Wird die Klimaerwärmung zu neuen Völkerwanderungen führen?

12.02.2016

Im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz warnt das Deutsche Klima-Konsortium vor übertriebenen Ängsten

In einem Punkt sind sich die (ernstzunehmenden) Experten einig: Extreme Wetterlagen nehmen zu. "Im Mittelmeerraum, in Afrika und in Brasilien kommt es häufiger zu Dürren", sagte Paul Becker vom Deutschen Wetterdienst am Mittwoch in Berlin. Sein Institut hat den Zeitraum 1952 bis 2013 untersucht und dabei diese globalen Hotspots ermittelt. Allerdings ist die Dürregefahr im selben Zeitraum in anderen Weltregionen gesunken. Außerdem sind Dürren seltene Ereignisse, weshalb die vorhandenen Daten keinen statistischen Beweis hergeben, ob die Zunahme von den Emissionen der Menschen verursacht wird.

Unstrittig ist aber, dass sie zugenommen haben. Insbesondere Gebiete im Nahen Osten und Afrika leiden unter sinkenden Niederschlägen und zunehmender Hitzewellen – Regionen, in denen die wichtigsten Herkunftsländer von Migranten nach Europa liegen. Ist letztlich der Klimawandel die Ursache für die Migration aus Afrika und der Levante? Ein Zusammenhang liegt nah.

Dürre in Äthiopien Dezember 2015. Bild: WFP/Melese Awoke/CC-BY-2.0

Eine kürzlich im Magazin Nature Climate Change veröffentlichte Studie prognostiziert, dass bis zum Ende des Jahrhunderts die Sommertemperaturen in der Golfregion auf 60 Grad Celsius steigen werden. Damit wären diese Gebiete für Menschen schlicht unbewohnbar.

Wasserknappheit und Hitze führen oft zu Ressourcenkonflikten, diese Konflikte wiederum zu Krieg. Genügt es da nicht, eins und eins zusammenzuzählen? Manche Klimafolgenforscher sagen vorher, bis zum Jahr 2050 würden sich 200 Millionen Menschen auf den Weg machen, andere sprechen sogar von 900 Millionen.

Paradebeispiel Syrien?

In der Debatte um den Einfluss des Klimawandels auf die Migration ist Syrien ein Paradebeispiel.

Tatsächlich setzte dort im Jahr 2006 – also lange vor dem Einsetzen des Arabischen Frühlings – eine mehrjährige Dürre ein. Etwa anderthalb Millionen syrische Kleinbauern und Viehzüchter verloren durch sie ihren Lebensunterhalt. "Es war die schlimmste Dürreperiode seit Beginn der Klimaaufzeichnungen", analysiert der US-amerikanische Klimaforscher Colin Kelley. "Sie führte zu verbreiteten Missernten und zu Massenabwanderung in die urbanen Zentren." Der Klimawandel habe wie ein "Brandbeschleuniger" die gesellschaftlichen Konflikte angeheizt und letztlich zu Krieg und Vertreibung geführt.

Für Christiane Fröhlich ist eine solche Sichtweise Alarmismus. Die Forscherin der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr warnte bei der Veranstaltung des Deutschen Klima-Konsortiums vor zu einfachen Kausalitätsketten. "Es waren nicht die 'Klimamigranten', die die Proteste initiierten", betont sie. Außerdem habe die syrische Binnenmigration noch zahlreiche andere Ursachen gehabt, ebenso wie die Protestbewegung gegen die Herrschaft Assads.

Christiane Fröhlich beruft sich dabei auf Interviews, die sie selbst in jordanischen Flüchtlingslagern durchgeführt hat. "Syrien ist ein Beispiel dafür, dass eine effektive Anpassung an die Folgen des Klimawandels nur möglich ist, wenn gleichzeitig die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen einbezogen werden", erklärt sie.

Die Krise sei vor allem durch die wirtschaftsliberale Politik verursacht worden, die Baschar al-Assad nach seinem Amtsantritt 2000 einleitete. Die Regierung kürzte zunächst Subventionen für Grundnahrungsmittel und Treibstoff. Weil Wasser vor allem mit benzinbetriebenen Pumpen gefördert wird, verteuerten sich dadurch auch die Lebensmittel. Als dann die Dürre einsetzte, blieb das Regime untätig, sagt Fröhlich. "Die Regierung unternahm praktisch nichts, um die Folgen abzumildern."

Kommt es nur auf die Anpassung an?

Entscheidend wäre demnach nicht, ob sich das Klima wandelt, sondern ob es Gesellschaften gelingt, sich an die Folgen anzupassen. Aber natürlich ist auch ein mittelbarer Zusammenhang ein Zusammenhang. Beispiel Syrien: Die massenhafte Binnenmigration vom Land in die Städte war für viele Syrer ein weiteres Beispiel dafür, wie das Regime versagte.

Im Jahr 2008 lag die Arbeitslosenquote bei 30 Prozent. Laut Fröhlich gingen ab 2007 jedes Jahr etwa 70 000 Stellen in der Landwirtschaft verloren. Der Zustrom von ehemaligen Bauern verstärkte die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in den Städten. Diese sozialen Verwerfungen bereiteten den Boden für die Proteste und letztlich den Bürgerkrieg.

Wie anpassungsfähig sind die Staaten, wenn der Klimawandel sie unter Druck setzt? Wie Christiane Fröhlich rücken viele Klima- und Konfliktforscher die steigenden Lebensmittelpreise in den Mittelpunkt, um den Arabischen Frühling zu erklären. Missernten in China verteuerten den Weltmarktpreis für Weizen. Besonders in Ägypten schürte der hohe Brotpreis die Unzufriedenheit. Im Augenblick befinden sich die Preise für Energie und Grundnahrungsmittel im Sinkflug. Irgendwann werden sie wieder steigen – und Dominoeffekte wie in Syrien könnten sich wiederholen.

Die Debatte ist natürlich keine nur akademische Auseinandersetzung. Vielmehr geht es darum, was – beziehungsweise: wer und wie viele! – auf Europa zukommt. Teile der betroffenen Bevölkerungen werden ihre Heimat verlassen. Ob sie sich dann allerdings bis nach Europa aufmachen, ist nicht unbedingt gesagt. "Die Flüchtlinge bleiben in der Regel im eigenen Land", betonte Christina Fröhlich.

Das Klima-Konsortium ist ein Verbund von Behörden und universitären und privaten Forschungseinrichtungen. Diese aktuelle Stellungnahme lässt sich auch als Empfehlung verstehen, Klimamigration in den Herkunftsländern zu bekämpfen und so Fluchtursachen zu beseitigen, statt auf eine Abwehr der Migration zu setzen. Dass sich das Konsortium so im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz positioniert, ist bemerkenswert: Seit vielen Jahren bemühen Militärs und Rüstungsindustrie Schreckensszenarien, in denen Klimaerwärmung und durch sie ausgelösten Wanderungsbewegungen eine Schlüsselrolle spielen – um im nächsten Schritt sich und die eigenen "Fähigkeiten" als Lösung ins Spiel zu bringen.

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