Tadschikistan: "An eine Rückkehr ist nicht zu denken"

10.03.2016

Seit über zwei Jahrzehnten wird Tadschikistan von Emomali Rahmon, einem brutalen Diktator, regiert

Der tadschikische Friedensaktivist Nuriddin Rizoyi lebt seit einigen Monaten in Österreich. Er ist ein politischer Flüchtling. In seiner Heimat würde man ihn aufgrund seiner kritischen Haltung foltern oder gar ermorden. Seit über zwei Jahrzehnten wird Tadschikistan von Emomali Rahmon, einem brutalen Diktatur, regiert. Doch der 29-jährige Rizoyi ist weiterhin politisch aktiv. Als Angehöriger der "Group 24", einer jungen Tadschiken-Gruppe, die sich der Revolution verschrieben hat, kämpft er weiterhin für Menschenrechte in seiner Heimat - und will die internationale Gemeinschaft auf die katastrophalen Zustände aufmerksam machen.

Vor kurzem haben Sie gemeinsam mit anderen Aktivisten in Wien protestiert. Wogegen haben Sie genau demonstriert und wo fanden weitere Proteste statt?

Nuriddin Rizoyi: Wir haben gegen die Diktatur in Tadschikistan demonstriert und unsere Stimme gegen das Regime von Emomali Rahmon, das das Land seit vierundzwanzig Jahren unterdrückt, erhoben.

Tadschikistan ist ein Land mit vielen Ressourcen. Es gibt Wasser, Gas, Erdöl, Gold und andere Edelmetalle, seltenes Gestein und viele weitere Bodenschätze, aus denen man Geld schöpfen könnte. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehört das Land weiterhin zu den ärmsten Staaten der Welt. Vierundsiebzig Prozent der Bevölkerung lebt jährlich im Durchschnitt ganze sieben Monate ohne Strom. Über zwei Millionen Menschen sind nach Russland ausgewandert, um dort zu arbeiten und mit dem verdienten Geld ihre Familien in der Heimat zu ernähren. Dies betrifft vor die junge Generation.

Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass es in Tadschikistan kaum Arbeit gibt. Das BIP des Landes ist sehr von jenen Arbeitern abhängig, die in Russland tätig sind und ihr Verdientes Nachhause schicken. In Russland leben diese jungen Tadschiken unter sehr schlechten Bedingungen. Sie werden ausgebeutet und sind Sklaven des modernen Zeitalters.

Zum gleichen Zeitpunkt herrscht in Tadschikistan die Korruption. Die Familie Rahmon bedient sich der Staatskasse, während es im Land keine Meinungsfreiheit gibt. Kritische Bürger werden gejagt und unterdrückt. Eine Opposition ist praktisch kaum vorhanden. Die Islamische Wiedergeburtspartei stellte den einzigen Hoffnungsfunken dar, wurde vor einiger Zeit allerdings verboten und als "Terrororganisation" eingestuft. Mindestens zweihundert Parteimitglieder und Sympathisanten wurden verhaftet.

Wir und viele andere Tadschiken sind der Meinung, dass ein solcher Protest der einzige Weg ist, um auf friedliche Art und Weise auf die Lage in unserer Heimat aufmerksam zu machen. Aus diesem Grund fanden auch in anderen Ländern, etwa in Deutschland, Polen, Schweden, Georgien, Russland sowie in der Türkei Demonstrationen statt.

Bild: Nuriddin Rizoyi

Sie sind ein Teil der weltweiten Zivilgesellschaft gegen Emomali Rahmon. Seit wann sind Sie politisch aktiv und was lässt sich des Weiteren zur Lage in Tadschikistan sagen?

Nuriddin Rizoyi: Seit 2013 bin ich als politischer Aktivist gegen das Rahmon-Regime tätig. Vor allem nach den Präsidentschaftswahlen, die im selben Jahr lediglich zum Schein abgehalten wurden, sowie der verstärkten Unterdrückung jeglicher Opposition bin ich aktiv geworden. Als Umarali Quvvatov, der Gründer der "Group 24", damals begann, von einer Revolution innerhalb der tadschikischen Gesellschaft zu sprechen, fühlten sich viele junge Menschen wie ich angesprochen. Im Juni 2014 begannen wir vor allem damit, in jenen russischen Städten, in denen viele tadschikische Migranten leben, aktiv zu werden.

Die gegenwärtige Lage in Tadschikistan könnte wohl nicht schlimmer sein. Jeder, der sich der Meinung des Präsidenten nicht anschließt und ihn kritisiert, gilt als Terrorist oder Extremist und landet ins Gefängnis oder wird ermordet. Tausende Menschen sind auf diese Art und Weise verschwunden, vor allem Journalisten und Aktivisten.

