Eine Stadtmauer gegen Terroristen für Bagdad

05.02.2016

Schon vor Jahren war sie geplant, jetzt scheint der Plan, die 9-Millionen-Einwohner-Stadt zur gated community zu machen, wieder aufzuleben

Nach dem Sturz von Saddam Hussein wurde der Irak zu einem blutigen Übungsfeld für den Stadtkrieg. Militärs und aufständische Terroristen experimentierten, wie Städte kontrolliert oder eingenommen werden können. Der Höhepunkt der US-Strategie, wie man Orte von Aufständischen befreit, sie weiter kontrolliert und wieder aufbaut (clear, hold, build), war Ende 2004 die Schlacht um Falludscha.

Falludscha ist auch heute wieder umkämpft, noch wird sie von IS-Kämpfern kontrolliert (Auch in Falludscha verhungern Menschen). 2004 hatte al-Qaida unter der Führung des als besonders grausam geltenden al-Sarkawi die Stadt zeitweise beherrscht. Der IS ist wie al-Nusra aus al-Qaida im Irak entstanden, al-Sarkawi gilt auch für den "Kalifen" Bagdadi als Vorbild. So wiederholt sich Geschichte. In Falludscha hatten die US-Streitkräfte die vom israelischen Militär übernommene Strategie eingesetzt, die Stadt mit einem Wall vom Umland abzuschließen und dann die Einwohner aufzufordern, diese zu verlassen, um dann mit voller Härte die Reste der verbliebenen Kämpfer zu eliminieren.

Ästhetisch aufgeschmückte Mauer in Bagdad. Bild: Omar Chatriwala/CC-BY-SA-2.0

Nach Falludscha, das seiner Zeit weitgehend zerstört wurde, wurde diese Strategie auch in anderen Städten wie Tal Afar oder Samarra angewandt. Es ging also darum, eine Stadt zu einem Gefängnis zu machen. Auch bei den jetzigen Kämpfen im Irak wird auf diese Strategie zurückgegriffen. Allerdings wird nur versucht, Städte wie die "befreiten" Tikrit oder Ramadi vor der Eroberung abzuschotten und die Bevölkerung vor einem Angriff mit der Luftwaffe und Artillerie zu evakuieren (Der Krieg gegen den IS hinterlässt zerstörte Geisterstädte), auf einen Wall um die Städte verzichtet man.

Die bereits weitgehend ethnisch gesäuberte Hauptstadt (Satellitenbilder belegen ethnische Säuberungen im Irak), die von zahllosen Anschlägen und anderen Gräueltaten heimgesucht wurde, war allerdings einfach flächenmäßig zu groß, um sie mit einer Mauer einzuschließen und zu einem Gefängnis zu machen, aus dem die Gegner nicht mehr ausbrechen oder in das sie weiter eindringen können. Die Green Zone mit den Regierungsinstitutionen und internationalen Einrichtungen, war im Zentrum der Stadt sowieso eine Hochsicherheitszone und eine Burg. Alternativ wurden 2007 Stadtviertel, die nun überwiegend von Sunniten oder Schiiten bewohnt waren, mit drei Meter hohen Betonmauern abgetrennt (Der Bau der neuen Stadtmauern). Die Durchlässe wurden von Milizen kontrolliert, die sunnitischen Milizen wurden im Rahmen des Programms Awakening (Das große "Erwachen" im Irak) vom Pentagon bezahlt, was auch den Effekt hatte, dass sie nicht wegen des Geldes zu den Aufständischen hielten oder von diesen angestellt wurden.

Die kilometerlangen Barrieren, die innerstädtischen Stadtmauern, die teils gegen die Proteste der Bewohner gebaut wurden, reduzierten mit dem gleichzeitigen Surge der US-Streitkräfte die Gewalt. Nach der Tötung von al-Sarkawi war auch als-Qaida geschwächt, die Organisation konnte sich erst nach dem Abzug der US-Truppen und der schiitisch dominierten irakischen Regierung, die die Sunniten unterdrückte und diskriminierte, erholen – unter anderem auch deswegen, weil die irakische Regierung die Bezahlung von sunnitischen Sicherheitskräften einstellte.

Mauer in Bagdad. Bild: Baghdad Streets/CC-BY-SA-2.0

Mittlerweile ist der Islamische Staat wieder in der Nähe von Bagdad und kann fortwährend Anschläge ausführen. Auch als nach dem Abzug der Amerikaner die Anschläge wieder zunahmen, wurde 2010 daran gedacht, Bagdad mit einer Stadtmauer zu umgeben. Geplant war eine Mauer aus Beton mit Überwachungskameras und anderen Sensoren, in anderen Bereichen waren Gräben geplant. Zugang zur Stadt sollte nur über 8 Kontrollstellen möglich sein. Mit der Stadtmauer sollten die innerstädtischen Barrieren, die das Pentagon von Künstlern bemalen ließ, um sie erträglicher zu machen (Bagdad verlangt von den USA Schadensersatz für Schäden durch US-Truppen), abgeräumt werden.

Jetzt soll offenbar der Plan aufgegriffen werden, sagte Brigadegeneral Saad Maan. Mit dem Bau der Mauer und von Gräben will man wieder Anschläge und das Einsickern von Terroristen in die Stadt mit 9 Millionen Einwohnern verhindern. Angeblich wurde bereits mit dem Bau einer drei Meter hohen Betonmauer und dem Ausheben eines Grabens im Norden und Westen der Hauptstadt begonnen, also in Richtung der sunnitischen Gebiete, wo auch der IS ist. Und wieder gibt es das Versprechen, dass nach der ersten Bauphase, die ein halbes Jahr dauern soll, die Hälfte der Kontrollpunkte in Bagdad entfallen soll, wo es zu Verkehrsstaus kommt und Menschen sowie Fahrzeuge kontrolliert werden. Bagdad bedeckt eine Fläche von mindestens 200 Quadratkilometern. Es handelt sich also nicht nur um eine Rückkehr zum Mittelalter, sondern auch um ein größeres Bauprojekt.

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