Journalistenepos in Zeiten der "Lügenpresse"

02.03.2016

Der Oscar für den besten Film für "Spotlight" wirft ein Schlaglicht auf einen vergangenen Journalismus

Dieser Film ist kein "Missbrauchsdrama" wie in Agenturmeldungen jetzt immer zu lesen ist, sondern ein Hohelied auf den investigativen Journalismus. "Die Unbestechlichen" kennen alle. Nie wieder waren Journalisten so heldenhaft, wie in Alan J. Pakulas an der Aufdeckung des Watergate-Skandals orientiertem Spielfilm mit Dustin Hofman und Robert Redford. Jetzt bekommt das Heldenepos der Seventies Konkurrenz.

Bild: © Open Road Films

Denn auch "Spotlight", das Debüt von Thomas Mc Carthy, ist an tatsächlichen Vorgängen orientiert: Diesmal ist der Sündenpfuhl nicht das "Weiße Haus", sondern die katholische Erzdiözese Boston. Dort deckte ein Reporter-Team der US-amerikanischen Tageszeitung "The Boston Globe" in den späten 1990er Jahren Hunderte von Missbrauchsfälle durch katholische Priester und deren jahrzehntelange Vertuschung durch die Institutionen und den direkt verantwortlichen Kardinal auf.

Jetzt gewann Thomas Mc Carthys Film sehr überraschend den "Oscar" für den "Besten Film". Die Auszeichnung gilt auch einem leidenschaftlichen Plädoyer für den investigativen Journalismus - und ist ein notwendiges Gegengewicht: In Zeiten der Vorwürfe und Polemik gegen die "Lügenpresse" zeigt uns der Film, was Journalismus kann, warum guter Journalismus notwendig ist, und warum man nicht allein auf das Geld und angebliche Leserwünsche schauen darf.

This is Boston. Look: I am not crazy, I am not paranoid. I am experienced. They controll everything.

aus "Spotlight"

"Based on actual events" erscheint auf der Leinwand, "1976" steht dort drunter, es ist Winter, Weihnachten. "Father was helping out", sagt ein Mann und steigt dann in den Fond einer schweren Limousine mit Fahrer.

Boston. Neben New York und Los Angeles ist die Ostküstenmetropole einer der weiteren ikonischen Orte der USA - fein und reich, katholisch und selbstbewusst, liberal und weiß, "Red Sox" und "New England Patriots", auf Anstand ebenso bedacht wie auf das Einhalten der vielen unausgesprochenen Regeln. Eine geschlossene Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat.

Das gilt auch für katholische Kirche, die hier jeder respektiert, und für die Zeitung, die hier jeder liest, den "Boston Globe". Besonders gespannt wartet man auf die regelmäßige Rubrik "Spotlight", eine kleine, in sich geschlossene Gruppe hochkarätiger Journalisten, die regelmäßig mit excellent recherchierten Exklusiv-Geschichten eine ganze Metropole erschüttert.

Bild: © Open Road Films

Eines Tages nun geraten diese beiden Institutionen, die Kirche und Spotlight in Konflikt. Denn ein hundertfacher Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche kommt ans Licht, aber keiner traut sich ins Wespennest aus Macht und Vertuschung hineinzustoßen.

Dieses System der Vertuschung war ausgefeilt. Jeder wusste Bescheid. Und zur Not wird eine Schmutz-Kampagne entfesselt.

Der Film ist ein Hohelied auf den Journalismus, auf Idealismus und Genauigkeit, auf Neugier, Konsequenz und Mut. Was braucht man, um eine gute Story zu schreiben, die dicht recherchiert ist? Der Zuschauer lernt: "We need to focus on the institution, not the individual priest. Practice and policy... show me that was systemic from the top down..." Es geht um die Institutionen.

Bild: © Open Road Films
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