Einbruch der Tourismusbranche in der Türkei

06.03.2016

Die Türkei hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2023 die Besucherzahl auf 50 Millionen zu steigern, doch hausgemachte Probleme setzen Hindernisse

Nicht erst seit dem Anschlag auf eine deutsche Touristengruppe in Istanbul (wer fragt eigentlich noch nach Attentäter und Hintergründen?) krankt der türkische Tourismus. Immer mehr Touristen wenden der Türkei den Rücken zu, sei es, weil sie angesichts der Anschläge des IS verängstigt sind, oder weil sie die Politik Erdogans nicht mit ihrem Geld finanzieren wollen.

Weltweit gehörte die Türkei zu den 10 wichtigsten Urlaubsländern. Allein im Jahr 2014 konnte sie 37 Millionen Besucher verzeichnen. Nun droht der Kollaps. Um den Abwärtstrend zu stoppen, startete Ministerpräsident Davutoglu im Dezember 2015 eine Regierungsinitiative, um der Tourismusindustrie den Rücken zu stärken. Mit neuem Logo und dem Slogan "Entdecke das Potential" sollen neue Kunden geworben werden.

Die Türkei hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2023 die Besucherzahl auf 50 Millionen zu steigern, die der Branche Erträge in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar einbringen sollen.

Touristen vor der Sultan-Ahmed-Moschee ("Blaue Moschee") in Istanbul, 2010. Bild: Benh Lieu Song/CC BY-SA 3.0

Die Tourismusbranche bringt der Türkei jährlich 34 Milliarden Dollar ein, 15 Prozent der Touristen sind Deutsche. Das waren 2015 nach türkischen Behördenangaben 5,5 Millionen deutsche Touristen. Tourismus-Experte Refet Kayakiran äußerte der amerikanischen Zeitung Voice of America gegenüber, dass viele deutsche Touristen nach dem Anschlag ihre Reise storniert hätten.

Russische Sanktionen

Auch die russischen Sanktionen treffen die türkische Wirtschaft empfindlich: Nicht nur die Tourismusbranche ist davon betroffen, sondern auch viele Geschäfte, Taxifahrer und Straßenhändler, die vom Geschäft mit den Touristen abhängig sind. 2015 verzeichnete die Türkei einen Rückgang der Einnahmen vom Tourismusgeschäft von mehr als 8% auf ca. 31,5 Mrd. Dollar.

Der Kreuzfahrt-Anbieter Aida sagte alle Kreuzfahrten in die Türkei ab, die Anbieter MSC und Crystal Cruises haben ebenfalls ihre Türkei-Touren gestrichen. Die zweitgrößte Gruppe von Touristen stellt mit rund 4 Millionen Russland.

Aber auch viele andere Tourismusunternehmen wie z.B. Thomas Cook planen, die Türkei aus ihrem Programm zu nehmen. Medienberichten zufolge sollen wegen dieser Einbrüche bereits 1.300 Hotels im Wert von 10 Milliarden Euro zum Verkauf stehen.

Besonders davon betroffen ist die südtürkische Provinz Antalya. 3 Millionen Urlauber kommen jährlich in die Provinz. Die Stadt Kemer ist bekannt als "Russenhochburg". Doch diese bleiben weg. Große Hotels, Clubs, Nachtbars und Edelboutiquen müssen schließen. "Es ist eine Katastrophe, der Tourismus in Antalya ist tot.", so die Klage einer Boutiquenbesitzerin.

Die Türkische-Europäische Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung TAVAK rechnet für 2016 nicht mehr mit russischen Touristen, nachdem Russland die Charterflüge in die Türkei komplett gestrichen hat.

Schon im Januar sagte der türkische Tourismus-Minister Mahir Ünal den Flugunternehmen deshalb 6.000 Dollar Treibstoffzuschuss für Verbindungen nach Antalya, Alanya, Bodrum, Dalaman sowie Izmir zu. Allerdings gelten die Zuschüsse nur für die Monate April und Mai.

