Irak: gammastrahlendes Iridium-192 gestohlen

18.02.2016

Isotop wäre zum Bau einer schmutzigen Bombe geeignet

Wie erst jetzt bekannt wurde, sind in der Umgebung der irakischen Stadt Basra im November zehn Gramm gammastrahlendes Iridium-192 gestohlen worden. Das geht aus geleakten Dokumenten des irakischen Umweltministeriums hervor. Mit dem von der Firma SGS Turkey vermieteten Isotop suchte das US-Unternehmen Weatherford Materialfehler in Ölleitungen. Beide Firmen schweigen bislang zu den Vorwürfen.

Wer das Material derzeit besitzt, ist unklar. Ermittlungen von Polizei, Militär und Geheimdiensten verliefen ergebnislos. Die Art und Weise des Diebstahls deutet jedoch darauf hin, dass das Iridium kein Zufallsfund von Einbrechern war, sondern gezielt entwendet wurde. Potenziell in Frage kommen dafür neben Kriminellen auch Dschihadisten des Islamischen Staats und anderer Terrororganisationen, die das radioaktive Isotop zum Bau einer schmutzigen Bombe einsetzen könnten, für die das Iridium-192 ebenso wie Americium-241, Californium-252, Cäsium-137, Kobalt-60, Plutonium-238 und Strontium-90 grundsätzlich geeignet wäre.

Das geleakte Dokument spricht deshalb nicht nur von gesundheitlichen Risiken, sondern auch von einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Die Aufforderung der irakischen Behörden, dass Krankenhäuser strahlungstypische Verbrennungen melden sollen, zeigt ebenfalls, dass Menge und Strahlungsintensität gesundheitsgefährdend sind. Diese Gefahr ist bei Iridium-192 auch drei Monate nach dem Diebstahl noch gegeben. Dessen Halbwertszeit von 73,83 Tagen bedeutet nämlich nicht, dass das Material danach nicht mehr strahlt, sondern lediglich, dass sich der Strahlungshöchstwert in diesem Zeitraum halbiert.

Iridium-Schmelzperle. Foto: Alchemist-hp. Lizenz: CC BY-SA 2.0.

Radioaktives Material wird nicht nur in Kernkraftwerken und Atombomben verwendet, sondern auch in vielen anderen Bereichen – zum Beispiel in der Medizin und in der Industrie. Dass es dort abhanden kommt, passiert immer wieder. Alleine im Jahr 2012 wurden der Internationale Atomenergiebehörde IAEA zufolge 41 Vorfälle bekannt, bei denen relevante Mengen solcher Substanzen verschwanden (vgl. Mexiko: Geraubtes Kobalt-60 gefunden). Am häufigsten sucht die U.S. Nuclear Regulatory Commission in solchen Fällen nach Iridium-192.

Stehlen gewöhnliche Kriminelle ohne Kenntnisse im Umgang mit radioaktiven Materialien medizinische oder andere Geräte, die solche Isotope enthalten, riskieren sie damit nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das der Menschen in ihrer Umgebung: 1987 mussten im brasilianischen Goiania 41 Häuser evakuiert und mehrere davon abgerissen werden, weil Diebe eine gestohlene Bestrahlungsmaschine mit 1400 Curie Cäsium-137 zerlegt hatten. Damals starben außer den zwei Männern auch eine Frau und ein Kind an Strahlenvergiftung, etwa 250 weitere Menschen mussten ärztlich behandelt werden.

Eine schmutzige Bombe bezieht ihre Sprengkraft nicht aus dem radioaktiven Material, sondern verteilt es mittels konventioneller Explosivstoffe. Sie ist deshalb sehr viel leichter zu bauen als eine Atombombe, kann aber auch nicht so viel Schaden anrichten. Der Berkeley-Physiker Richard A. Muller glaubt, dass man im Fall der Explosion so einer schmutzigen Bombe zwar eine "größere Gegend" evakuieren müsste – unmittelbar an Strahlungsvergiftung sterben würde seiner Ansicht nach jedoch niemand.

Das schließt freilich nicht aus, dass Menschen später an Krebs erkranken, die sonst gesund geblieben wären. Dadurch machen solche schmutzigen Bomben vielen Menschen Angst – und Muller vermutet, dass die "psychologischen Auswirkungen" bei ihnen größer sind "als der Schaden, den sie tatsächlich anrichten". Darauf kamen seiner Meinung nach möglicherweise auch tschetschenische Terroristen, die 1995 in einem Park in der russischen Hauptstadt Moskau eine kleine Menge Cäsium-137 zusammen mit Dynamit vergruben und den Sprengsatz danach nicht zündeten, sondern einen Fernsehsender informierten. "Wahrscheinlich", so der Berkeley-Physiker, "war den [Terroristen] klar, dass der Nachrichtenwert der Bombe größer war, wenn sie vor ihrer Explosion entdeckt wurde".

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