Warum erfahren Ihrer Meinung nach dennoch so wenig Menschen außerhalb Tadschikistans, vor allem im Westen, von diesen katastrophalen Zuständen?

Nuriddin Rizoyi: Ich denke, das hat auch mit der tadschikischen Gesellschaft an sich zu tun. Wir Tadschiken wollen unsere Probleme immer intern und friedlich regeln. Mittlerweile sind jedoch viele Tadschiken der Meinung, dass die Grenze überschritten wurde. Deshalb muss auf internationaler Ebene auf die Lage im Land aufmerksam gemacht werden. Tadschikistan muss in den weltweiten Schlagzeilen präsent werden.

Emomali Rahmon am 8. Juli 2015 auf dem BRICS-Gipfel. Bild: Kreml

Sowohl Russland als auch die USA sind enge Partner des Rahmon-Regimes. Was für eine Rolle spielen die beiden Staaten Ihrer Meinung nach?

Nuriddin Rizoyi: Jeder Staat will auf irgendeine Art und Weise seine Interessen durchsetzen, das ist völlig natürlich. Tadschikistan liegt ohne Zweifel an einem geostrategisch wichtigen Punkt. Dieser Punkt zieht das Interesse derartiger Staaten auf sich.

Die Amerikaner betrachten das Land als das Tor zu Zentralasien und haben dabei vor allem Staaten wie Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan sowie Kirgistan im Blick. Währenddessen unterhalten die Russen eine Militärbasis in Tadschikistan. Außerdem haben sie die südlichen Staatsgrenzen zu Afghanistan im Auge. Russland verhalf Rahman 1992 zur Macht. Einer der Gründe, warum er heute noch an der Macht ist, ist die Unterstützung des Kremls. Da die Vereinigten Staaten jedoch seit über vierzehn Jahren in Afghanistan militärisch präsent sind, müssen sie mit den Nachbarstaaten, zu denen eben auch Tadschikistan gehört, zusammenarbeiten. In den letzten Jahren fand diese Zusammenarbeit vor allem auf geheimdienstlicher und militärischer Ebene, hauptsächlich den Grenzschutz betreffend, statt.

Bild: Nuriddin Rizoyi

Gegenwärtig ist der sogenannte Islamische Staat (IS) in aller Munde. Allem Anschein nach hat sich Gulmurod Khalimov, ein hochrangiger tadschikischer Militär, der einst Spezialeinheiten anführte, den IS-Fanatikern angeschlossen. Tadschikische Extremisten befinden sich auch im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Wo lassen sich die Gründe dafür finden?

Nuriddin Rizoyi: Khalimov hat sich tatsächlich dem IS angeschlossen. Das ist mittlerweile Fakt. Andere militante Tadschiken haben sich den Taliban im besagten Grenzgebiet angeschlossen. Der Grund hierfür ist Rahmons repressive Politik, die vor allem religionsfeindlich ist. Laut dem Präsidenten ist Religion nämlich etwas, was dem Menschen zuwider ist, ja seinen Fortschritt stört.

Die Menschen in Tadschikistan haben genug von dieser unterdrückenden Form von Säkularismus. Achtundneunzig Prozent der Tadschiken sind Muslime, doch Rahmons Politik richtet sich gegen Religion. De facto hat er der ganzen Nation den Krieg erklärt. Der internationalen Gemeinschaft ist Rahmons antireligiöse Politik, die sich nicht nur gegen den Islam, sondern gegen jegliche Religion richtet, bekannt. Allerdings wird nichts dagegen unternommen. Das Ganze einschließlich der Auswirkungen - Extremismus wird dadurch nämlich regelrecht gesät - wird schlichtweg ignoriert.

Sie leben nun seit einigen Monaten in Österreich. Gibt es eine Möglichkeit für Sie, in Ihre Heimat zurückzukehren?

Nuriddin Rizoyi: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist an eine Rückkehr nicht zu denken. Dies betrifft alle politischen Aktivisten, solange es nicht zu einer Revolution kommt, die die Diktatur entmachtet. Im Falle einer Rückkehr erwartet mich das Schicksal von anderen Aktivisten, nämlich eine Mindesthaftstrafe von siebzehn Jahren. Dies geschah unter anderem mit Maksud Ibrahimov, Umedjon Solihov und anderen Unterstützern der "Group 24". Besonders schlimm ist die Tatsache, dass die Strafe nicht nur uns als Einzelne treffen wird, sondern auch unsere Familien. Tadschikistan gehört zu jenen Staaten, die im Falle eines kritischen politischen Aktivismus die gesamte Familie des "Täters" kollektiv bestraft.

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