Darfur-Konflikt wieder ausgebrochen

08.02.2016

UN rechnet mit 38.000 Menschen, die das Kampfgebiet verlassen haben

Marta Ruedas, die UN-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten, hat darauf aufmerksam gemacht, dass in der sudanesischen Region Darfur wieder gekämpft wird: In Dschebel Marra liefert sich die Miliz SLA bereits seit Mitte Januar Auseinandersetzungen, bei denen auch schwere Waffen zu Einsatz kommen. Der UNO-Hilfskoordinationsbehörde OCHA zufolge haben deshalb 38.000 Menschen das Gebiet verlassen.

In Darfur brach 2003 ein Bürgerkrieg aus, der sich zwischenzeitlich wieder beruhigt hatte. Die dem Bürgerkrieg zugrunde liegenden Ursachen existieren jedoch weiterhin (vgl. Darfur – Ethnographie und Geschichte eines Konflikts ff.). Eine der Ursachen ist, dass viele der sprachlich getrennten Gruppen unterschiedliche Wirtschaftsformen haben: Fur und Masalit sind - ebenso wie die meisten kleineren Völker - sesshaft und betreiben Ackerbau. Im sehr trockenen Norden Darfurs leben dagegen vor allem nomadische Araber, Tubu und Bidayat-Zaghawa. Früher existierten sie vom Transsahara-Handel mit Salz, Gold und Sklaven, heute vor allem von der Kamelzucht. Neben den "Abbala" (Kamelhirten) genannten arabischen Nomaden im Norden gibt es in Darfur auch arabische "Baggara" (Rinderhirten), die vor allem im Süden umherstreifen.

Sprachen in Darfur und im Tschad. Karte: Telepolis

Das Vordringen der Wüste hatte bereits seit den frühen 1970er Jahren eine Südwanderung der arabischen Kamelnomaden und der Zaghawa ausgelöst, die mit ihren Herden in den von Fur-Bauern besiedelten nördlichen Dschebel Marra eindrangen. Vor allem, seit das Dürrejahr 1984 eine beständige Abnahme der jährlichen Niederschlagsmenge eingeleitet hatte, wurde aus der Durchwanderung eine Beanspruchung des Landes auf Dauer.

Hinzu kam, dass die Fur-Bauern in den Wadis des Dschebel Marra - angeregt von Entwicklungshelfern - intensivere Landwirtschaft betrieben, so dass die Nomaden häufig nicht mehr abgeerntete Hirsefelder vorfanden, auf deren Stoppeln Sie ihre Tiere weiden lassen konnten, sondern mit Dorngestrüpp eingezäunte ganzjährige Pflanzungen oder sogar "Zaibat al-hawa", "Lufteinhegungen", mit denen ihnen nur der Durchzug versperrt werden sollte. Auch die Privatisierung der Wasserstellen und die Einhegung von Brunnen, mit denen die Viehnomaden gezwungen werden sollten, für den Zugang zum Wasser zu bezahlen, waren wichtige Auslöser von Konflikten.

Möglich wurden diese Maßnahmen, weil sich das symbiotische Wirtschaftssystem überholt hatte: In früheren Zeiten hatten die Bauern von Durchzug der Nomaden profitiert, weil diese ihre Güter auf die Märkte und von dort her Waren wie Salz in ihre Dörfer brachten. Seit den 1980ern wurden diese Transportaufgaben zunehmend von Toyota-Geländewagen erfüllt.

Eine unabhängige Untersuchung zählte bereits vor Ausbruch des Bürgerkrieges - von 1994 bis 2000 - dreizehn größere Konflikte zwischen Volksgruppen und 856 bewaffnete Raubüberfälle: Arabische Milizen verwüsteten die Felder der Fur, überfielen Dörfer, erschossen die Bewohner und verbrannten ihre Häuser. Die Fur-"Milishiyat" wiederum steckten die Weiden der arabischen Nomaden in Brand, raubten ihr Vieh und plünderten ihre Lager. Währenddessen überfielen Zaghawa Masalit-Dörfer und Tubu zerstörten Lager der Zaghawa.

Im neuen Jahrtausend verschärften sich die Auseinandersetzungen in Darfur. Ende 2002 gab es im vorwiegend von Fur besiedelten Dschebel-Marra-Bergland erstmals Gerüchte über eine bewaffnete Rebellengruppe, die Darfur Liberation Front (DLF). Anfang 2003 griff diese Gruppe dann tatsächlich Golo, die Hauptstadt des Dschebel-Marra-Gebiets, an und besetzte sie. Aus den Auseinandersetzungen zwischen Dorfmilizen und Nomadenmilizen war ein Aufstand gegen die Zentralregierung geworden. Nach diesem militärischen Erfolg benannte sich die DLF in "Sudanese Liberation Movement/Army" (SLA/M) um und eroberte weitere Areale, wobei ihr Militärkommandant Abdallah Abbakar massenhaft gefangene Regierungssoldaten exekutieren ließ, obwohl diese sich ergeben hatten.

Verwaltungsgliederung des Sudan

Die sudanesische Regierung beschränkte nach den militärischen Misserfolgen die Entsendung regulärer Truppen und griff - ähnlich wie andere Staaten - zur neoliberalen Lösung, indem sie Privatarmeen mit Waffen ausstattete und mit der Bekämpfung der Rebellen beauftragte. Und wie in anderen mit Privatarmeen geführten Kriegen ergaben sich auch hier sehr bald ausgesprochen negative Folgen für die Zivilbevölkerung. Die neuen Grenzkrieger wurden schnell unter dem Namen "Dschandschawid" bekannt - was "bewaffnete Reiter" bedeutet.

Im Süden des Sudan versuchte man einen lang andauernden Bürgerkrieg 2011 dadurch zu beenden, das man das Bürgerkriegsgebiet nicht in einzelnen Siedlungsgebieten, sondern als Ganzes vom Sudan abtrennte. Kurz darauf brach dort ein noch blutigerer Bürgerkrieg zwischen den Volksstämmen der Dinka und der Nuer aus, die sich als Erbfeinde betrachten (vgl. Südsudan: Volksgruppenkrieg zwischen Dinka und Nuer voll entbrannt).

Würde man die vier Darfur-Provinzen als Ganzes vom Sudan abtrennen, wären entsprechende Auseinandersetzungen nicht nur zwischen den Volksgruppen der Zaghawa und der Fur zu erwarten, sondern auch zwischen Rizeigat und Dago, Habbaniya und Abu Daraq, sowie zwischen Mahriya, Fur, Dago, Berti, Zayadiya und Masalit. All diese Volksgruppen bekriegten sich bereits in den 1980er und 1990er Jahren.

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