Woher kommen die zum Bau der IS-Sprengbomben verwendeten Komponenten?

01.03.2016

Nach einem Bericht von Conflict Armament Research kommen die meisten Firmen und Zwischenhändler aus der Türkei

Die Türkei grenzt sowohl an den Irak als auch an Syrien und wird verdächtigt, zumindest bis vor kurzem die Grenzen für den Islamischen Staat ziemlich offen gelassen, wenn nicht die sunnitische Terrororganisation direkt unterstützt zu haben. Gerade erst wieder scheint ein Angriff von IS-Kämpfern, die teils über die türkische Grenze kamen und sich dorthin auch wieder zurückzogen, auf die syrische Grenzstadt Tal Abjad von den YPG-Milizen abgewehrt worden sein (Syrien: IS-Offensive mit Unterstützung der Türkei?). Die für die Versorgung des IS wichtige Stadt war letztes Jahr von den Kurden erobert und der IS vertrieben worden. Wichtig für den IS ist, dass seine Mitglieder die Grenze überschreiten können, dass Rekruten und auch nach Nachschub in die vom IS kontrollierten Gebiete gelangen können.

Die türkische Regierung versucht, derartige Kooperationen möglichst unter der Decke zu halten und Journalisten abzuschrecken, davor zu berichten. So mussten zwar gerade die zwei Cumhuriyet-Redakteure Dündar und Gül aus der Untersuchungshaft aufgrund eines Urteils des Verfassungsgerichts entlassen werden. Sie sind unter anderem der Spionage angeklagt, die mit lebenslänglicher Haft bestraft werden kann, weil sie über einen LKW-Konvoi des türkischen Geheimdienstes MIT berichtet hatten, der heimlich Waffen an Rebellen, möglicherweise an den IS, liefern sollte. Offiziell deklariert war die Ladung als Hilfsgüter für Syrien.

Der türkische Präsident Erdogan erhob Anklage und erklärte nun, dass er die Entscheidung des Verfassungsgerichts "nicht akzeptiert und respektiert". Er werde dem Urteil des Verfassungsgerichts auch nicht gehorchen, es gehe nicht um Meinungs- oder Pressefreiheit, sondern eben um Spionage, die Gefährdung der staatlichen Sicherheit und die Kooperation mit einer Terrororganisation.

Conflict Armament Research (CAR) hat vor wenigen Tagen einen von der EU finanziell unterstützten Bericht veröffentlicht, nach dem Firmen aus 20 Ländern, vor allem aber aus der Türkei, in die Lieferkette für Komponenten involviert sind, die beim "Islamischen Staat" landen, der daraus in industriellem Maßstab Bomben (IEDs) gebaut hat. Untersucht wurden die nach Kämpfen gefundenen Hinterlassenschaften des IS in al Rabia, Kirkuk, Mosul, Tikrit und Kobane.

Die Lieferketten für diese an die 700 Komponenten, die zum Bau von IEDs gebraucht werden und nicht unter eine Rüstungskontrolle fallen, unterscheiden sich daher von den Handelswegen für Waffen. Es handelt sich einerseits um regulierte Industriegüter wie Zünder, Sprengkabel oder Transistoren, aber auch um Handys, Aluminiumpaste oder Chemikalien wie Dünger, z.B. Harnstoff, die frei auf dem Markt gekauft werden können. Oft wird zur Herstellung des Sprengstoffs Aluminiumpaste aus China, der Türkei, Brasilien oder Rumänien, geliefert über die Türkei oder den Irak, mit Ammoniumnitrat genommen, in Kobane wurde Harnstoff von einer türkischen Firma verwendet, die diesen wieder aus Russland importiert hatte. Wasserstoffperoxid-Kanister (INTEROX® AG Spray 35), wie es in Tikrit gefunden wurden, stammen aus den Niederlande und wurden über Belgien in die Türkei verschifft. Gefunden wurden im Nordirak fünf Handys des Typs Nokia 105 RM-908, gekauft in Jemen, geliefert über Dubai an den IS im Irak.

Bei der Untersuchung wurden Komponenten von insgesamt 51 Firmen aus 20 Ländern gefunden, mit 13 die meisten aus der Türkei (7 sind Zwischenhändler), gefolgt von Indien und dem Irak. Aber gefunden wurden auch Komponenten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Brasilien, den USA, Japan, Österreich, China, Russland, Rumänien oder Belgien. Detailliert wurden die Stationen, so weit möglich, zurückverfolgt und die Hersteller und Händler gefragt, an wen sie geliefert haben. Allerdings stellt James Bevan von CAR heraus, dass die türkische Regierung nicht kooperieren wollte. Deswegen habe man nicht herausfinden können, wie wirksam die staatlichen Regulierungen zur Verfolgung von Komponenten ist.

Die Mitarbeiter der Organisation stellen ausdrücklich fest, dass sie nur die Herkunft der Komponenten zurückverfolgt haben. Das heiße aber nicht, dass die Firma oder der Herkunftsstaat den IS direkt beliefert habe. Die Firmen hätten die Komponenten an Händler weiterverkauft, die diese weiter an lokale Händler gegeben haben, von denen dann IS-Einkäufer diese erworben haben. Erstaunlich sei die Geschwindigkeit, mit der Komponenten beim IS ankommen, oft vergeht nicht einmal ein Monat nach Auslieferung durch den Hersteller. Das spricht, so die Autoren, für eine mangelnde Kontrolle des Handels oder eine fehlende Aufmerksamkeit, weil sich nicht bewusst, für welchen Zweck diese Komponenten verwendet werden können.

Waffen werden vom IS von allen gekauft. Es scheint einen großen Schwarzmarkt und vom IS "zugelassene" Händler zu geben. Privilegien genießen Waffenhändler, die von zwei Mitglieder der IS-Geheimdienste geprüft worden. Sie können sich frei bewegen, so lange sie nur an den IS verkaufen. Syrische Waffenhändler kaufen von "Rebellen", irakischen Milizen, irakischem oder syrischem Militär. Woher die Waffen kommen, ist dem IS egal, so ein ehemaliger Waffenhändler gegenüber der Financial Times. Der Bedarf an Munition und an Sprengstoff bzw. den Komponenten für diesen ist immens hoch, es werden monatlich Millionen umgesetzt. Gebaut werden nicht nur massenhaft IEDs, sondern auch Autobomben und Sprengstoffgürtel.

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