Griechenlands Bauern machen Ernst

"Stürmung der Hauptstadt" ist vorläufiger Höhepunkt der Proteste, Athen befindet sich in einer Art Ausnahmezustand

Griechenlands Bauern machen Ernst. Mit Traktoren und Pick-Up-Transportern zogen Landwirte aus dem ganzen Land am Freitag gen Athen. Sie versetzten die gesamte Hauptstadt in eine Art Ausnahmezustand.

Als vorläufiges Ergebnis eines turbulenten Tages blieb eine Abordnung der protestierenden Bauern in Zelten auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament. Sie wollen erst abziehen, wenn die Renten- und Steuerreform der Syriza -Unabhängige Griechen- Koalition vom Tisch ist. Einen Dialog mit der Regierung vor der kompletten Rücknahme aller geplanten Maßnahmen lehnen sie rundweg ab.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Wie bei den berühmten Comics von Uderzo und Goscinny über den Gallier Asterix und dessen Abenteuer kann aber auch hier gefragt werden, "alle Bauern"? Nein, es sind nicht alle. Die Landwirte des "Blocks Tempi", wie die betreffende Gruppe nach dem Ort genannt wird, an dem sie die Fernstraßen sperrt, ist ausgeschert. Sie zogen nicht mit nach Athen. Allerdings setzen sie ebenso wie die übrigen Kollegen ihre Straßenblockaden fort.

Sperrungen in der tiefsten Provinz und an Grenzübergängen, generalstabsmäßige Planungen

Zwischen 20.000 und 30.000 Traktoren und Transporter stehen seit nunmehr knapp einem Monat an zahlreichen Knotenpunkten im gesamten Land, aber auch an den Grenzübergängen. Immer wieder sperren sie für Stunden, oder, wie beim Grenzübergang Promachona an der bulgarischen Grenze, für Tage die Straßen.

Sperrungen sind selbst in der tiefsten Provinz, so zum Beispiel auch in Dörfern um das nordgriechische Edessa herum zu finden. Der inländische Tourismus, aber auch der Waren- und Wirtschaftsverkehr wird nahezu komplett unterbunden. Die "Stürmung der Hauptstadt" ist der vorläufige Höhepunkt des Protests.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Diesmal hatten die Bauern ihr Vorgehen nahezu generalstabsmäßig geplant. Einige tausend Landwirte aus Kreta waren mit Fähren von der Insel nach Athen gezogen. Sie befanden sich bereits am frühen Morgen vor dem Agrarministerium nahe dem Vathis Platz. Die Bauern strebten eine symbolische Besetzung des Ministeriums an. Der Minister selbst hatte zuvor verkündet, dass er nicht ins Amtsgebäude kommen würde, weil er im Parlament zu tun hätte. Die Polizei war angewiesen, die Kreter von ihrem Plan abzuhalten.

Sturm auf das Ministerium

Diese waren jedoch mit ihren Hirtenstöcken, Gasmasken und Schutzhelmen ausgerüstet. Nach dem Wurf von Rauchbomben versuchten sie den Sturm des Gebäudes - die Polizei antwortete mit Tränengas. Daraufhin warfen die Kreter unter dem Gesang von Kampfliedern alles, was sich werfen ließ, gegen das Gebäude, das bis in den ersten Stock beschädigt wurde. Statt sich von den Beamten vertreiben zu lassen, drehten sie den Spieß um und hetzten die versprengten Einheiten durch die Nebenstraßen. Zehn Beamte wurden verletzt.

Der Bauernkonvoi vom Peloponnes und aus Korinth war dagegen zunächst weniger erfolgreich. Massive Polizeikräfte stoppten ihre Busse und Transporter nahe dem Athener Vorort Chaidari. Die Polizisten setzten dafür intensiv Tränengas ein. Schließlich durften die Busse passieren. Zuvor jedoch hatten die Bauern sich gesammelt und einige Streifenwagen mit ihren Knüppeln stark beschädigt.

Ähnliche Szenen spielten sich an mehreren Einfahrtsstraßen der Hauptstadt ab. Auf den Autobahnen kontrollierten die Polizisten zudem jeden LKW. Sie fürchteten, dass diese Traktoren der Bauern als Fracht nach Athen bringen würden.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Bürgerschutzminister Toskas sprach angesichts der Randale zunächst in Radiointerviews von "Anhängern der Goldenen Morgenröte" und sah die Demokratie in Gefahr. Nachdem der Parteisprecher der Rechtsextremen, Kasidiaris, diesen Satz als Steilvorlage nutzte und angesichts der vielen Tausend Bauern von der absoluten Mehrheit seiner Partei sprach, lenkte Toskas ein und ließ einige Traktoren "als Zeichen des guten Willens" durch.

Flughafen vom Straßennetz abgeschnitten

Mit Gewalt hatten dagegen die Bauern in der Ost-Attika einen Überraschungscoup gelandet. Sie durchbrachen die Leitplanken des Autobahnzubringers des internationalen Flughafens Eleftherios Venizelos und schnitten diesen damit bis 22 h vom Straßennetz komplett ab.

Dutzende Reisende verließen daher ihre Taxis, und wanderten den Koffer im Schlepptau einige Kilometer zu Fuß zum Airport, in der Hoffnung, ihre Flüge doch noch zu erreichen.

Am Syntagma-Platz sammelten sich die Bauern, die von der Angestelltengewerkschaft des öffentlichen Dienstes, den Freiberuflern, der kommunistischen Gewerkschaft PAME und zahlreichen weiteren Berufsgruppen verstärkt wurden, um in den frühen Abendstunden eine Demonstration abzuhalten. An Bürger wurden Früchte verteilt. Olivenzweige wurden verbrannt und weitere Zelte aufgestellt. Zwischen Kommunisten und in der Menge befindlichen Anhängern der Goldenen Morgenröte kam es zu kleineren Auseinandersetzungen.

Foto: Wassilis Aswestopoulos

Zahlreiche griechische Flaggen, aber auch der byzantinische Doppeladler bestimmten das Bild. Die Bauern stürmten den Vorplatz des Parlaments, wo das Grab des unbekannten Soldaten liegt. Sie bedeckten es mit einer griechischen Flagge.

Die Präsidialgardisten - die Evzonen - waren vorher bereits von ihren Vorgesetzten abgezogen worden. Auf einer Bühne boten Volkssänger den Protestierenden mit kämpferischen, aber ironisch interpretierbaren Liedern über die vergangene Liebe zu Alexis Tsipras Unterhaltung.

Die Bauern bleiben. Sie wollen mindestens bis Sonntag ausharren.

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