Erregungsbereitschaft und Schießbefehl

03.02.2016

Auch Intellektuelle rudern wieder in die alten Trutzburgen Nationalstaat und Volk zurück

Ein guter Freund schrieb mir am vorletzten Wochenende:

"Ich war am Donnerstag auf einer Veranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung am Tempelhofer Feld und war erschrocken über die Erregungsbereitschaft von Menschen, die sich für intellektuell halten. Die anwesenden Politiker wurden kaum argumentativ angegangen, sondern immer wieder höhnend, johlend, beleidigend an den Pranger gestellt. Unter aufbrandendem Beifall und im Scheinwerferlicht. Intelligente Polemik und gutes Kabarett ist etwas anderes.... Es wird gefährlich, wenn differenzierte Argumentationen und Politiker, die sich mit unpopulären Kleinsterfolgen und Kompromissen von Sitzung zu Sitzung schleppen, von großsichtigen Schreibtischtätern und skandierenden Straßendemonstranten ins mediale Abseits gedrängt werden."

Dieser Stimmungsbericht kommt nicht aus dem tiefbraunen Sachsen, sondern aus der direkten Nachbarschaft der grün-alternativen Hochburg Kreuzberg - und auch wenn die Besucher der Veranstaltung sicher nicht alle aus dem links-grünen Wählerspektrum stammten, ist die zitierte "Erregungsbereitschaft" aktuell doch ein weit verbreitetes Symptom. Vor allem, wie mir scheint, bei älteren Männern und auch bei solchen, die man mal für intellektuell und scharfsinnig hielt. Botho Strauss etwa, der sich in seiner uckermärkischen Klause zum "letzten Deutschen" stilisiert, Rüdiger Safranski, der sich empört, mit Flüchtlingen "Deutschland zu fluten", oder Peter Sloterdijk, der den "Souveränitätsverzicht" beklagt und sich von einer Überrollung bedroht sieht (Philosoph Sloterdijk lobt Grenze und Nationalstaat).

Warum nutzen einst durchaus freie, kosmopolitische Geister auf ihre alten Tage die Freiheit des Denkens nicht, sondern rudern stattdessen zurück in nationale völkische Enge, wie kommt es, dass saturierte und etablierte Intellektuelle sich in ihrer wohl geheizten Schreibstube plötzlich vor dem Islam fürchten und den Untergang des Abendlands schon vor der Tür sehen?

Spricht hier - wie in den von Klaus Theweleit analysierten Flut- und Fließmetaphern der Freikorpsliteratur und ihren Vorstellungen von Bedrohung und Entmenschlichung - einmal mehr der Strom eines Unbewussten, der schon für die Konstitution des faschistischen Mannes prägend war? Oder handelt es sich nur um ein Erregungs-Syndrom alter Säcke, die sich - zumal nach dem Silvester-Hype um viril-aggressive "junge Männer" - ins präsenile Abseits gedrängt fühlen?

Wenn schon gestandene Denker und Weltdeuter sich Fluten, Schwemmen, Wellen und Ströme einbilden - und implizit nach dem Retter rufen, wenn sie "Merkel muss weg!" fordern -, muss sich über prekäre Pegidisten, die Flüchtlingsheime angreifen und einen starken Führer herbeisehnen, niemand mehr wundern. Wie auch, wenn nicht einmal die Großdenker zu den eigentlichen Ursachen des Problems irgendetwas zu sagen haben, sondern sich nur darüber mokieren, dass hierzulande die Symptome nicht schnell genug beseitigt werden.

Zu den Kriegen, die die Massenfluchten auslösten, hat man von den gelehrten Herrn jedenfalls keinen empörten Widerspruch gehört. Wer aber über Bomben und Drohnen nicht sprechen will, sollte über die davor Fliehenden schweigen. Und wer die mit deutscher Unterstützung geführten Kriege für notwendig hält und stillschweigend billigt, der muss die Konsequenzen tragen. Wer Grenzen schließen will, muss schießen - auf alles, was sich bewegt, denn anders lassen sich Grenzen nicht schließen. Wer sich Flüchtlinge aussuchen will, muss Selektionsrampen eröffnen: die Guten in's Töpfchen, die Schlechten ins Mittelmeer.

"Wer Menschheit sagt, will betrügen", wandte einst der Staatstheoretiker und Nazi Carl Schmitt gegen die Behauptung einer universellen Ethik und allgemeiner Menschenrechte ein. Der rechts-konservative Philosoph Arnold Gehlen kritisierte dann in den 1960ern die Existenz einer "Hypermoral" und eines "Humanitarismus", die die Menschenliebe über den Erhalt ordnungsstiftender Institutionen stellen.

Auf dieser Linie argumentieren jetzt auch die oben genannten Intellektuellen - und auch ohne sich zu diesen Ahnherren explizit zu bekennen, bleibt ihnen nichts anderes, als in deren hypertrophierte Trutzburgen - Nationalstaat und Volk - zurückzurudern. Als ob das Signum "Nation" oder "Volk" nicht ebenso zum Betrug und Missbrauch genutzt wurde, wie Missionen im Namen der "Menschheit" zum aktuellen Menschenrechts-Bellizismus ausgeartet sind. Nicht die "Willkommens-Kultur" ist deshalb als Hypermoral zu kritisieren, sondern die hypermoralistische Perfidie, mit der "Menschenrechte" permanent vorgeschoben und missbraucht werden, um Macht- und Geschäftsinteressen mit Krieg durchzusetzen.

Solange sich gegen diese Politik keine Erregung breit macht, solange unter dem Fähnchen der universellen Gesinnungsethik "Menschenrechte" mit Bomben verbreitet werden, solange können "Verantwortungsethiker" zu Hause nur an den Symptomen herumpfuschen. Dafür braucht es in der Konsequenz, da hat die AfD-Dame Storch durchaus recht, den Schießbefehl an der Grenze.

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