Umgelegter Gen-Schalter macht dick

01.02.2016

Forscher suchen nach Möglichkeiten, den epigenetischen Effekt umzukehren

In der Fachzeitschrift Cell hat ein Team um J. Andrew Pospisilik und Kevin Daalgard vom Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die zeigen, dass die Entscheidung, ob der Körper Kohlehydrate verbrennt oder speichert, auch davon abhängt, ob Gen-Schalter umgelegt wurden oder nicht. Sie vermuten, dass dies bereits im Embryonalstadium geschieht.

Um das herauszufinden, untersuchten die Wissenschaftler massenhaft Mäusezwillinge mit Trim28-Haploinsuffizienz. Obwohl diese Mäusezwillinge von ihren Eltern ein identisches Erbgut mit auf den Weg bekommen hatten und genau die gleiche Menge an Nahrung bekamen, wurden einige übergewichtig und andere nicht. Daraus (und aus der Verteilungskurve der normal- und übergewichtigen Mäuse) schlossen die Wissenschaftler, dass Genschalter dahinter stecken, die bei einigen der Mäusezwillinge eingeschaltet waren und bei anderen nicht.

Ein anschließender Blick auf die Genschalter von dicken und nicht dicken Versuchsmäusen bestätigte ihre Theorie: Untersuchten sie die Schalterstellung eines Netzwerks aus Genen, bei denen entweder die Kopien des Vaters oder die der Mutter aktiv sind, konnten sie zutreffend vorhersagen, ob sie gerade einen fetten oder einen schlanken Nager untersucht hatten.

Grafik: J. Andrew Pospisilik et al.

Anschließend untersuchten sie adipöse Kinder am Universitätsklinikum Leipzig und fanden ihre Theorie auch beim Menschen bestätigt. Zwillingsstudien hatten bereits vorher nahegelegt, dass die Epigenetik bei der Neigung zum Übergewicht beim Menschen eine wichtige Rolle spielen könnte.

Bei derzeitigen Stand der Medizin lassen sich einmal auf "Ein" umgelegte Übergewichtsschalter nicht mehr in eine "Aus"-Position stellen. Pospisilik und seine Kollegen hindert das aber nicht daran, weiter zu forschen und herauszufinden, ob es nicht doch Medikamente gibt, mit denen sich die Schalterstellung beeinflussen lassen könnte.

Für Menschen, die unter Übergewicht leiden, heißt dass, dass sie sich fragen müssen, ob sie ihren Zustand auch dann problematisieren sollten, wenn er abgesehen vom Minderheitsein keine schweren Probleme mit sich bringt – zum Beispiel in Sachen Gesundheit: In den letzten Jahren zeigten Studien, dass übergewichtige Personen nicht nur eine höhere Lebenserwartung haben als untergewichtige, sondern auch als normalgewichtige. Einige Mediziner versuchen das damit zu erklären, dass Übergewichtige öfter zum Arzt gehen. Andere, wie beispielsweise Werner Bartens, sehen eine angemessenere und einfachere Lösung des Problems darin, das, was jetzt als Übergewicht gilt, zum neuen Normalgewicht zu erklären.

Das wäre für Bartens, der nicht nur Mediziner, sondern auch Historiker ist, auch deshalb angemessen, weil er mit seiner diachronischen Sichtweise darauf hinweist, dass nicht nur Körperformen, sondern auch Verhaltens- und Gesundheitsvorstellungen Modetrends unterliegen, die keine Erkenntnisgrundlage haben – man denke nur daran, wie sehr sich das Ideal des weiblichen Körpers von der Belle Époque bis in die späten 1960er Jahre verändert hat. Geht man bis bis zur Venus von Willendorf zurück, wird dieses Phänomen noch deutlicher.

Auch bei Linkshändern, die man (außerhalb des Salafismus) seit geraumer Zeit nicht mehr als Problem begreift, spielt die Epigenetik wahrscheinlich eine wichtige Rolle. Darauf deutet ebenfalls die Zwillingsforschung hin, die zeigte, dass auch aus eineiigen Embryos Links- und Rechtshänder entstehen. William R. Rice, Urban Friberg und Sergey Gavrilets stellten 2012 die Hypothese auf, dass auch Homosexualität durch die Epigenetik erklärt werden kann, die zum Beispiel bei Präriewühlmäusen für eine lebenslange Paarbindung sorgt (vgl. Das Monogamie-Gen oder die Gentherapie zur Partnerbindung).

Problematisch wird eine Selbstakzeptanz der epigenetischen Grundlagen des eigenen Körpers erst dann, wenn sie in einen Opfernarzissmus übergeht, wie ihn Gruppen vertreten, für die sich die Bezeichnung "Social Justice Warriors" (SJWs) eingebürgert hat (vgl. "Inflation institutionalisierter Rechthaberei"). Solche SJWs wollen beispielsweise die Redefreiheit anderer Personen einschränken, indem sie ihnen "fat shaming" vorwerfen, wenn sie ihre eigene Zufriedenheit mit einem schlankeren Körper bekunden oder solche schlankeren Körper in der Werbung einsetzen.

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