Wohnen sie schon oder leben sie noch?

10.02.2016

Wie die Gesellschaft Flüchtlinge aufnimmt, entscheidet sich am Wohnungsbau

Der Berliner Senat klotzt mit "Modularen Unterkünften" für mindestens 24.000 Flüchtlinge. Was er da vorhat, liest sich wie eine neue Variante des "Plattenbaus", der in den 70er und 80er Jahren im Osten in Blüte stand. - In allen Großstädten wird heute die Parole "Nachverdichtung" ausgegeben, um durch Aufspüren von Brachen und Baulücken der neuen Wohnungsnot Herr zu werden. Es liest sich wie die Neuauflage der "Urbanität durch Dichte", wodurch in den 60er und 70er Jahren der Verkehr in die Städte hinein und die Urbanität dummerweise ausgetrieben wurde.

Zuletzt die 50er Jahre: Ein Unternehmer, der beweisen möchte, dass auch aus privatem Engagement Flüchtlingswohnungen finanziert werden können, errichtete im mittelfränkischen Eckenthal sechs Reihenhäuser, zu denen er sich "von den Nachkriegs-Reihenhausanlagen inspiriert" sah. Ist neues Bauen nichts als Cover-Version?

Übergangseinrichtung in Bremen Hemelingen. Der Wandaufbau der Container erfolgte nach Vorgaben der Architekten. Bilder: Kay Michalak / Architekten Feldschnieders + Kister

Auch der scheinbar gestoppte Trend zur Suburbanisierung wird durch die Verteilungsmathematik der Flüchtlingsströme wiederbelebt. Bei der nordholländischen Ortschaft "Ter Apel" wird auf einem Konversionsgelände nahe der deutschen Grenze eine Siedlung für die (nicht nur) Erstaufnahme von 2.000 Flüchtlingen angelegt, die dörflichen Charakter hat. Die zweigeschossigen Wohneinheiten werden um Innenhöfe herum zu acht Nachbarschaften gruppiert, die sich zum zentralen Bereich mit kompletter Infrastruktur wie Gesundheitszentrum und Schule öffnen. Die Ziegelfassaden bilden unterschiedliche Muster aus, welche den ethnischen Gruppen zur Orientierung dienen. Das Gelände ist gut durchgrünt. Nichts scheint zu fehlen.

Aufnahmelager Ter Apel. Um Höfe werden "Nachbarschafen" gebildet. Bild: De Zwarte Hond

Doch etwas wurde übersehen. Die Siedlung ist vollkommen abgeschlossen gegenüber der alten 9.500-Seelen-Gemeinde. In dieser Gegenüberstellung spiegelt sich "Winston Parva" wieder. Dieses Pseudonym wählten Norbert Elias und John L. Scotson1 für eine Vorortgemeinde in den Midlands, die schon vor dem Krieg um einen Ortsteil für Neu- und Aussiedler ergänzt wurde, der vom bestehenden Ort durch eine Bahnlinie getrennt war. Die Mittelschicht und die etablierten Arbeiter der vorhandenen Gemeinde fühlten sich von den Zuwanderern bedroht. Auf diese übertrugen sie ihre Angst vor Statusverlust. Die Neuankömmlinge wurden kriminalisiert. Die räumliche Segregation war die Bedingung einer Stereotypenbildung, die bis zu Rassismus gehen kann.

"Die Flüchtlinge sind nicht willig zur Integration", hört man an deutschen Stammtischen. Was trägt, der das sagt, zur Integration der Flüchtlinge bei? Was tragen die Architekten bei? Zunächst sind sie selbst ausgesperrt. Die harte Realität hinter der Willkommenskultur ist eine anonyme Abschreckungsarchitektur. Städtebauliche und raumplanerische Gesichtspunkte sind abgemeldet. Die Unterbringung bildet ab, wie die Flüchtlinge gesellschaftlich behandelt werden.

Koblenz: Gemischte Nutzung bei platz- und geldsparender Bauweise. Bild: Prof. Henner Herrmanns

Die neuen Ghettos suggerieren, dass die meisten sich in einer Warteschleife bis zur freiwilligen oder verfügten Abreise befinden. Die Lager der ersten Stufen, welche Flüchtlinge zu durchlaufen haben, sind auf Exklusion angelegt. Trotz vieler Bemühungen von Sozialarbeitern und Freiwilligen findet ein sozialer Austausch mit den einheimischen Milieus nicht statt. Wenn Integration "Näherung" heißt, bis einem das Fremde vertraut, aber auch das Vertraute selbstkritisch in Frage gestellt wird, sollte Architektur offen sein für solche emanzipatorischen Prozesse, ohne gleich die Differenzen zu verwischen.

Container als solche leisten das nicht. Wohn-Container sind Käfige, die nach starrem geometrischem Schema Raumvolumen ausschneiden. Der Raum ist dann nach innen wie nach außen als Grenze definiert. Dass es auch anders geht, demonstriert das Büro Feldschnieders + Kister in Bremen an bisher drei "Übergangswohneinrichtungen". Die Architekten stellten Container-Module zu zweigeschossigen Wohneinheiten zusammen, die kleine Höfe bilden und um einen zentralen Platz gruppiert sind.

Präfabrizierte Holzmodule in Hannover. Bild: MOSAIK architekten / Foto: Olaf Mahlstedt

Die Erschließung der Häuser für je 30 Bewohner erfolgt hofseitig über Laubengänge. Die Wohnungen garantieren Rückzugsräume bis zum eigenen Bad, denn Gemeinschaftsbäder werden von Frauen aus islamischen Ländern nicht angenommen. Die Laubengänge stellen nachbarschaftliche Austauschräume her, und der Hofraum ist, obwohl öffentlich, gleichwohl introvertiert. Integration kann nicht von einem auf den anderen Tag geschehen, zumal in vom römischen Atriumhaus geprägten Mittelmeerländern solche Innenhoftypologien Tradition haben. Noch aus Wien sind bis zu fünf Geschossen hohe Laubenganghäuser, sogenannte Pawlatschen, überliefert. Die biedermeierlichen Nachbarn hängten Körbe für Blumen sowie Kräuterbünde an die Geländer und spannten Wäscheleinen auf. Das 'Bauhaus' griff den Laubengang auf.

Stefan Feldschnieders sieht selbst die Gefahr, dass der Stadtraum beschädigt wird, wenn Container auf beliebigen freien Flächen aufgestellt werden und die weitere Infrastruktur vernachlässigt wird. Er sagt: Aus der Flickschusterei wird die Erkenntnis, dass wir Wohnraum brauchen. Er spielt auf die geringe Lebensdauer von auf Verschleiß produzierten Provisorien an, die als Sonderbauten firmieren. Behausungen zu bauen, die nach fünf Jahren wieder abgerissen werden müssen, blockiert städtebauliche Lösungen. Container sind außerdem rar und zu teuer geworden.

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