Die Bergpredigt ist kein Heimatroman

07.03.2016

Ein Kommentar zur Flüchtlingspolitik

Die Bundeskanzlerin bleibt sich treu. Aus humanitären und christlichen Gründen lehnt sie eine Obergrenze für Flüchtlinge ebenso konsequent und nachhaltig ab wie geschlossene Grenzen in Europa. Das ist im Ansatz eine Politik der Bergpredigt.

Bisher haben alle Kanzler von Bismarck über Helmut Schmidt bis Helmut Kohl gesagt: Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren. Merkel beweist das Gegenteil: Selig ist, wer Flüchtlingen hilft.

Bei ihrem zweiten großen Interview bei "Anne Will" hat sie diese ihre Flüchtlingspolitik souverän und kämpferisch begründet. Die neue Merkel. Das Überraschendste dabei: Ihre Standhaftigkeit wird allmählich anerkannt. Alle wichtigen Wirtschaftsverbände unterstützen ihre Flüchtlingspolitik.

In der Wählergunst steigen ihre Werte wieder. Sagenhafte 90% der Deutschen und 80% der Europäer sagen, dass Menschen geholfen werden müsse, die vor Bürgerkriegen, Gewalt und Terror fliehen.

Dass Merkels Warnung vor geschlossenen Grenzen richtig war und ist, können wir Abend für Abend durch Bilder an der griechisch/mazedonischen Grenze erkennen. Dort sehen wir Polizisten, die mit Tränengas gegen Flüchtlinge und ihre Kinder vorgehen, zunehmende Aggression unter den Emigranten und radikale Verzweiflung. Beschämende Szenen für ein Europa, das sich Toleranz, Solidarität und Menschenrechten verpflichtet fühlen will. Eine Gefahr für die Substanz der EU.

Athen hat die Kontrolle über die täglich anwachsenden Flüchtlingsmassen bereits verloren. Es droht eine bisher unvorstellbare humanitäre Katastrophe in Europa. Das müssen jetzt auch die Seehofers und Orbans zur Kenntnis nehmen. Deren Vorwurf, Merkel habe im September 2015 Flüchtlingen die Grenzen geöffnet, war schon immer albern. Durch den Schengen-Vertrag sind die EU-Grenzen schon lange offen. Schon seit vielen Jahren sagen afrikanische Flüchtlinge nicht "Wir wollen nach Europa", sie sagen "Wir wollen nach Schengen".

Die linke taz nennt die Kanzlerin bereits "Kanzlerin der Herzen". Sie ist die heißeste Anwärterin für den Friedensnobelpreis. Ihre Politik entscheidet substantiell über unser künftiges Verhältnis zur muslimischen Welt. Gelingende Integration ist der effektivste Schutz gegen den islamistischen Terror.

Der Merkelsche humanistische Imperativ zeigt zugleich weltpolitisches Format, moralische Verantwortung und beispielhaft humane Qualität. Menschlichkeit sei, sagte sie bei "Anne Will" sehr überzeugend, ihre "verdammte Pflicht und Schuldigkeit". Merkels Pflichtgefühl ist Europas Schuldigkeit. Und damit es jeder versteht: "Ein Europa der geschlossenen Grenzen ist nicht mehr mein Europa."

Wenn schon der Obergrüne Winfried Kretschmann in der Flüchtlingsfrage "jeden Abend für die Bundeskanzlerin betet", wie er sagt, dann leben wir in spannenden Zeiten wie selten. Und was meint die Kanzlerin zu dieser Fürbitte? "Ich freue mich über jeden, der mich unterstützt".

Und was sagt sie auf die Frage, was wird, wenn der EU-Gipfel scheitert? "Dann machen wir den nächsten." Im Sinne des Bergpredigers gehört den Hoffenden und Unverzagten die Zukunft. Sie sollen sogar "Berge versetzen" können. Ich sehe bereits die Schlagzeilen der Kollegen in vielleicht fünf oder zehn Jahren vor mir, die Merkel dafür danken, dass sie mit ihrer vorausschauenden Flüchtlingspolitik das nächste deutsche Wirtschaftswunder vorbereitet hat.

Vor 2.000 Jahren hat uns der wunderbare junge Mann aus Nazareth darauf aufmerksam gemacht, dass wir alle gleich nach unserem Tod gefragt werden: "Was hast du getan für deinen Bruder und für deine Schwester in Not?" Jesu Bergpredigt ist kein Heimatroman, sondern die Magna Charta für eine bessere Welt.

Gastkommentar von Franz Alt. Mehr von ihm auf Sonnenseite.com.

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