DRV: Sommerurlaub-Buchungen um 40% zurückgegangen

Nach dem Attentat in Istanbul, bei dem 12 Deutsche starben, seien die Buchungen bei den Deutschen regelrecht eingebrochen, berichtet der Spiegel. Der Reiseveranstalter DER Touristik habe nach dem Attentat Einbußen von ca. 25% im Vergleich zum Vorjahr. Der Deutsche Reiseverband (DRV) wird damit zitiert, dass die Buchungen für Sommerurlaube in der Türkei gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent zurückgingen.

Nun kündigte Ministerpräsident Davutoglu an, betroffenen Touristikbetrieben bei der Umschuldung zu helfen. Mit 80 Millionen Euro sollen Fremdenverkehrsbüros und Touristikunternehmen subventioniert werden.

Auch in Deutschland wird für Urlaub in der Türkei geworben. Auf der Reisemesse ITB im März in Berlin belegt die Türkei mit 15 neuen Ausstellern eine ganze Halle - in der Hoffnung auf ein gutes Last-Minute-Geschäft.

Angebote zum Kulturerbe in den kurdischen Gebieten, wie z.B. der Stadtmauer von Diyarbakir (kurd. Amed), der antiken Stadt Hasankeyf, der ältesten bekannten menschlichen Kultstätte Göbeklitepe oder der assyrisch-christlichen Klöster in der Provinz Mardin wird man vermutlich vergebens suchen, wie ein Blick auf den Internetauftritt von www.goturkey.com zeigt.

Auch einen Hinweis auf die kurdische Geschichte und Kultur findet man dort nicht. Auch wird man keinen Hinweis auf eine einzigartige Naturlandschaft an der Grenze zu Georgien finden. In Artwin gibt es große Proteste der Bevölkerung gegen die geplante Abholzung von 80.000 Bäumen und die Errichtung einer Kupfermine.

Die türkische Regierung macht deutsche Umweltschützer für die Proteste verantwortlich. Sie sollen, so die regierungsnahe Zeitung Sabah, die örtlichen Umweltschützer ausgebildet haben. Übersetzt heißt der Titel des Artikels: "Der deutsche Finger in Cerattepe".

Auswärtiges Amt rät zu besonderer Vorsicht

Bundesinnenminister Thomas De Maizière (CDU) rät Urlaubern trotz der Anschläge in die Türkei zu reisen. Bezogen auf die Attentate in Paris sagte er Mitte Januar in den ARD-Tagesthemen an:

… Wir können doch nicht sagen: Bitte geht nicht in Cafés, geht nicht in Konzerthäuser, geht nicht auf Straßen. Dann hätte der Terror ja schon gewonnen

Demgegenüber rät das Auswärtige Amt

Menschenansammlungen, auch auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen sowie der Aufenthalt nahe Regierungs- und Militäreinrichtungen sollten gemieden werden. Zudem sollte die Nutzung von Verkehrsmitteln des öffentlichen Personennah- und Fernverkehrs auf das erforderliche Maß eingeschränkt werden. Auch bei Reisen über Land wird zu besonderer Vorsicht geraten. (…) Von Reisen in das Grenzgebiet der Türkei zu Syrien und Irak, insbesondere in die Städte Diyarbakır, Mardin, Cizre, Silopi, Idil, Yüksekova und Nusaybin sowie generell in die Provinzen Şırnak und Hakkâri wird dringend abgeraten.

Dem kann man nur zustimmen. Der Aufenthalt in diesen Gebieten ist lebensgefährlich, denn dort führt das türkische Militär Krieg gegen die eigene Bevölkerung. So ist es auch nachvollziehbar, wenn in den sozialen Medien die Frage diskutiert wird, ob es noch politisch korrekt sei, als Tourist in die Türkei zu fahren, in ein Land, das seine eigene kurdische Bevölkerung und die des Nachbarlandes Syrien gerade mit Panzern und Artillerie beschießt.

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