Papst will sich mit Waldensern treffen

03.03.2016

Katholische Kirche rottete die Konfession im Mittelalter fast aus

Papst Franziskus will sich einer Meldung des Pressediensts der italienischen evangelischen Kirchen NEV nach am Wochenende mit Vertretern der Waldenser treffen. Die katholische Kirche hatte diese um 1175 entstandene und 1184 von Papst Lucius III. exkommunizierte Glaubensgemeinschaft, die das Predigtmonopol des katholischen Klerus infrage stellte und die Bibel selbst las, während des späten Mittelalters praktisch ausrotten lassen. Zu Beginn der Neuzeit zählte die Konfession nur noch wenige Gläubige in einigen abgelegenen Alpentälern.

Seit 1532 sehen sich die verbliebenen Waldenser als Protestanten. 1979 vereinigten sie sich in Italien mit den dortigen Methodisten zur Chiesa Evangelica Valdese. Mit Vertretern dieser Vereinigung will Franziskus am Samstag sprechen. Im letzten Sommer hatte er bereits den "Tempio" der Waldenser-Methodisten in Turin besucht (die ihn dazu eingeladen hatten) und dabei "unchristliche Haltungen und Verhaltensweisen" der katholischen Kirche in der Vergangenheit eingestanden.

Diese "Haltungen und Verhaltensweisen" umfassen zum Beispiel den 1487 von Papst Innozenz VIII. initiierten Waldenserkreuzzug in der Dauphiné und Savoyen und die Verfolgung der Waldenser im deutschsprachigen Raum und in Ungarn durch den Inquisitor Petrus Zwicker im 14. und 15. Jahrhundert. Der ostpreußische Mönch verfolgte die Waldenser unter anderem im Auftrag von Georg von Hohenlohe, der zwischen 1388-1423 Bischof von Passau war. 1391 stellte er die Waldenser im öberösterreichischen Steyr vor die Wahl zwischen Scheiterhaufen und Katholizismus, 1392 und 1394 die in Erfurt und Stettin, wo er mindestens 443 Personen verurteilte.

Die siebenundsechzigjährige Waldenserin Elsa Feuer aus dem oberösterreichischen Dambach ließ Zwicker verbrennen, weil sie sich weigerte, eine Art Walk of Shame als Strafe anzutreten und sich vor den Kircheneingang zu legen, damit die Besucher auf ihr herumtrampeln. Eine andere Oberösterreicherin, die die Verbrennung von sieben Waldensern kritisierte, wurde ebenfalls verbrannt.

1397 und 1398 ließ Zwicker bei Inquisitionsverfahren in Steyr eine vierstellige Zahl von Menschen verhören, von denen achtzig bis hundert verbrannt wurden. Dann zog er weiter ins damals ungarische Tyrnau und nach Ödenburg, wo er nicht nur die Häuser von Waldenserfamilien zerstören, sondern auch Leichen ausgraben ließ, um sie zu verbrennen. Als er 1403 in Wien starb, hatte er praktisch alle Waldenser in Österreich und Westungarn getötet oder "bekehrt".

So stellte sich Jan Luiken 450 Jahre später die Verbrennung von 80 Waldensern in Straßburg 1215 vor.

Eine mit den Waldensern verwandte Glaubensgemeinschaft, die Katharer, rottete die katholische Kirche so gründlich aus, dass es heute keine Vertreter gibt, bei denen der Papst "unchristliche Haltungen und Verhaltensweisen" einräumen könnte. Der letzte Katharer wurde nämlich 1342 in Florenz verhaftet. Danach verfolgte man nur noch Personen mit dem Vorwurf des Katharertums, die gar keine waren.

Gegen die Katharer rief Papst Innozenz III. 1209 einen Kreuzzug aus, der bis 1229 dauerte. In Béziers töteten die Teilnehmer an diesem Kreuzzug am 22. Juli 1209 fast alle 20.000 Einwohner der Stadt - Katharer wie Katholiken. Hier soll der päpstliche Gesandte, der Mönch Arnaud Amaury, den berühmten Ausspruch "Tötet sie! Gott kennt die Seinen schon" getätigt haben. In Carcassonne, ließen die Kreuzritter am 1. August 1209 Kinder, Krüppel und Alte "nackt, nur mit ihren Sünden beladen" ziehen, den Rest der Bürger hängten oder verbrannten sie. Darauf hin ergaben sich viele Städte kampflos. Personen, die sich nicht öffentlich zur Papsttreue bekennen wollten, verbrannte man trotzdem. Was danach von den Katharern noch übrig war, erledigten die Inquisition und der französische König, der die Festung Montségur am 16. März 1244 mit ihren Verteidigern darin anzünden ließ.

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