Über den Raum in die Zeit

07.03.2016

Johannes Grenzfurthner erforscht in einem Road Movie die Geschichte des Nerdtums

Johannes Grenzfurthner ist der Kopf der Künstlergruppe Monochrom. In der Vergangenheit gab er unter anderem das gleichnamige Fanzine heraus, gestaltete Spiele wie Sowjet-Unterzögersdorf und veranschaulichte wirtschaftliche Wahrheiten abseits populärer Mythen in der Aktion Eigenblunzn. Zuletzt drehte er die Weltraum-Sitcom Monochrom's ISS und die Science-Fiction-Groteske Gstettensaga, die nach einem Dritten Weltkrieg zwischen China und Google spielt (vgl. Kotze, Sperma und Inventur im Weltraum und Österreichischer Mad Max II). Nun hat er sich in einem Film auf die Reise nach der eigenen Identität als Nerd begeben: Traceroute, der auf der PhutureCon 2016 den Preis für den besten Dokumentarfilm gewann.

Die dem eigentlichen Film dazu vorangestellte Autobiographie Grenzfurtners mit zahllosen Fotos (unter anderem vom Woschiwoschiwauwau, dem Hund, der nicht kackt), VHS-Aufnahmen, Textadventure-Screenshots, selbstgefertigten Rollenspiel-Unterlagen und anderen Schätzen zeigt, dass man nie etwas wegschmeißen sollte, weil es 30 oder 35 Jahre später immer toll aussieht. Dazu braucht man freilich ein Privatarchiv im ländlichen Österreich oder einer anderen bezahlbaren Gegend. Diesen Kreis schließt Grenzfurthner am Schluss des Films, wenn er den amerikanischen Privatarchivar und Technologiehistoriker Jason Scott in einem seiner Sammelcontainer erzählen lässt, dass er Leuten, die meinen, er habe ein "hoarding problem" sagt, er nehme ihre Meinung gerne entgegen und verstaue sie bei den anderen.

Jason Scott. Bild: Traceroute.

Ein Road Movie, bei dem jemand quer durch die USA fährt, klingt eigentlich wie eine recht abgedroschene Idee. Dass der Film trotzdem nicht so langweilig wird wie Paris, Texas liegt zum kleineren Anteil daran, dass Grenzfurthner das nicht gerade, sondern grob U-förmig mit Schnörkeln macht - und zum größeren an den Leuten, die dabei trifft: In San Francisco, wo die Reise beginnt, ist das unter anderem der RE/Search-Gründer V. Vale, der sein eigenes Archiv öffnet und seine eigenen Ideen zum Nerdtum zum Besten gibt.

"Wüstenblumen" mit denen man nach Aliens sucht. Bild: Traceroute

Außerdem trifft er dort die "Sexhackerin" Maggie Mayhem, die vor dem Hintergrund einer Nikola-Tesla-Wandtapete erzählt, wie sie in ihrer Kindheit von Batterien anstatt von Barbie-Puppen fasziniert war, wie sie sich als Junge ausgab, um ernster genommen zu werden, wie sie glaubte, als erwachsene Frau wären all die interessanten technischen Abenteuer vorbei - und wie sie dann auf Messen Sex gegen Software tauschte.

Maggie Mayhems Ostküsten-Äquivalent Kit Stubbs lässt ein Häkelpüppchen für sich sprechen. Grenzfurthners interessanteste Gesprächspartnerin ist aber die Biodesignerin Christina Agapakis, die mit menschlichen Körperbakterien Käse herstellt, wofür ihr der Filmemacher Mikroorganismen aus Achsel und Unterleib zur Verfügung stellte.

Traceroute (Trailer) from monochrom on Vimeo.

In Los Angeles filmt Grenzfurthner unter anderem den Tunneleingang, der in Filmen wie Who Framed Roger Rabbit, Back To The Future 2 und War Games eine wichtige Rolle spielt. In Malibu schleckt er den Terminator-Kopf, eine Zombiemaske und den aus der Serie Six Feet Under bekannten Sohn des Special-Effects-Designers Stan Winston ab.

In der Nähe der Area 51 videokonferiert er mit Trevor Paglen, der mit astronomischen Instrumenten Aufnahmen gesperrter Militäranlagen macht und erfährt dabei, dass das Militär Studentenscherze auf Steuerzahlerkosten macht. Auf einem ehemaligen Atombombentestgelände erzählt ihm die Witwe eines Mannes (der sich draußen mit einem Gewehr den Kopf wegblies, nachdem seine Frau gemeint hatte, sie wolle die Sauerei im Haus nicht wegräumen), dass kleine Stücke des Glases, das aus dem nuklear geschmolzenen Sand entstand, für 3.000 Dollar gehandelt werden.

Gleich schleckt Johannes Grentfurthner den Terminator ab. Bild: Traceroute.

In Phoenix besucht er Bad Dragon, wo man Drachendildos fertigt. In Austin spricht er mit Bruce Sterling darüber, wie erstaunt der Autor war, als sich Cyberpunk in Italien von einem literarischen Subgenre zu einer Bewegung entwickelte. In Albuquerque macht er dezent untergebrachte Anmerkungen zu Breaking Bad, in Dallas zu Kennedy-Ermordung und in Pittsburgh über George Romeros Zombie-Filme, Zombies als totale Konsumenten, und dazu, dass auch der (im Gegensatz zu Detroit) gelungene der Übergang von der Industriestadt zur postindustriellen Stadt unangenehme Lebensbedingungen hinterließ. Und in Providence erzählt Grenzfurthner auf einem Friedhof, wie wichtig der Sturz des von ihm verehrten H.P. Lovecraft für seine Entwicklung war.

Stühleaufräumen und Cyberpunk-Gespräche mit Bruce Sterling. Bild: Traceroute

Dass das nicht langweilig wird, liegt aber auch daran, dass der Film formal immer wieder Neuland beschreitet und zum Beispiel eine Artefakt-Blende einsetzt, die aussieht wie eine Bildstörung. Und während der klassische Hollywood-Film jede Information dreifach (also auf drei Ebenen) vergibt, da nutzt Grenzfurthner eingeblendete Texte und eine Diskrepanz zwischen Ton und Bild für Scherze in einer Dichte, die es sonst nur in Cartoons gibt.

Spaghettimonster-Bumpersticker statt Jesusfisch: Bild: Traceroute

Dem Werk bringt das den Vorzug, dass man es öfter ansehen kann und dann zum Beispiel entdeckt, dass der inzwischen Vierzigjährige den Woschiwoschiwauwau dabei hat und kurz nach dem Besuch von Carl Sagans Löwenzahnstrand aus der Fernsehserie Unser Kosmos auf einen orange-weiß gestreiften Verkehrskegel beiläufig "VLC" schreibt - den Namen des Videoplayers, der dieses Symbol nutzt. Am Schluss wird aus dem Dokumentarfilm durch einen recht originellen Dreh während eines Interviews mit dem Special-Effects-Designer Steve Tolin ein fiktionaler Film - zu verraten, wie Grenzfurthner das genau macht, wäre allerdings ein Spoiler.

In den nächsten Monaten wird Traceroute unter anderem auf dem Independent Film Festival und dem Hope 11 in New York, der PhutureCon in Denver und Sapporo, dem Dokumentarfilmfestival Ethnocineca und dem Österreichischen Filmfestival in Wien, dem Print Screen Festival im israelischen Holon und dem 33. Chaos Communication Congress des Chaos Computer Clubs in Hamburg laufen.

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