Kommissar Rex an der Mauer erschossen?

Ein Plädoyer gegen den akademischen Konformismus

Der erste Mauertote war ein Polizeihund namens Rex, und der Dritte Weltkrieg wurde nur durch Einhaltung des Leinenzwangs für die Wachhunde der NVA-Grenztruppen verhindert. Die wiederum stammen eigentlich von den KZ-Hunden der Nazis ab, können aber nix dafür, denn auch die Hunde litten ja unter der Mauer – sogar viel länger als wir: Für die armen Tiere dauerte die deutsche Teilung schließlich ganze 280 Hundejahre.

Diese Thesen stammen aus einem Vortrag mit dem Titel "Der deutsch-deutsche Schäferhund", der am 6. Februar 2015 an der TU Berlin gehalten und im Dezember 2015 in der Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" veröffentlicht wurde. 1 Sie waren jedoch frei erfunden – ohne dass dies jemandem aufgefallen wäre.

Der Grund dafür war, dass der Text mit den "Human Animal Studies" (HAS) das Vokabular der neuesten akademischen Mode aufgriff und gleichzeitig altbekannte Rhetorik zum "DDR-Unrechtsstaat" reproduzierte. Akademische Mode kombiniert mit politischem Konformismus – der Vortrag parodierte zwei klassische Strategien akademischer Ein- und Unterordnung und erschien gerade deshalb als "kritisch" und "innovativ". Der folgende Beitrag zeichnet die Geschichte dieser satirischen Intervention nach.

Wir, eine Gruppe von kritischen Wissenschaftler_innen, wollen damit eine Diskussion darüber anregen, warum engagierte Gesellschaftskritik in den Geisteswissenschaften zur Ausnahme geworden ist.

DDR-Soldaten mit Wachhunden an der Berliner Mauer Oktober 1961. Bild: CIA

Tiere unserer Heimat

In der Wissenschaft beginnen Märchen nicht mit "Es war einmal", sondern mit einem "call for papers", also einem Aufruf, Vorschläge für einen Vortrag auf einer Fachkonferenz einzureichen. Im Juli 2014 war es das Center for Metropolitan Studies an der Technischen Universität in Berlin, das unter der Überschrift "Tiere unserer Heimat" einlud, die "Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR" zu diskutieren.2

Der Aufruf vereinte das Vokabular der DDR-Forschung mit dem Slang der "Human Animal Studies". Das Ergebnis war schon sprachlich eine Innovation. In der DDR, so der Call, "verursachte die Umwandlung der Eigentumsverhältnisse in der Landwirtschaft und deren zunehmende Industrialisierung einen tiefen Riss in der Mensch-Nutztier-Beziehung. Die 'Entbürgerlichung' der Gesellschaft bewirkte eine Unterdrückung und starke Reglementierung der vermeintlich 'bourgoisen Heimtierhaltung'."

Außerdem habe der SED-Staat der Bevölkerung mit den Zoos die Möglichkeit geboten, "Tiere 'fremder Länder' zu bestaunen, was vor dem Hintergrund der fehlenden Reisefreiheit eine Kompensationsfunktion" erfüllt habe. Dass es zeitgleich auch in westlichen Ländern industrielle Landwirtschaft und Zoos gab, schien die Argumentation nicht zu stören.

Der erfundene Beitrag wurde angenommen und hatte am 6. Februar 2015 seinen Auftritt an der TU Berlin. Die Konferenz fasste acht Referate zusammen, unter denen der "deutsch-deutsche Schäferhund" in keiner Weise als ungewöhnlich oder satirisch herausstach. Er schloss unauffällig an einen vorausgegangen Vortrag über die "Grenzperspektive der Wildkaninchen" im Todesstreifen an der Berliner Mauer an.

