Die ganz alltägliche Auslassung

Artikel über die Fälle Stoya und Kesha zeugen davon, wie durch Auslassungen ein bestimmter Eindruck beim Thema "sexuelle Gewalt" erweckt werden soll

Kesha und Stoya sind zwei prominente Frauen, die sich derzeit verstärkt in den Medien wiederfinden. Jessica Stoyadinovich, deren Künstlername Stoya lautet, ist eine Pornodarstellerin, schreibt für Vice, hat bereits bei der New York Times und dem News Statesmen veröffentlicht und führt einen steten Kampf gegen die Stigmatisierung der Pornoindustrie. Kesha Rose Sebert, Künstlername Kesha (vormals mit dem Dollarzeichen anstatt des "s" geschrieben), ist eine US-amerikanische Sängerin und Songschreiberin, die ihren größten Erfolg mit Tik Tok hatte.

Beide sind derzeit jedoch weniger wegen ihrer Tätigkeiten in den Schlagzeilen, sondern weil sie jemanden der sexuellen Gewalt bzw. der Vergewaltigung bezichtigen. Wie darüber berichtet wird, sagt viel darüber aus, welche Seite bereits bei der Berichterstattung eingenommen und wie der Leser durch Auslassungen bzw. Falschinfos in eine bestimmte Richtung geschoben wird.

Stoya - der "klügste Pornostar der Welt"

Stoya, die ihren ehemaligen Schauspielkollegen James Deen (Künstlername) der Vergewaltigung bezichtigt, wird beispielsweise in einem Artikel der Wochenzeitung Die Welt als "klügste Pornodarstellerin der Welt" vorgestellt. In der Einleitung heißt es:

Sie liest Foucault, schreibt feministische Texte und hat einen weltberühmten Kollegen der Vergewaltigung bezichtigt: Stoya ist die neue Ikone der kritischen Intelligenz.

Es steht außer Zweifel, dass hier Eigenschaften angeführt werden, die die Einschätzung als "Ikone der kritischen Intelligenz" begründen sollen - das Lesen der Werke Foucaults, das Schreiben feministischer Texte.

Doch wieso wird die Bezichtigung eines Kollegen als Vergewaltiger hier ebenfalls genannt? Indem diese Tat bereits positiv konnotiert wird, wird subtil eine Seite bezogen - die der mutigen Frau, die es wagt, einen Vergewaltigungsvorwurf zu äußern. Dass dies nicht zufällig geschieht, lässt sich herausfinden, wenn man den Artikel (der an eine von einem Fan geschriebene Homestory erinnert) weiterliest.

So wird dem Fall James Deen nicht nur eine längere Passage gewidmet, es wird auch ergänzt, dass Deen auf Stoyas Vorwürfe reagiert hat - doch gleichzeitig erwähnt man, dass weitere Frauen ebenfalls Vorwürfe gegen Herrn Deen erhoben haben. Zu diesen, so der Artikel, habe sich Deen nicht geäußert.

Die Stoßrichtigung hier ist klar: Auf der einen Seite die kluge Pornodarstellerin und Feministin, die sich trotz der zu erwartenden Anfeindungen mutig ins Rampenlicht begibt, um eine Vergewaltigung öffentlich zu machen. Auf der anderen der von vielen als "feministisch" angesehene Pornodarsteller, der zu den Vorwürfen, die auf ihn einprasseln, auch noch schweigt (was in den Augen vieler Beobachter quasi gleichzustellen ist mit einem "er hat seine Schuld eingestanden").

Pikiert wird auch festgestellt, dass derjenige, dem diese Vorwürfe gelten, sogar noch zu einer Preisverleihung eingeladen wurde, die Stoya moderierte - ein Skandal, wie es im Artikel heißt. Die Tatsache, dass Stoya die Vorwürfe zwar per Twitter in die Welt schickte, jedoch keinerlei juristische Auseinandersetzung möchte weil sie "zu wenig ans Justizsystem glaubt" wird im Artikel ebenfalls nur kurz erwähnt, aber nicht kritisch begleitet.

So entsteht ein Bild, dass James Deen im denkbar schlechten Licht zeigt, Stoya dafür geradezu glorifiziert. Dabei hat dieses Bild einen entscheidenden Fehler. Bereits im Jahr 2015 hat sich James Deen umfangreich zu den Vorwürfen geäußert. Und noch etwas fehlt im Artikel: Stoya sagt selbst, dass sie erst spät realisierte, dass James Deen sie vergewaltigt hätte, als er es ignorierte, dass sie ihr "Safe Word" benutzte.

Zu jener Zeit war sie in einer BDSM-Beziehung mit James Deen und das Ignorieren des Safe Word (jenes Wort, das unmissverständlich klarmacht, dass jemand die sexuelle Handlung abbrechen möchte), ist in BDSM-Beziehungen ein "No-Go", das Übertreten dieser Schwelle ist letztendlich das Ignorieren eines "Nein", somit eine Form der sexuellen Gewalt. Dass dies Stoya als einer feministischen, intelligenten und auch zum Thema Sexualität und Beziehungen schreibenden Frau neu wäre, ist zumindest ungewöhnlich und verdiente eine Erwähnung.

Nun könnte dieser Artikel als alleiniger Ausrutscher angesehen werden, doch es zeigt sich, dass dem nicht so ist. Im Dezember 2015 veröffentlichte der Guardian einen Artikel mit der Überschrift "How Stoya took on James Deen and broke the porn industry's silence". In diesem Artikel wird Stoyas Begründung dafür, die Vergewaltigung erst spät wirklich als solche angesehen zu haben, ein ganzer Absatz eingeräumt.

Es wird viel darüber geschrieben, wie Sexarbeiter allgemein als Menschen angesehen werden, die ja nicht vergewaltigt werden können, weil sie es "ja wollen" oder "das nun einmal ihre Arbeit ist". Und es wird klargemacht, dass James Deen sich nicht zu den Vorwürfen gegen ihn äußert. Obgleich dies sein gutes Recht ist und er sich nur wenige Tage später umfassend äußerte, ist dies dem Guardian bisher keine Erwähnung wert gewesen, so dass jemand, der sich nicht weitergehend informiert, glauben muss, James Deen sei eben nicht einmal willig, etwas dazu zu sagen, dass er als Vergewaltiger angesehen wird.

Weder der Guardian noch die Welt betrachten die Tatsache, dass James Deen von etlichen Menschen geächtet und zudem auch von seinem Gelderwerb zunehmend abgeschnitten wird, kritisch. Auch die von Bret Easton Ellis, einem Freund sowohl Stoyas als auch James Deens, veröffentlichten Anmerkungen bezüglich Stoyas Beschuldigungen, sind medial kaum präsent:

'Wegen dieser Anschuldigungen kann ich nicht mehr mit James Deen arbeiten.' Das ist beängstigend. Das habe ich auch auf Twitter geschrieben. Lasst das mal sacken. Lasst uns in einer Gesellschaft leben und dies sacken. Das ist ein Problem, weißt du?

(Bret Easton Ellis zu den Auswirkungen der Vorwürfe gegen James Deen)
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