Kobanê, ein Jahr danach

07.02.2016

Eine ganze Gesellschaft muss neu aufgebaut werden - Bestandsaufnahme der Lage vor Ort

Die kurdische Stadt Kobanê, von der syrischen Regierung Ayn al Arab genannt, steht weltweit als Symbol für den Widerstand gegen die Grausamkeit des "Islamischen Staats". Als der Angriff des IS letzten Jahres im November seinen Höhepunkt erreicht hatte, gingen Millionen weltweit auf die Straße, Menschen in deutschen Städten, in den USA, aber auch in Afghanistan demonstrierten massenhaft für Kobanê und sorgten so dafür, dass die Stadt nicht aufgegeben werden konnte, obwohl US-Außenminister Kerry kurz zuvor noch verkündet hatte, Kobanê hätte keine strategische Bedeutung und werde fallen.

Innenstadt Foto: Michael Knapp

Ende 2015, ein Jahr nach dem Beginn des großen Angriffs die Stadt, versuchte der Autor im Rahmen einer Delegation eine Bestandsaufnahme der Lage vor Ort zu machen. Der IS ist mittlerweile weit zurückgeschlagen, die Verteidigungseinheiten von YPG und YPJ haben den isolierten Kanton Kobanê mit der Region Cizîre verbunden, doch Kobanê ist verwüstet und die Bevölkerung traumatisiert. Nach Angaben des Verantwortlichen für den Wiederaufbau, Abdulrahman Hemo, sind etwa 80% der Stadt vollkommen zerstört, 75% der Infrastruktur ebenfalls.

Angesichts der medialen Präsenz der Stadt und ihrer symbolischen Bedeutung könnte man zur Annahme kommen, viele Menschen und Organisationen, die internationale Gemeinschaft und alle, die den Widerstand von Kobanê beklatscht haben, würden jetzt dort den Aufbau unterstützen.

Das Gegenteil ist leider der Fall. Nach Angaben der Stadtverwaltung gibt es praktisch keinerlei Aufbauprojekte - die einzige Ausnahme stellt das Gesundheitszentrum des Bündnisses ICOR dar, welches zwar bei einer Bevölkerung von c.a. 187.000 Menschen symbolisch wichtig ist, aber praktisch einen Tropfen auf den heißen Stein darstellt.

Frau aus der Selbstverteidigungsmiliz HPC in Kobanê. Foto: Michael Knapp

Es kehren immer mehr Menschen zurück, teilweise sind es über 1.800 an einem Tag. Beritan, eine Aktivistin, erklärte uns angesichts des bevorstehenden Winters:

Die internationale Aufmerksamkeit hat uns großen Mut gemacht, viele, die zurückgekehrt sind, hatten große Hoffnung in den Wiederaufbau, nun kommt der Winter und es ist immer noch nichts geschehen, die Menschen leben zu Tausenden in Zelten.

Man kann ihr nur zustimmen, insbesondere was die Lage um Kobanê betrifft, allerdings haben die Menschen in der Stadt aus eigenen Mitteln Unglaubliches erreicht: So haben sie beispielsweise 1,4 Millionen Tonnen Kriegsschutt aus der Stadt geräumt. Der wenigen vorhandenen Hilfe steht die Entschlossenheit der Menschen, die Stadt wieder aufzubauen, gegenüber.

Arab. Asayish-Mitglied. Foto: Michael Knapp

Überall sind die Namen der Menschen präsent, die ihr Leben für die Verteidigung der Stadt gegeben haben, so wie Arîn Mîrkan, die am Berg Miștenûr sich selbst opferte, um einen Panzer des IS zu stoppen, oder Revan, die eine große Einheit des IS sprengte, und sich dabei opferte. Die YPJ-Kämpferinnen wurden somit zum Symbol des Widerstands und entscheidend daran beteiligt, das Regime des Schreckens des IS zu brechen.

Sprengkörper machen jedoch in der Stadt - aber vor allem im Umland immer noch große Probleme. So sind große Teile der Nutzflächen, aber auch ganze Dörfer immer noch vermint und die Bevölkerung kann nicht zurückkehren. Es fehlt an Spezialkräften, die bereit sind, Minen zu räumen - bzw. Menschen in der Region dafür auszubilden. Angesichts der Größe und Vielfalt der Aufgaben für den Wiederaufbau ist allerdings viel mehr Unterstützung nötig, als das, was kleine internationale Projekte leisten können.

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