Nahost-Geschäft beflügelt Rüstungsmarkt Bulgarien

21.02.2016

Für den Syrien-Krieg kaufen USA und Saudi-Arabien Waffen und Munition

Eine explodierende Granate auf einem militärischen Übungsgelände im zentralbulgarischen Anevo nahm am Samstag, dem 6. Juni 2015, einem US-Bürger das Leben. Der tragische Vorfall warf ein grelles Schlaglicht auf ein bis dahin unterbelichtetes Thema: Bulgariens Rolle im internationalen Waffenhandel.

Zunächst räumte die US-Botschaft in Sofia ein, der Amerikaner habe im Auftrag des US-Verteidigungsministerium Tests von Waffen und Munition vorgenommen. Drei Monate später identifizierte der amerikanische Journalist Aram Roston im Onlinemedium BuzzFeed News den Toten als den einundvierzigjährigen Veteranen der U.S. Navy Francis Norwillo.

Panzerabwehrrakete PG-7V aus Bulgarien in Syrien. Bild: RPG-7 Projectiles in Syria, N.R. Jenzen-Jones

Aram Rostons Recherchen enthüllten die im US-Staate Delaware ansässige Firma Purple Shovel als Auftragnehmer des US-Verteidigungsministeriums. In Bulgarien bediente sich Purple Shovel diverser Subunternehmer, darunter die Firma SkyBridge Tactica, für die Francis Norwillo tätig war. Er hatte die Aufgabe, sich mit Granatwerfern sowjetischer Bauart vertraut zu machen, um anschließend amerikanische Soldaten zu schulen, die wiederum Kämpfer in Syrien an ihnen ausbilden sollten. Bereits vor einigen Monaten hat ein Telepolis-Artikel das Scheitern des von der US-Regierung mit insgesamt 500 Millionen US-Dollar finanzierten Programms zur Ausbildung syrischer Rebellen thematisiert (Vom Pentagon ausgebildete syrische Kämpfer übergeben ihre Waffen an al-Nusra).

"Purple Shovels großer Durchbruch kam im Dezember 2014, als es zwei Verträge im Wert von 50 Mio USD gewann für das Syrien-Programm des Special Operation Command (SOCOM), das die Aktivitäten von Amerikas Elite-Militäreinheiten koordiniert", schrieb Roston. Norwillo habe auch deshalb sterben müssen, weil Purple Shovel dem US-Verteidigungsministerium über vierzig Jahre alte Granaten hätte verkaufen wollen, behauptet er. Bulgarische Experten widersprachen dem, versicherten, auch im Jahr 1984 hergestellte Granaten könnten ihre Verwendungstauglichkeit bewahren, wenn sie sachgerecht gelagert würden. In den vergangenen Jahren hat Bulgarien indes eine Reihe von Explosionskatastrophen erlebt, die die angemessene Lagerung von Munition und Waffen jeweils in Frage stellten. So kamen allein bei einer Kettenexplosion in der Midzhur Ammo Fabrik in Gorni Lom dreizehn Männer und zwei Frauen ums Leben.

In einem jüngeren Artikel hat Aram Roston beschrieben, dass die USA bei ihrer Sondierung des bulgarischen Waffenmarkts auch vor Kontakten mit Personen zweifelhafter Reputation nicht zurückschrecken. Eine von Roston zusammengestellte Liste getätiger Waffenkäufe der USA in Bulgarien umfasst u. a. 12.640 Panzerabwehr-Granatwerfer des Typs PG-7VM und etwa halb so viele Granatwerfer PG-9Vs. Roston zufolge hat Purple Shovel aber nicht nur Waffen aus Bulgarien geliefert, sondern über einen bulgarischen Subunternehmer zusätzlich siebenhundert Panzerabwehrraketen 9K113 über einen Konkurs aus Belarus beschafft, einem Land, zu dem die USA ein Waffen-Embargo unterhalten.

Waffen sowjetischen Typs für Saudi-Arabien und die VAE

Auch das Bündnis zwischen Saudi-Arabien und den USA im Syrien-Konflikt wurde in einem Telepolis-Artikel kürzlich problematisiert (Saudi-Arabien und USA: Beste Freunde). Eine von der bulgarischen Journalistin Maria Petkova für das Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) durchgeführte Recherche hat nun ergeben, dass in Bulgarien keineswegs nur die USA Waffen für ihre Verbündeten im Syrien-Konflikt kaufen, sondern auch Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

In ihrem Artikel hat Maria Petkova Fotoaufnahmen von Planespottern am Flughafen Sofia veröffentlicht, die Landungen von Frachtflugzeugen aus Saudi-Arabien und den VAE dokumentieren. "In den letzten zwanzig Jahren ist hier nie ein Cargo-Flugzeug aus Saudi-Arabien gelandet", zitiert Petkova den bulgarischen Planespotter Stephan Gagov. Inzwischen seien Landungen saudischer Frachtflugzeuge und Maschinen aus den VAE so häufig geworden, dass man sie fast als "reguläre Route" zwischen Sofia und dem Nahen Osten bezeichnen könne.

Der von Petkova referiertе Jahres-Exportbericht 2014 der bulgarischen Rüstungsbranche erweist das Balkanland als globaler Exporteur militärischer Ausrüstung und Munition mit mehreren Abnehmerländern auch im Nahen Osten. Allein die von der bulgarischen Regierung genehmigten Ausfuhren an Waffen und Munition für Saudi-Arabien summieren sich auf rund 85 Mio €.

Militärmuseum in Sofia. Bild: F. Stier

Wie das Waffentransferregister der Vereinten Nationen für das Jahr 2014 ergänzend präzisiert, hat Saudi-Arabien von Bulgarien auf offiziellem Wege 827 Maschinengewehre mit Lafette für Montage auf Lieferwagen Toyota und 120 Systeme zur Panzerabwehr SPG-9 erhalten.

"Bulgarien lagert und produziert Waffen sowjetischen Typs", schreibt Petkova und beruft sich auf Experten, denen zufolge es höchst unwahrscheinlich sei, "dass Saudi-Arabien oder die VAE diese Waffen für ihre eigenen Streitkräfte kaufen, da diese moderne Waffen aus dem Westen nutzen. Daher ist es plausibler, dass sie diese Waffen für die lokalen Fraktionen kaufen, die sie in Syrien und in Jemen unterstützen, wo Waffen sowjetischer Art weit verbreitet sind."

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