Fast die Hälfte der Juden will die arabischen Israelis ausweisen

16.03.2016

Eine Pew-Umfrage enthüllt tiefe Unterschiede zwischen Juden und Arabern in Israel, aber auch unter den jüdischen Bevölkerungsgruppen

Religion durchzieht Israel und macht mitunter das Zusammenleben schwer oder führt auch unter Juden zu Konflikten. Ein Drittel würde gerne am Sabbat den öffentlichen Verkehr im gesamten Land lahmlegen. 47 Prozent sind dagegen, dass Frauen laut wie die Männer an der Klagemauer beten dürfen. 54 Prozent lehnen es ab, dass konservative und reformistische Rabbis Heiraten ausführen dürfen. 23 Prozent lehnen es ab, dass Ultraorthodoxe zum Wehrdienst eingezogen werden. Und 17 Prozent sind dafür, dass in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die von Ultraorthodoxen benutzt werden, Frauen und Männer getrennt sitzen sollten.

Auch wenn in Israel unter den Juden die Angst vorherrscht, von den arabischen Muslimen demografisch überrundet zu werden und als Minderheit im eigenen Land zu enden, wäre die Fantasie noch weit entfernt. Gerade einmal 14 Prozent der israelischen Bürger sind Muslime. Noch weniger Christen und Drusen gibt es, nämlich jeweils 2 Prozent.

Bild: Daniel Borman/ CC-BY-SA-2.0

Allerdings ist, wie eine neue Pew-Studie deutlich gemacht, die israelische Gesellschaft zerrissen zwischen dem Lager der Orthodoxen und Ultraorthodoxen (Dati und Haredi ), die 10 bzw. 8 Prozent der Bevölkerung stellen, dem der traditionell jüdischen Masorti mit 23 Prozent und dem der Hilonie, der säkularen Juden, die 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen und sich zum Teil auch als nicht religiös bezeichnen. Für die Orthodoxen ist Jüdischsein eine Sache der Religion, für die Säkularen eine der Kultur oder der Herkunft. Die Orthodoxen, aber auch die Masorti verstehen sich primär als Juden und dann erst als Israelis, bei den Säkularen ist es umgekehrt.

Vor allem die streng oder fundamentalistisch Religiösen und die Hilonie leben in Parallelgesellschaften und haben selbst in dem kleinen Land wenige Berührungspunkte. Das trifft noch viel mehr auf die Einstellungen zu. Während die einen eher zu einem religiösen Gottesstaat neigen, sind die anderen für eine Trennung zwischen Religion und Staat. So gehen nach der gerade veröffentlichten Pew-Umfrage unter israelischen Juden 36 Prozent der Ultraorthodoxen davon aus, dass eine Demokratie mit einem jüdischen Staat nicht vereinbar sei.

Orthodoxe haben Schwierigkeiten mit der Demokratie

Allgemein sind 20 Prozent der Meinung, dass ein jüdischer Staat mit einer Demokratie inkompatibel ist, auch 21 Prozent der Säkularen, aber wohl aus einem anderen Grund als die Fundamentalisten. Das zeigt sich auch an der Beantwortung der Frage, ob demokratische Prinzipien oder religiöses Recht (Halakha) Vorrang haben sollten. 89 Prozent der Haredi und 65 Prozent der Dati ziehen das religiöse Recht vor, bei den Masorti sind dies nur 23 Prozent und bei den säkularen 1 Prozent. Mit über 60 Prozent haben die Vertreter eines säkularen demokratischen Staats zwar die Mehrheit, aber die religiöse Minderheit, die lieber einen religiösen Staat haben wollen, machen mit einem Viertel doch eine starke Minderheit aus.

Wenn zwei Drittel der arabischen Israelis sagen, dass Israel nicht gleichzeitig eine Demokratie und ein jüdischer Staat sein könne, dann scheint dies nur eine Oppositionsmeinung zu sein, denn 58 Prozent plädieren dafür, die Scharia in das Recht für Muslime einzubauen66 Prozent sind der Meinung, Religion sei sehr wichtig (was nur 30 Prozent der Juden sagen). Fast 80 Prozente der Araber sehen sich von der israelischen Gesellschaft diskriminiert. Das weisen die Juden zurück, obgleich 79 Prozent der Meinung sind, dass Juden in Israel bevorzugt werden sollten - je stärker religiös, desto stärker ist diese Haltung ausgeprägt. Mit 74 Prozent will eine große Mehrheit jedoch keine Diskriminierung der israelischen Araber sehen.

Orthodoxe Juden stehen meist politisch rechts

Zwischen beiden Gruppen herrscht seit Jahrzehnten Misstrauen, sie leben auch weitgehend getrennt und haben Freunde nur in ihrer Gruppe. So wird jeweils den Politikern des anderen Lagers unterstellt, dass sie sich gar nicht ernsthaft um die Herstellung von Frieden bemühen. Wie weit die Ablehnung geht, zeigt sich daran, dass mit 48 Prozent fast die Hälfte aller jüdischen Israelis die Aussage befürwortet, dass Araber aus Israel ausgestoßen werden sollten. Bei den Dati sagen dies 71 Prozent, bei den Haredi 59 Prozent, nur bei den Säkularen lehnt eine Mehrheit von 58 Prozent dies ab.

Unabhängig von der religiösen Einstellung, wohl aber damit zusamenhängend, sagen 72 Prozent der politisch rechts Eingestellten (37% aller Juden), dass die Araber letztlich in Israel nichts zu suchen haben, aber eine Mehrheit der Juden in der Mitte (55% aller Juden) lehnen zu 54 Prozent eine solche Forderung, bei den Linken (8% der Juden) weisen diese 87 Prozent zurück. Die meisten Orthodoxen neigen der politischen Rechten zu, beispielsweise Habayit Hayehudi, Yahadut Hatorah oder der Shas-Partei, die meisten Säkularen der politischen Mitte. Allgemein sind die stark Religiösen eher aus der rechten Seite zu finden, Linke gibt es fast nur bei den säkularen Hiloni.

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