Warnung vor dem Aussterben vieler Tierarten, die Pflanzen bestäuben

27.02.2016

Der erste Bericht einer UN-Organisation zur Biodiversität zeugt auch vom Einfluss der Wirtschaft und Regierungen

Die Tierarten, die Pflanzen bestäuben und damit deren Reproduktion gewährleisten, sind weltweit stark bedroht. Nach einem Bericht der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) besteht das Risiko, dass viele aussterben könnten, was zu enormen Schäden für die Landwirtschaft und zu wachsender Lebensmittelunsicherheit führen könnte. Der Bericht ist das Ergebnis einer zweijähriger Arbeit von 77 Experten, die an die 3000 Studien herangezogen haben. Zweimal ist der Bericht einem Peer Review von Experten und Regierungen unterzogen worden.

Die UN-Organisation, deren Einrichtung 2010 beschlossen und die 2012 mit dem Hauptsitz in Bonn gegründet wurde, soll der Politik wissenschaftliche Informationen über Biodiversität und Ökosysteme liefern, um Gefährdungen zu erkennen und gegensteuern zu können. Dabei stehen oft komplexe Wechselwirkungen im Vordergrund, die exemplarisch auch in diesem zur vierten Vollversammlung in Kuala Lumpur (22. - 28. Februar) verfassten Bericht zur Geltung kommt. In Arbeitsgruppen und in der Vollversammlung wird der Bericht diskutiert und die Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger verabschiedet. Pflanzen werden neben dem Pollenflug durch den Wind von einer ganzen Reihe an Tierarten (Insekten von Bienen bis zu Käfern, Säugetiere wie Fledermäuse und Vögel, aber auch Nagetiere, Reptilien wie Schlangen oder Eidechsen) durch den Transport der Samen zu den weiblichen Blüteorganen befruchtet.

Bild: Frank Vincentz/CC-BY-SA-3.0

Es gibt also vielfältige, kaum überschaubare Wechselwirkungen zwischen Tier- und Pflanzenwelt. Die meisten landwirtschaftlich angebauten Pflanzenarten werden in der Regel durch Insekten bestäubt. Der Bericht geht von 75 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Pflanzen aus, die zumindest teilweise von der Bestäubung durch Tiere abhängig sind. Bei den wildlebenden Pflanzen sind es 90 Prozent. 40 Prozent der wirbellosen Arten, die Pflanzen bestäuben, vor allem Bienen und Schmetterlinge befänden sich vor dem Aussterben.

Die Warnung gibt es schon lange, eigentlich schon mindestens seit 1962, als das Buch "Der stumme Frühling" von der Biologin Rachel Carson erschienen ist. Sie warnte davor, dass durch Pestizide und Insektizide eine Art Massenaussterben in Gang gesetzt werden könnte. Das Massenaussterben durch den Umbau und die Zerstörung der Natur wurde seitdem vielfach konstatiert. Seit Jahren ist auch bekannt, dass viele der 20.000 Wildbienenarten, aber auch die Honigbienen weltweit vom Aussterben bedroht sind.

Um richtig zu warnen und Gehör zu finden, muss auch immer mit in der Regel sehr geschätzten Zahlen hantiert werden. Der Bericht geht davon aus, dass es bei den von Bestäubertierarten abhängigen Nutzpflanzen um einen direkten Kostenfaktor zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar geht. In den letzten 50 Jahren seien 300 Prozent der Zunahme der landwirtschaftlichen Produktion von der Bestäubung durch Tiere abhängig gewesen. Dabei geht es nicht nur um Pflanzen zur Ernährung, sondern etwa auch zur Herstellung von medizinischen Substanzen, von Biodiesel oder Baumaterialien. Wenn darauf hingewiesen wird, dass die Nutzpflanzen, die von tierischen Bestäubern abhängig sind, jetzt langsamer wachsen und weniger stabil scheinen, als die nicht davon abhängigen Pflanzen, könnte man das freilich auch Argument verstehen, biotechnisch von der Bestäubung unabhängige Arten zu züchten oder zu entwickeln, um das Aussterben der Bienen zu kompensieren.

"Genug Beweise, um zu handeln"

Nach dem Bericht sind neben den 40 Prozent der wirbellosen Arten 16 Prozent - auf den Inseln 30 Prozent - der Wirbeltiere, die bestäuben, vom Aussterben akut bedroht. Bedroht sind vor allem die wilden Tierarten in Nordwesteuropa und Nordamerika, in anderen Teilen der Welt sei die Datenlage zu spärlich, um tragfähige Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Als Gründe nennt der Bericht die Veränderung der Landnutzung, intensive Landwirtschaft, natürlich die massenhafte Ausbringung von Pestiziden, die Klimaveränderung, invasive Arten und die Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen. Dass Pestizide, darunter auch Insektizide, die bestäubenden Tierarten weltweit bedrohen, sei mittlerweile erwiesen, auch wenn die langfristigen Folgen noch unbekannt seien. Es gebe noch Wissenslücken, sagt Vera Lucia Imperatriz-Fonseca von der Universität Sao Paulo und Vizevorsitzende für die Studie: "Aber wir haben mehr als genug Beweise, um zu handeln."

Bei genveränderten Pflanzen wird eine gemischte Beurteilung gezogen. Sie sind normalerweise gegenüber Pestiziden unempfindlich, so dass mit diesen das "Unkraut" ausgemerzt wird, das aber zur Ernährung der Tiere dient. Gegenüber Insektenschädlingen sind sie meist resistent, was den Einsatz von Insektiziden senkt und den Druck auch auf Tiere, die bestäuben, senkt. Man wisse aber noch zu wenig über die indirekten und nichttödlichen Folgen der genveränderten Pflanzen auf die bestäubenden Tierarten, die normalerweise auch bei Risikobewertungen nicht berücksichtigt werden.

Man darf davon ausgehen, dass die relativ vorsichtige Bewertung der Pestizide, vor allem aber die der genveränderten Pflanzen auch auf Druck der Konzerne und einiger Regierungen wie der der USA zustande gekommen ist. Zumal auch Vertreter von Biotech-Konzernen unter den Experten des Berichts waren.

Die Bedrohung gehe auch vom Verschwinden der traditionellen Kultur und Landwirtschaft aus, der Erhaltung unterschiedlicher Landschaften und Gärten oder des Wissens über Beziehungen zum Schutz der bestäubenden Tierarten. Wichtig bleiben neben den Honigbienen auch die wilden Bestäuber-Tierarten, die in großer Zahl vorhanden sein sollten.

Es gibt aber, dazu ist schließlich die Organisation eingerichtet worden, auch Ratschläge, wie man die Risiken reduzieren kann. In erster Linie durch die Förderung der Bio-Landwirtschaft, die für weniger Belastung und eine Vielfalt der genutzten Landschaft sorge. Zudem könnten in landwirtschaftlich genutzten Gebieten und in Städten mehr unterschiedliche Lebensräume für Bestäuber-Arten erhalten oder geschaffen werden.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Vergiftete Beziehungen

Männer oder Frauen: Wer hat recht?

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.