Return of the Klobürste

16.02.2016

2017 soll der G-20-Gipfel in Hamburg stattfinden. Umgehend wurden Proteste dagegen angekündigt

In der Hansestadt wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Jedenfalls wenn es um die geht, die eh schon genug haben: Am vergangenen Freitag fand im Großen Festsaal des ehrwürdigen Rathauses das alljährliche Matthiae-Mahl statt, eine Fressgelage für die Reichen und die Schönen, das seit 650 Jahren zelebriert wird. Traditionell werden dabei ein deutscher und ein ausländischer Ehrengast empfangen. In diesem Jahr waren es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der britische Premierminister David Cameron. Die bedankten sich für die Einladung mit dem Versprechen, den G-20-Gipfel 2017 in der Hansestadt auszurichten.

Während das Herz des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) vor Freude hüpfte – schließlich muss er die Olympia-Schlappe ja irgendwie kompensieren –, tauchte umgehend in sozialen Netzwerken die Klobürste wieder auf – das erprobte Mittel zur Gefahrengebietsabwehr (Gefahrengebiet weggebürstet): Durch fantasievolle Proteste war es im Januar 2014 gelungen, das später von zuständigen Gerichten für rechtswidrig erklärte Gefahrengebiet im Stadtteil Schanzenviertel bundesweit zur Lachnummer zu machen. Als subversives Element hatte es die Klobürste bis in die Tagesschau geschafft, die Hamburger Polizei bis auf die Knochen blamiert und wurde so zum Symbol des Widerstands.

Klobürste auf einer Mauer in Hamburg-Altona. Bild: Doris Antony/CC-BY-3.0

Während in Hamburg Geflüchtete in Zelten, Holzbaracken, maroden Hallen und Containeranlagen untergebracht sind, sie mangelhaft ernährt werden, ihre medizinische Versorgung so katastrophal ist, dass in dem Fall eines kürzlich verstorbenen Babys die Staatsanwaltschaft gegen die zuständigen Behörden wegen Fahrlässigkeit ermittelt, der Senat es nicht für leistbar hält, die für den Winter bereitgestellten Notunterkünfte für Obdachlose auch tagsüber offen zu halten, und auch an vielen anderen Ecken und Enden angeblich das Geld fehlt, trafen sich rund 400 Gäste - alles was Rang und Namen hat –, um an einer 132 Meter langen Festtafel, dekoriert mit 48 Silber-Aufsätzen und 42 Silberleuchtern, fürstlich zu schlemmen.

Allein das Putzen des silbernen Tafelbestecks nahm mehr als eine Woche in Anspruch. Im Einsatz waren 10 Ratsdiener, 12 Sicherheitskräfte, 10 Reinigungskräfte, 16 Köchinnen und Köche, 118 Kellner sowie 5 Polizeischuüler in alten Gala-Uniformen als "lebendiger Schmuck". Geladen waren auch die Fraktionen in der Hamburgischen Bürgerschaft. Lediglich Die Linke verzichtete auf dieses Privileg – mit Hinweis darauf, wofür das Geld sinnvoller hätte ausgegeben werden können.

Beim G-20-Gipfel, der für Juli 2017 geplant ist, werden mindestens 6.000 Gäste sowie die Regierungschefinnen und -chefs von 19 Industrie- und Schwellenländern, darunter die USA und Russland, sowie die EU erwartet. Plus dem Chef der Zentralbank und weitere für wichtig erachtete Persönlichkeiten. Auf dem Gipfel wird über drängende ökonomische Probleme gesprochen – aktuell auch über das Flüchtlingsproblem. Der letzte G-20-Gipfel fand im November 2015 im türkischen Antalya statt, der nächste ist für September in China geplant. Traditionell sind diese Veranstaltungen von Protesten begleitet.

Für Scholz wäre der Gipfel probates Mittel, um den Schock über das Ergebnis des Volksentscheids zur Bewerbung als Austragungsort für Olympia 2024 zu kompensieren: überraschend hatte die Mehrheit der Teilnehmenden dagegen gestimmt. So soll dann wenigstens das für Olympia erarbeitete Sicherheitskonzept zum Tragen kommen. Laut Hamburger Abendblatt sollen 9.000 Polizeibeamte zum Einsatz kommen. Für die Kosten werden "mehrere hundert Millionen Euro" veranschlagt. Demnach sind Empfänge an "repräsentativen Orten" wie der Elbphilharmonie geplant. Das wirft die Frage auf, seit wann Baustellen als "repräsentative Orte" gelten?

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