Funklöcher beschäftigen die Staatsanwaltschaft

26.02.2016

Nach dem Unglück von Bad Aibling: Digitaler Zugfunk gehört bundesweit offenbar auf den Prüfstand

Nach dem Zugunglück von Bad Aibling bleiben Fragen offen. Auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor in Bayern starben am 9. Februar bei der Kollision zweier Züge elf Menschen. Der Fahrdienstleiter im Stellwerk hatte nach Angaben der Polizei noch Notrufe per Funk abgesetzt, die jedoch die Lokführer nicht erreichten (Wie sicher ist Bahnfahren?).

Ein insgesamt 37 km langer Streckenabschnitt (Holzkirchen–Rosenheim) war nach der Kollision der beiden Meridian-Züge vorübergehend gesperrt, inzwischen wurde der Fahrbetrieb wieder aufgenommen. Nach Angaben der Bahn (DB Netze) wurde der digitale Zugfunk dort im Juli 2007 aufgenommen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Traunstein.

Dabei gibt es einen Aspekt, der in Fachforen bereits heftig diskutiert wird: War ein rund 400 Meter großes Funkloch am Bahnhof Kolbermoor der Grund für den gescheiterten Notruf? Es könnte somit eine der Ursachen für die Katastrophe gewesen sein. Die Untersuchungen laufen, ein Sprecher der Traunsteiner Staatsanwaltschaft, in deren Zuständigkeit die Sache fällt, wollte sich auf Anfrage von Telepolis mit Hinweis auf "laufende Ermittlungen" nicht äußern.

Allerdings zitiert die "Stuttgarter Zeitung" den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit der Aussage, er habe das Bayerische LKA gebeten, das Funknetz der DB auf Funklöcher zu überprüfen; Spezialisten würden in diesen Tagen Messungen durchführen.

Das Stuttgarter Blatt stützt sich nach eigenen Angaben auf Beweismaterial für Sicherheitsmängel im digitalen Zugfunk und nennt hier insbesondere "umfangreiche und aktuelle interne Unterlagen der bundeseigenen DB Netz AG (…), die das deutsche Schienennetz betreibt und in Ordnung halten soll".

Stich ins "Wespennest"

Aus den Dokumenten gehe hervor, dass bundesweit mehr als tausend solcher Funklöcher auf Bahnstrecken existierten. Mehrere aktive Lokführer hätten sich in der Stuttgarter Redaktion gemeldet und fast wortgleich erklärt: "Da haben Sie in ein Wespennest gestochen, der Sachverhalt trifft voll zu."

In die Kritik gerät auch das sogenannte "Rückfallkonzept" der Bahn, eine Vorkehrung, die bei digitalen Ausfällen einspringen und den sicheren Betrieb gewährleisten soll. Das Rückfallkonzept greift auf das öffentliche Mobilfunknetz P-GSM (D-Netz) im Roaming-Verfahren zurück. Dieses Procedere allerdings wird von Lokführern und Kritikern als "umständlich", das Verfahren zum Verbindungsaufbau als regelrecht "verkorkst" bezeichnet, "so dass Lokführer und Fahrdienstleiter lieber über ihre privaten Mobiltelefone" kommunizierten, wie ein Leserbriefschreiber sich gegenüber der Telepolis-Redaktion ausdrückte.

Mit der Einführung von GSM-R (Global System für Mobile Communication-Rail) wird das ältere analoge Übertragungsverfahren (Zugfunk/Bahnfunk) abgelöst, das Signal- und Geschwindigkeitsinformationen in den Zugführerstand übermittelt hat. Durch GSM-R erhält der Zugführer wichtige Signal- und Betriebsinformationen. Mittels der vereinheitlichten, auf digitalen Radiofrequenzen basierenden GSM-R-Plattform will die Deutsche Bahn die Betriebskosten senken.

Ist die Funkausleuchtung tatsächlich gewährleistet?

Lücken im Netz werden halbjährlich durch Messfahrten erfasst und für die Lokführer in vertraulichen Mängellisten dokumentiert. Dort sind auch Ersatz-Telefonnummern aufgeführt, über die Lokführer in Funklöchern die Leitstelle erreichen sollen. Die Bahn hatte vergangene Woche Berichte dementiert, nach denen es Probleme auf dem besagten bayerischen Streckenabschnitt gebe, und erklärt, die "Funkausleuchtung" sei dort vollständig gewährleistet.

Derweil schlägt der SWR Alarm: In einem Report seines aktuellen Fernsehmagazins "Zur Sache Baden-Württemberg" präsentiert er Ergebnisse eigener Recherchen. Ein Check erbrachte über 52 Funklöcher im digitalen Notrufsystem der Bahn allein in Baden-Württemberg. Ein Notruf würde hier auf 60 Kilometern ins Leere gehen, betroffen sind offenbar auch eingleisige Strecken – eine Parallele zum Unglück von Bad Aibling.

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