Über die neue Wut auf die Medien

12.02.2016

Lügenpresse - Teil 1

"Lügenpresse in die Fresse" heißt es bekanntlich gerne bei Pegida-Aufmärschen und ähnlicher Versammlungen deutschnationaler Wutbürger. Dem hält die linke Tageszeitung "Junge Welt" als Werbegag entgegen: "Ich halte meine Presse", dazu ein Foto eines Lesers mit dem Blatt in der Hand. Aber auch die "Junge Welt" wettert in Richtung Establishment: "Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken wie sie lügen." Und in zahlreichen Büchern wird angeprangert, wie die Medien uns manipulieren und verblöden. Klar ist, es gibt einen aktuellen gesellschaftlichen Diskurs über die Rolle der Medien und diese kommen dabei schlecht weg. Ein vierteiliger Essay über die neue Wut über die Medien und warum das so ist.

Wer sich mit entsprechender Lektüre eindecken will, hat kein Problem. Die entsprechenden Bücher heißen "Wir sind die Guten: Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren" (2016), "Media Control: Wie die Medien uns manipulieren" (2013), "Der programmierte Mensch - wie uns Internet und Smartphone manipulieren" (2012), "Bewusstsein 2.0 - Wie die modernen Medien unser Denken manipulieren" (2014), "Die Herrschaft der Lüge - wie Politiker und Medien die Öffentlichkeit manipulieren" (1990), "Wenn Medien lügen. Ein Blick hinter die Kulissen von manipulierten Medien und gekauften Journalisten" (2015), "ARD & Co. Wie Medien manipulieren" (2015); "Volksverdummung - wie wir durch Medienmanipulation gelenkt werden!" (2014), "Gekaufte Journalisten" (2014), "Verheimlicht vertuscht vergessen. Was 2015 nicht in der Zeitung stand" (2015), "Die verblödete Republik. Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen" (2009), "Die große Volksverarsche. Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten" (2015), "Das Medienmonopol. Gedankenkontrolle und Manipulation der Dunkelmächte" (2006).

Diese Buch-Liste ließe sich unschwer weiter führen, von den ungezählten Web-Seiten, die sich dem Thema Manipulation widmen ("Deutschland im Würgegriff"), sei hier gar nicht die Rede. Doch was bedeutet diese anschwellende Kritik an den Medien, die mittlerweile - wie die genannten Bücher nahe legen - auch in der "Mitte" der Gesellschaft angekommen zu sein scheint?

Erleben wir hier den Aufstand des mündigen Bürgers, der sich endlich die Zigarette mit der Bildzeitung anzündet, wie die alten 68er es gerne erlebt hätten? Oder handelt es sich hier um eine der üblichen Hypes, bei dem Autoren gerne auf einen fahrenden Zug aufspringen und schnell ein paar Euro mitverdienen wollen? Oder lügen sie jetzt wirklich, "unsere" Medien?

Gut, dass sich hier die Wissenschaft in Form von Kommunikationswissenschaftlern meldet und sagt: Alles halb so wild. Ist gar nichts dran an der Vertrauenskrise der Medien. Meinen jedenfalls Professor Carsten Reinemann und die Akademische Rätin Nayla Fawzi von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in ihrem Essay mit dem Titel "Eine vergebliche Suche nach der Lügenpresse". Auch sie konstatieren:

Seit dem Ukraine-Konflikt ist die "Vertrauenskrise der Medien" ein zentraler Bestandteil des öffentlichen Diskurses geworden.

Aber die beiden Kommunikationswissenschaftler sind der Meinung, dass die These eines dramatischen Vertrauensverlustes in die Medien falsch ist. Dabei beziehen sie sich auf Langzeitdaten aus der "European Values Studie" und des "Instituts für Demoskopie" in Allensbach. Danach steht ein Großteil der Deutschen der Presse und dem Fernsehen schon seit Jahrzehnten eher skeptisch gegenüber, wobei sich der Anteil der Skeptiker und Vertrauende etwa die Waage halte, mit einem leichten Übergewicht der Skeptiker. Ihr Fazit:

Die verfügbaren Langzeitdaten zeichnen also ein völlig anderes Bild, als es die derzeit gängige Krisenerzählung vermittelt.

Als Hauptursache für die Wahrnehmung einer Vertrauenskrise nennen die beiden Medienforscher die Intensität, mit der Medien mittlerweile im Internet kritisiert werden: "Sie führt offenbar dazu, dass Journalisten die Kritik ihres Publikums sehr viel ernster nehmen als früher."

Dies ist wohl richtig, folgt man etwa der "Berliner Zeitung". Die hat jetzt angekündigt, gegen Hasskommentare juristisch vorzugehen. Ursache war eine Todesdrohung gegen einen Lokalredakteur. Eine Twitter-Nutzerin hatte unter ihrem Account @MissKittyKawaii an ihn geschrieben: "Erweise Deutschland einen Dienst und scheide freiwillig aus dem Leben." Kurze Zeit später erklärt sie, es sollte legal sein, dem Autor "wenigstens die Fresse zu polieren".

Warum aber mittlerweile derartige Hasswellen durch das Internet heranrollen, erklären die Münchner Kommunikationswissenschaftler nicht. Und man kann es schon als methodologisch blauäugig beschreiben, wenn sie nur einer wertfreien, quasi-objektiven Medienkritik jenseits des "politischen Kampfes" für legitim halten. Als wenn Journalismus und die Medien nicht eines jener umkämpften Felder wären, wie sie etwa Bourdieu längst beschrieben hat.

So scheint die These der beiden Münchner, an der "Medienverdrossenheit" sei doch gar nichts dran, ein wenig aus dem kommunikationswissenschaftlichen Biedermeier zu stammen. Denn das Neue an dieser neuen Medienkritik sehen sie nicht.

Und was ist dieses Neue? Steht in der nächsten Folge: Wenn einem aus dem "Spiegel" die "Bild" anguckt.

Cover

Hg. Florian Rötzer
Medien im Krieg
Krise zwischen Leitmedien und ihren Rezipienten
Als eBook bei Telepolis erschienen

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