstapeleien seine Haut vor dem Zugriff der deutschen Besatzer rettet. Nach dem Krieg vagabundiert er durch Westdeutschland, betört Frauen durch märchenhafte Geschichten und erdichtet sich immer neue Identitäten. Er landet im Knast, bringt eine Aufführung von "Warten auf Godot" in eigener Übersetzung zustande, wechselt herzerweichende Briefe mit dem Autor Samuel Beckett und beschäftigt die deutsche und die französische Justiz nach seiner Freilassung noch jahrzehntelang.
Verbrecher Verlag, 144 Seiten, € 21,00

Besondere Empfehlung des Monats Februar von Andreas Wang:

Günther Ortmann
Noch nicht/Nicht mehr
Wir Virtuosen des versäumten Augenblicks

Dieses Buch bietet ein zunächst liederlich erscheinendes Geflecht aus bunten Fäden, vielen kleinen Stücken aus dem Alltag und aus der Literatur - von Heraklit bis Pooh der Bär, von Derrida bis Friederike Mayröcker, von Goffman bis Luhmann -, die sich aber zu einem eigentümlichen Webmuster zusammenfügen: zu der Figur des notwendig versäumten Augenblicks, notwendig, weil ein "Noch Nicht" unvermittelt, aber unvermeidlich in ein "Nicht Mehr" umschlägt, ohne ein erlösendes "Jetzt aber!" dazwischen. Was haben Christian Morgensterns zaudernde Hausschnecke und Heinz Erhards scheuer Kuckuck, König Midas und König Ödipus, Romeo und Julia, Gerhard Schröder und Angela Merkel, Kafkas Mann vor dem Gesetz und die Fallensteller in Wirtschaft mit Forschern gemeinsam, die ihren Gegenstand im Zustand der Unberührtheit berühren möchten? Sie sind, wie wir alle, teils Virtuosen, teils Opfer des versäumten Augenblicks, einer notwendigen Vergeblichkeit, des unerwarteten, verstörenden Ausbleibens eines "Jetzt!" zwischen "Noch Nicht" und "Nicht Mehr."
Velbrück Wissenschaft, 230 Seiten, € 24,90

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Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

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