Jakutenpferde durchliefen Instant-Evolution

16.02.2016

Zuchttiere entwickelten sich im kalten Klima innerhalb kurzer Zeit zu Quasi-Wildpferden

Die Jakuten sind ein Turkvolk, das etwa eine halbe Millionen Menschen zählt und im Norden Sibiriens lebt. Dem aktuellen Stand der Forschung nach stammen sie aber nicht von dort, sondern zogen - anders als andere Turkvölker - nicht nach Süden und Westen, sondern nach Norden, wo sie die vorher dort lebenden Tungusen verdrängten. Als möglicher Grund für die Nordwanderung im Spätmittelalter kommt eine Ausbreitung der Mongolen in ihrer ursprünglichen Heimat westlich des Baikalsees in Betracht.

In der neuen Heimat der Jakuten, die zur Hälfte oberhalb des nördlichen Polarkreises liegt, war es deutlich kälter als in ihrer alten - im Winter bis unter minus 70 Grad Celsius. Das führte dazu, dass sich die Pferde, die dem Volk nicht nur als Reit- und Zugtiere dienen, sondern auch gemolken und gegessen werden, zu Quasi-Wildpferden zurückentwickelten (oder zurückgezüchtet wurden), wie eine in PNAS veröffentlichte gemeinsame Studie von Wissenschaftlern aus acht Ländern zeigt.

Vorher hatten viele Biologen vermutet, dass die Jakutenpferde aus einer Wildpferdrasse hervorgegangen sein könnten, weil die stämmigen kurzbeinigen Tiere mit langen Winterfellen und Fettpolstern den Przewalski-Wildpferden und den Pferden auf Höhlenmalereien sehr ähnlich sehen, im Freien überwintern und sich ihr Futter selbst suchen. Nun weiß man, dass sie von Zuchtpferden abstammen.

Jakutenpferd in Oymyakon. Foto: Maarten Takens. Lizenz: CC BY-SA 2.0.

Um das herauszufinden, untersuchten die mehrheitlich russischen und dänischen Wissenschaftler und ihre Kollegen nicht nur das Genom von neun lebenden Jakutenpferden, sondern auch von zwei alten Pferdeskeletten aus Jakutien - eines davon aus dem 19. Jahrhundert und das andere über 5.200 Jahre alt. Die DNA dieser Tiere verglichen die Forscher mit der von drei wilden Przewalski- und 27 Hauspferden. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schein trog und dass die Jakutenpferde deutlich näher mit Mongolenpferden und anderen Haustierrassen verwandt sind als mit den (wahrscheinlich schon im mittleren Holozän ausgestorbenen) jakutischen Wildpferden und den Przewalski-Pferden.

Dass sich die Zuchtpferde innerhalb bemerkenswert kurzer Zeit biologisch so stark veränderten, liegt nach Meinung der Wissenschaftler daran, dass sie sich bei der Haarlänge, der Körpergröße, dem Körperbau, dem Stoffwechsel und dem Hormonhaushalt auf cis-regulatorische Mutationen stützen konnten, die beim Zucht- oder Selektionsbeginn schon vorhanden waren. Veränderungen in diesen Bereichen sorgten auch dafür, dass sich das Wollmammut und andere Säugetiere an das Überleben in kalten Regionen anpassten.

Kulturelle Anpassung der Jakuten

Bei den Jakuten selbst, die größtenteils zur Haplogruppe N3a gehören, verlief die Anpassung an die Kälte eher kulturell als biologisch: Für ihre Rinder, die schneller erfroren als die Pferde, bauten sie Erdställe. Im Norden folgten sie - wie andere sibirische Völker - den Rentierherden, die sie mit Fleisch versorgten. Diese Rentiere spannten sie auch vor ihre Fahrzeuge, wobei sie die von den Tungusen entwickelten Gespanne maßgeblich verbesserten.

Der fast 4.300 Kilometer lange Fluss Lena und die zahlreichen anderen Gewässer nutzten die Jakuten zum Fang von Fisch, den sie (ebenso wie Fleisch) traditionell in dünnen Scheiben auch roh verzehrten - auf diese Weise bleiben Vitamine erhalten, an denen es durch die geringe Menge an pflanzlicher Nahrung sonst mangeln könnte. Im nur drei Monate dauernden Sommer sammelte man Beeren und kochte Suppen aus wildem Meerrettich und Gräsern.

Um sich im Winter vor Kälte zu schützen, erfanden die Jakuten das Balagan-Haus, das aus Baumstämmen gebaut wird. Wenn es wärmer war, zogen sie in eine kegelförmige und mit Rinde gedeckte "Urasa" um, die aus dünneren Baumstämmen errichtet wurde. Später, als die 270.000-Einwohner-Hauptstadt Jakutsk und andere größere Siedlungen entstanden, musste man die Fundamente der Häuser auf großen Stützen tief in den Permafrostboden hineinrammen, damit sie nicht im Schlamm versinken, wenn er bei bis zu plus 40 Grad Celsius an der Oberflächte auftaut.

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