Gottheitsinkarnation Rama kommt nicht vor Gericht

10.02.2016

Indischer Anwalt scheitert mit Frauendiskriminierungsklage

Ein Gericht im nordindischen Bundesstaat Bihar hat eine Klage des Anwalts Chandan Kumar Singh abgewiesen, weil diese seiner Ansicht nach keine praktische Relevanz hat. Dass der Fall in Indien trotzdem mehr Schlagzeilen macht als die meisten anderen Justizangelegenheiten, liegt daran, dass der Anwalt eine Hindu-Gottheit wegen Frauendiskriminierung vor Gericht bringen wollte.

Dabei berief er sich auf das 1.800 bis 2.400 Jahre alte Ramayana-Epos, in dem die siebente Vishnu-Inkarnation Rama die Königstochter, Lakshmi-Avatarin und Landwirtschaftsgöttin Sita auffordert, zu beweisen, dass sie noch rein ist, nachdem er sie aus den Klauen des Dämonenkönigs Ravana befreit hat. Das zeugt Singhs Ansicht nach nicht nur von Misstrauen, sondern auch von einem mangelnden Respekt Ramas gegenüber Frauen.

Man könne, so der Anwalt, nicht über Respekt gegenüber Frauen im modernen Indien reden, wenn eine der am meisten verehrten Gottheiten seine eigene Ehefrau ganz anders behandle. Das müssten sich die Inder eingestehen und deshalb sei seine Klage keinen Scherz und keine Publicity-Aktion, sondern eine wichtige Angelegenheit.

Rama-Bildnis in Südindien (1816)

Hätte das Gericht die Klage angenommen, dann hätte es seiner Meinung nach eine Botschaft aussenden können. Stattdessen muss Chandan Kumar Singh sich nun mit einer Klage wegen übler Nachrede und religiöser Beleidigung auseinandersetzen, die sein Anwaltskollege Ranjan Kumar Singh gegen ihn angestrengt hat. Außerdem fordert Ranjan Kumar Singh, dass die Anwaltskammer Chandan Kumar Singh die Zulassung entzieht, weil ihm "eine Lektion erteilt" werden müsse. Dieser Meinung seien auch viele andere indische Juristen, deren religiöse Gefühle verletzt wurden. Außerdem, so Ranjan Kumar Singh, verehrten Hindus Rama und Sita als Paar, weshalb sich die Frage einer unangemessenen Behandlung gar nicht stelle.

Chandan Kumar Singh gab sich von der Reaktion Ranjan Kumar Singhs überrascht und meinte zur BBC, er sei praktizierender Hindu, verehre selbst Rama und habe nicht vorgehabt, religiöse Gefühle zu verletzen. Sollte er das mit der Klage unabsichtlich getan haben, entschuldige er sich dafür - aber die Tatsache, dass Rama Sita nicht den angemessenen Respekt entgegenbrachte, könne man nicht einfach ignorieren.

Ramayana-Autor Valmiki mit Man-Bun-Frisur

Im Ramayana-Epos, das (anders als viele Mythen) zum großen Teil auf einen namentlich bekannten Autor - den geläuterten Räuber und Eremiten Valmiki - zurückgeht, wird die Geschichte des Prinzen Rama erzählt, der die Königstochter Sita bei einem Wettbewerb gewinnt, bei dem er einen Bogen, an dessen Spannung andere Bewerber scheiterten, so überspannt, dass dieser zerbricht.

Ramas böse Stiefmutter Kaikeyi will verhindern, das dem Prinzen nach seiner Hochzeit die Prinzregentschaft übertragen wird und ihr leibliches Kind Bharata zum Nachfolger des Königs machen. Sie ist mit ihren Intrigen erfolgreich und erreicht, dass Rama verbannt wird, was der Vishnu-Inkarnation Gelegenheit für zahlreiche Kämpfe gegen Monster bietet. Als der Dämon Ravana Sita raubt, befreit er sie mit Hilfe des Affengottes Hanuman, der eine Ponton-Brücke aus schwimmenden Steinen errichtet.

Um Rama nach der Befreiung ihre Unschuld zu beweisen, steigt Sita in einen Scheiterhaufen und überlebt unversehrt, was dem Leser ihre Unschuld belegen soll. Erst dann nimmt sie der Prinz, der sie vorher verstoßen hat, zurück.

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