Unser Referat erklärte die Mauerhunde zu den eigentlichen Opfern der deutschen Teilung und gipfelte in der Behauptung, der erste Mauertote sei ausgerechnet ein Polizeihund namens Rex gewesen – anscheinend erinnerte sich niemand mehr an "Kommissar Rex" auf Sat1. Nach Rex großem, aber tragischem Auftritt bedienten wir uns großzügig aus dem Repertoire der Totalitarismustheorie und überspitzten deren These, der DDR-Sozialismus sei irgendwie genauso schlimm gewesen wie das NS-Regime, ins Groteske. So behaupteten wir, die Wachhunde zweier 1945 eingerichteter sowjetischer Speziallager seien direkte Nachfahren von Wachhunden aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen gewesen, und diese wiederum hätten in dritter Generation die Mauerhunde der NVA-Grenztruppen gezeugt. Sämtliche Belege dafür waren frei erfunden, aber es fragte auch niemand nach Belegen: Drei Generationen von totalitärer Gewalt, sowjetische DDR-Nazihunde, das klang einfach zu gut.

Um die Verbindung zu den "Human Animal Studies" und ihrer These einer tierischen "Agency" zu schlagen, folgte ein Kessel Buntes über den "Eigensinn" der DDR-Grenzhunde: Eigentlich wollten sie nichts Böses, außerdem bekamen sie zu wenig Wasser und wurden im Kalten Krieg der Ideologien nur benutzt. Anschließend spannte der Vortrag den Bogen bis ins Jahr 1990, in dem einige NVA-Hunde ihren Dienst angeblich beim Bundesgrenzschutz fortführten – und die Anforderungen bestens erfüllten.

Für die West-Schäferhunde des Bundesgrenzschutzes brachte die Wende in unserer Satire dagegen einen paradoxen Rollenwechsel, der das Publikum nachdenklich stimmen sollte: "Im Rahmen des Schutzes der EU-Außengrenze sahen sie sich damit konfrontiert, dass sie nun aggressiv gegen Flüchtlinge und "Schleuser" vorgehen mussten, anstatt diese wie zuvor an der innerdeutschen Grenze im Schutz der Leine mit freundlichem Gebell willkommen zu heißen", argumentierten wir.

Komplementiert wurde das Ganze durch eine erinnerungspolitische Pointe: Das geplante Einheits- und Freiheitsdenkmal für die Opfer der deutschen Teilung sollte, so forderten wir, durch eine symbolische stählerne Hundeleine zur Erinnerung an die angeblich 34 Schäferhunde unter den Mauertoten ergänzt werden. Spätestens hier hatten wir Gegenreden, Zweifel oder Protest erwartet. Doch es folgte Applaus.

Publish or Perish....

Nachdem weder das absurde Beitragsangebot noch der frei erfundene Vortrag Anstoß erregt hatten, entschlossen wir uns, die nächste Hürde im akademischen Betrieb zu nehmen und den Beitrag zur Veröffentlichung einzureichen. Also schickten wir das Vortragsmanuskript an das "Jahrbuch für Extremismus & Demokratie", das kurze Zeit später in "Totalitarismus und Demokratie" umbenannt wurde. Die vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut herausgegebene Zeitschrift erscheint bei Vandenhoeck & Ruprecht und sieht sich selbst als Wächter der Demokratie. Zu diesem Zweck widmet sie sich dem Regimevergleich, untersucht also Staatssozialismus und den NS-Staat mit dem Paradigma der Totalitarismustheorie.

Nach wenigen Tagen landete in unserem Postfach bereits die Zusage zur Veröffentlichung eines leicht geänderten Textes. Die Hundeleine am Einheitsdenkmal musste raus, und ebenfalls nur verklausuliert vorkommen durfte die Kritik am aktuellen Grenzregime der EU. Die Redaktion belehrte in einer Randbemerkung: "Grenzregime wird es bei realistischer Betrachtung wohl auch in 100 Jahren noch geben." Ein Schelm, wer dabei an die berühmten Worte des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker aus dem Januar 1989 denkt: "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden."3 Viel mehr muss zum Erkenntnisgewinn, den uns die Totalitarismustheorie heute noch bietet, wohl nicht gesagt werden. Doch wie verhält es sich mit den "Human Animal Studies"?

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