Geringe psychische Belastbarkeit erhöht Bluthochdruckrisiko massiv

15.02.2016

Schwedische Langzeitstudie weist einen Risikofaktor nach, der sich nur schwer beeinflussen lässt

1972 begannen die schwedischen Musterungsbehörden Daten junger Wehrpflichtiger zu sammeln. Die damals 18-Jährigen wurden nicht nur von Ärzten auf ihren körperlichen Zustand hin untersucht, sondern auch von Psychologen begutachtet, die herausfinden sollten, wie gut oder schlecht sie mit Stress fertig werden. Ein Team um die Ärztin Kristina Sundquist vom der Lund-Universität in Malmö verglich diese Stressempfindlichkeitseinschätzungen mit der in den 44 Jahren darauf folgenden Krankheitsgeschichte der Gemusterten, was die schwedischen Gesundheitsregister und Datenschutzvorschriften erlaubten.

Die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Heart veröffentlichten Ergebnisse dieses Vergleichs zeigen, dass sich unter den 93.000 schwedischen Männern, die in dieser Zeit krankhaften Bluthochdruck entwickelten, signifikant viele Personen befanden, bei denen bei der Musterung eine geringe Fähigkeit zur Stressabwehr festgestellt wurde. Ihr in psychischen Belastungssituationen immer wieder ansteigender Blutdruck könnte sich im Laufe der Zeit zu einem chronischen Leiden entwickelt haben.

In älteren Studien wurden vor allem Gewohnheiten wie Alkoholmissbrauch, Bewegungsmangel und Überernährung als Risikofaktoren für Bluthochdruck festgestellt. Einige Mediziner (wie beispielsweise Werner Bartens gingen bereits in der Vergangenheit davon aus, dass es tieferliegende Ursachen geben könnte, die solch ein Verhalten begünstigen. Die schwedische Langzeitstudie liefert dafür weitere Indizien: Es ist leicht vorstellbar, dass jemand, der sich schnell und oft gestresst fühlt, leichter zum Alkoholiker wird oder unmäßig isst, um mit psychischen Belastungen fertig zu werden.

Kommt es zu so einer (bewussten oder unbewussten) "Selbstmedikation", können Risikofaktoren kumulieren und sich gegenseitig verstärken: Sundquists Berechnungen nach steigt das Risiko, an Bluthochdruck zu erkranken, auf des Dreieinhalbfache an, wenn zur Stressempfindlichkeit Übergewicht dazukommt. Bei Übergewichtigen, die stressunempfindlicher sind, liegt es nur zweieinhalb Mal so hoch wie das Durchschnittsrisiko.

Digitales Blutdruckmessgerät. Foto: Solaris2006. Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Risikobetroffene könnten die Ergebnisse der Studie vor Dilemmata stellen: Erhöhen sie ihr Erkrankungsrisiko vielleicht sogar, wenn sie auf das Feierabendbier oder die beim Essen ausgeschütteten körpereigenen Substanzen verzichten, weil der Blutdruck dann öfter steigt und länger hoch bleibt? Der Ratschlag, sich über diese Dilemmata nicht aufzuregen, dürfte bei Cholerikern in jedem Fall ähnlich nutzlos sein wie der Tipp, überhaupt gelassener zu leben. Die Wirksamkeit von Stressmanagement-Techniken und Therapien ist umstritten – fest steht, dass sie nicht allen Betroffenen helfen.

Bleibt Bluthochdruck unbehandelt, führt er häufig zu Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die in Deutschland für etwa 45 Prozent der Todesfälle bei Männern und für 50 Prozent der Todesfälle bei Frauen verantwortlich sind. Das Auftreten solcher Todesfälle steigt praktisch linear mit dem Blutdruck. Hypertonie wird deshalb unter anderem mit Betablockern behandelt, die die Wirkung des Stresshormons Adrenalin abschwächen. Alternativen dazu sind Calciumantagonisten (die die Gefäßspannung verringern), ACE-Hemmer (die in Schlangengiften vorkommen und in das blutdruckregulierende Renin-Angiotensin-Aldosteron-System eingreifen) und AT1-Antagonisten (die den Angiotensin-II-Rezeptor hemmen).

Reaktionsoptionen auf die neuen Erkenntnisse gibt es allerdings nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch auf politischer und juristischer: Gerichte werden bei Abwägungen zwischen allgemeiner Handlungsfreiheit und stresserzeugendem Lärm die Auswirkungen auf die körperliche Unversehrtheit künftig stärker berücksichtigen müssen.

Laut WHO leiden in Europa 20 Prozent der Bevölkerung in gesundheitsgefährdendem Ausmaß unter nächtlichem Lärm. Besonders betroffen sind finanziell weniger gut gestellte Menschen. Nicht nur, weil sie in besonders lauten und schlecht schallgeschützten Wohnungen leben, sondern auch, weil sich Behörden in ihren Vierteln häufig noch nachlässiger um Ruhestörungen kümmern als anderswo (vgl. Heimatloser Lärmschutz und Verwaltungsgericht Berlin stoppt "Krachmacherstraße").

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