Göttin der Morgenröte

09.03.2016

Merkel als Übermutter? Eine Erwiderung

Der Publizist Franz Alt pflegt aktuell Merkels Mythos in einem Kommentar bei Telepolis, feiert Merkel als wahren Segen, sie zeige "weltpolitisches Format, moralische Verantwortung und beispielhaft humane Qualität" (Die Bergpredigt ist kein Heimatroman). Bergpredigt und Wirtschaftswunder werden bemüht, um ihr Charisma - hier wird es geradezu prophetisch - zu belegen. Wer noch zweifelt, so Alt, dem werde es die Zukunft schon beweisen.

Ohne Zweifel, Angela Merkel ist mehr als "nur" die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Das Time-Magazin kürte die deutsche Kanzlerin 2015 zur "Person des Jahres", tauft sie "Chancellor of the Free World" (damit wird es global), lobt überschwänglich ihre Qualitäten: "Merkel brandished a different set of values - humanity, generosity, tolerance …" Sie ist schlechterdings "Die Richtige", zumal in Zeiten wie diesen.

Mythenbildung

Bei allen denkbaren und realen Verdiensten, so wird "Kohls Mädel" zur übernatürlichen Größe stilisiert. Und indem das geschieht, ereignet sich Mythenbildung. Merkel wird zur Übermutter. Mit deutlichen Bezügen zur Antike, denn seither wird Europa (der "Neue Kontinent") als Frau identifiziert. Mal als Mondgöttin Selene, mal als Eos, als strahlende Göttin der Morgenröte. "Selene", so schrieb Annette Kuhn in einem Essay über die "Matriarchale(n) Grundlagen von Europa", "ließ ihren Bruder Helios jeden Morgen in neuem Glanz erstrahlen, bis er abends, geleitet von der Abendgöttin Hespera bzw. Hermerna wieder im Westen unterging."

Bild von Angela Merkel: Armin Linnartz. Lizenz: CC-BY-SA-3.0. Illustration: Telepolis

Die politische Willensbildung des Volkes überlässt die Gepriesene derweil den Niederungen der Tagespolitik und ihrer hoffnungslos zerstrittenen Akteure. Das reicht von Links bis ganz Rechts, und dabei wird Bodensatz hochgespült und - schlimmer - es wird gezündelt in deutschen Landen. Merkel ficht es kaum an, dazu ist ihr "Plan" zu überdurchschnittlich, zu hochgradig. Erklären kann sie ihn nicht richtig, er hat irgendwas mit dem Projekt Europa zu tun (das heißt zugleich: mit ihr selbst), Widersprüche werden wegerklärt oder ausgesessen.

Schon 2010 bilanzierte Stefan Niggemeier, und dies selbst in der konservativen FAZ, einen hohlen Optimismus der Kanzlerin und nannte seine Abrechnung damals: "Hilflos. Die Sprache der Kanzlerin". Sie strotze vor "blutleerer Abstraktheit".

"Ich will Schicksal sein!"

"Zu allen Zeiten hat man Divinationsgabe den Frauen zuerkannt", schrieb die jüdische Frauenrechtlerin und Individualpsychologin Alice Rühle-Gerstel (1894-1943), sie unterzog das weibliche Verhältnis zur Macht einer schonungslosen Analyse, fahndete nach "Frauen-Mustern" und "Musterfrauen", untersuchte den "Formenwandel weiblicher Leitlinien"1. Als ein typisches Muster erkennt sie "die Überspannte", deren Persönlichkeitsziel laute schlicht: "Ich will Schicksal sein!" Gerade die weniger schönen Frauen, die weniger erotisch fesselnden, so Rühle-Gerstel, neigten zum "Schicksalspielen".

Die matriarchale Machtlust der Göttin: Angela Merkels viel gepriesener "Altrozentrismus" gehört dazu. Er bricht sich derzeit am Egoismus der Anderen. Politisch ausgedrückt, am nationalen Kalkül der übrigen Europäer. Zu denken ist dabei an die osteuropäischen "Partnerländer". Wir erleben gerade auch eine Türkei, die aus der Situation unverschämtes Kapital herausschlägt und gleichzeitig daheim Menschenrechte mit Füßen tritt - Freiheiten, die in der EU-Charta verbrieft sind.

Wie das? Angela Merkel, die "Kanzlerin der Herzen" hat durch ihren verspäteten und zusammenhanglosen Aktionismus zumindest eines erreicht, nämlich dass Europa erpressbar ist. Der türkische Premier Davutoglu führt gerade lustvoll vor, wie das geht (Amnesty: EU-Türkei: "Todesstoß für das Recht auf Asyl").

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